Silvesterpfannkuchen
Schnell
ist der letzte Tag im Jahr angebrochen.
Silvestervormittags werden
die Silvesterpfannkuchen gebacken.
Dabei bin ich natürlich in der Küche.
Nachdem Hildchen den Teig in der großen
Kuchenschüssel kräftig gerührt oder
besser gesagt geschlagen hat, wird er zum
Gehen, nahe dem Wasserkasten, auf den
großen aufgemauerten Küchenherd gestellt.
Wie beim Pfefferkuchenbacken wird
die sauber gescheuerte Platte des Küchentisches
mit Mehl bestreut, bevor von dem
Teig, wenn er hoch genug gegangen ist,
ein Teil entnommen und auf der Tischplatte
ausgerollt wird. Aus der ausgerollten
Fläche stechen wir mit einem Grogglas
Scheiben aus. Auf eine Scheibe balanciert
Mutter mit einem Teelöffel einen
Klacks von ihrer guten Himbeermarmelade.
Mit einer zweiten Teigscheibe
wird die Marmelade abgedeckt.
Die Ränder beider Scheiben drückt sie
mit den Fingern leicht zusammen und
dann ab damit in den, auf dem Herd stehenden,
Topf mit siedendem Schmalz.
Jedoch nicht alle Kuchen werden mit
Marmelade gefüllt! Einige werden mit
Mostrich, einer Kaffeebohne, einem Ring
oder gar mit einem Dittchen gefüllt! Jede
der Sonderfüllungen bedeutet, so glaubt
man bei uns, für denjenigen, der den
Kuchen anbeißt, ein besonderes Ereignis
im Neuen Jahr! Leider ist nach dem
Backen von außen nicht mehr zu erkennen,
was drinnen steckt!
Nachdem alle Kuchen abgebacken und
auf die drei großen Kuchenteller aus dem
Küchenschrank verteilt im Schränkchen
(Speiseschrank geschützt durch Fliegendraht)
auf dem Flur kaltgestellt sind, legen
sich Mutter, Christel und auch Hildchen
für ein halbes Stündchen zur Ruhe.
Vater hält ohnehin seinen täglichen Mittagsschlaf,
auch Heinz und ich sollen, da
es heute am Silvesterabend wohl wieder
etwas später werden kann, uns auch für
ein halbes Stündchen hinlegen!
Aber „Hotterchen“ hat da eine glänzende
Idee: Während alle im Haus schlafen,
geht er bewaffnet mit einer langen,
spitzen Nähnadel aus Mutters Körbchen,
an das Schränkchen! Stück für Stück tastet
er die außen liegenden Kuchen durch
Nadelstiche ab und erwischt tatsächlich
drei mit ‘nem Dittchen! Vorsichtig werden
diese drei - einer auf jedem Tellerüber
eine Rose im Muster des Porzellans
gelegt, so dass er die Glücksbringer heute
Abend sicher wiederfmdet, meint er!
Sodann schleicht er die Treppe nach oben
und legt sich vorsichtig auf sein Bett!
Heinz schläft und hat augenscheinlich
nichts bemerkt.
Nach dem Abendbrot finden wir uns
alle festlich gekleidet in der Wohnstube
ein; und wieder liegt auf dem ausgezogenen
Esstisch eine weiße Decke. Auf ihr
je ein Glas und ein Frühstücksteller für
jeden Platz. In der Mitte des Tisches aber
stehen - noch leer - die guten Kuchenteller
aus der Anrichte in der Wohnstube!
Mutter, Christel und Hildchen bringen
jede einen Teller mit den Pfannkuchen
in die Stube. Mir wird ganz drehig
im Kopf. Mutter verteilt die Kuchen,
auch die von mir so mühsam markant
plazierten, mit den Worten: „Zu Silvester
können wir uns das leisten“, auf die
guten Kristallteller! „Aus der Traum
vom glücklichen Fischen!“, denke ich
bei mir. Es ist unmöglich, mir jetzt noch
zu merken, wo meine Markierten bleiben!Mit
viel Gucken und Kopfwiegen
wählt jeder seinen ersten Kuchen. „Was
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man einmal angefasst hat, muss gegessen
werden!“ ist Mutters bekannter Grundsatz!
Nun mein erster Biss und - Mostrich!
„Hotterche, Hotterche, wirst wohl
nich‘ viel Glück haben im neuen Jahr!“,
lässt sich Vater lachend hören und alle
lachen mit - notgedrungen auch ich!
Dabei fällt mir Gustavs Rede bei allen
Spielen ein: „Schummeln gilt nich’!“ Die
Kuchen auf den Tellern werden weniger
und - das fehlt mir gerade noch - ausgerechnet
Heinz findet einen Dittchen
und Christel auch einen und sie dazu den
Ring! „Na, wirst doch am End‘ nich‘
schon heiraten wollen im neuen Jahr?“,
wendet sich Vater zu ihr. Ich habe mich
langsam wieder zu Hildchen geschlängelt
und sitze auf ihrem Schoß. Sie hatte
bisher nur Marmelade in ihren Kuchen,
nun soll ich einen für sie aussuchen! Ich
greife einen vom letzten Teller und halte
ihn an ihren Mund. Vorsichtig beißt sie
hinein und zeigt eine Kaffeebohne auf
der Zunge! „So, so“, wiegt Mutter den
Kopf und sieht zu uns beiden hinüber,
„dann will Hildchen sich also im neuen
Jahr verloben! Was wirst’ dann bloß
machen, Jungche? Aber der Mostrich in
deinem ersten Kuchen hat ja schon bedeutet,
dass du im neuen Jahr nich’ viel
Glück haben wirst!“ Dabei lächelt Mutter
fröhlich übers ganze Gesicht, wie ich
es selten bei ihr gesehen habe! Ob sie
wohl doch was von meinem heimlichen
Kuchenstechen gemerkt hat und sich jetzt
freut, mir diesen Spaß verdorben zu haben?
Bei Mutter weiß man nie! Während
sich alle inzwischen fröhlich unterhalten,
lässt Hildchen mich, wie Heilig Abend,
an ihrem Portwein nippen. Dabei erkenne
ich, zu meiner Überraschung, heute
ein lächelndes Kopfnicken bei Vater! Wie
damals werde ich erst am Neujahrsmorgen
in meinem Bett wach.
Horst Buldt (ehern. Geidau / Samland)
Neddern End 6
24787 Fockbek
Tel.: 04331608362
Qottes Werkzeug
Weihnachten wird es auf Erden,
spürst du das Wunder auch?
Dieses leise Vergehen und Werden,
ähnlich dem Lebenshauch?
Lass alles Hasten und Rennen,
schau in das Kerzenlicht.
Erfreu’ dich an Kinderaugen,
dann spürst auch Alleinsein nicht.
Geh’ auch Du zu Kranken und Alten
und lasse sie nicht allein,
wenn es schwer wird den Tag zu gestalten,
könnten wir ihnen Sonnenstrahl sein.
Und darum ward Jesus geboren
als Mittler für alle Zeit.
Dich und mich hat er auserkoren,
wissend: wir sind bereit.
Nur so gibt es Tag- und Nachtgleichen
und gesegnete Weihnachtszeit
und mit Mut und Hoffnung, Vertrauen
ist auch die Liebe nicht weit.
Und sie ist das Werkzeug Gottes,
er gibt es uns in die Hand,
wie wir es gebrauchen und führen -
ist ihm und nur uns bekannt.
Eva Pultke-Sradnick 75