Full text : Unser Schönes Samland

-—Lichtenhagen ........—

Im

Samland, im fernen Ostpreußen, gab
es einmal ein kleines Dorf. Im Jahr
1933 werden 304 Einwohner erwähnt.
Der Fluss Frisching bildete die Grenze
zum nur 5 km entfernten Kreis Preußisch
Eylau. Es wurde hart gearbeitet in diesem
 kleinen Ort, aber die Menschen waren
 zufrieden. Man gönnte sich nach getaner
 Arbeit ab und zu ein Bier und einen
 Klaren im Gasthaus Klein.
Und man vergaß kein Fest: Zum Erntedankfest
 ging man nach Mahnsfeld. Es
wurden die Pferde gestriegelt, die den
Erntedankwagen zogen, der wiederum
war mit Girlanden geschmückt. Vorneweg
 gingen stolz die Musiker, besonders
imposant war der Paukenschläger, der
wirklich kräftig und dazu noch im Takt
auf die Pauke schlug. Die Kinder hatten
sich schon längst von der Hand der Mutter
 losgemacht und liefen neben den
Musikern her. Dabei waren auch Horst
Felske, der Sohn des damaligen Bürgermeisters,
 Emst Wenk und Hans Saager,
und hoch zu Pferde ritt Pötsch. Alle hatten
 sich fein gemacht, das gute Kleid und
Vaters dunkler Anzug waren gebürstet.
Auch die kleineren Junges standen vor
dem Spiegel und zogen immer wieder
einen Scheitel, wo er gar nicht hingehörte.
 Bis Mutter kam und mit nassem
Kamm durch die widerborstigen Haare
fuhr. Die Mädchen stolzierten mit steifem
 Kopf umher, weil die Zöpfe oder
die Schleifen im Haar so fest gebunden
waren, dass sie sich kaum bewegen konnten,
 ohne dass es weh tat.
Da wurde aufgetragen, dass sich die
Tische nur so bogen, aber man dachte
auch an die Ärmsten im Dorf. Die Musik
 spielte auf, und es wurde getanzt und
gelacht bis tief in die Nacht hinein. Heimliche
 Blicke gingen hin und her, und

manches Paar zog bald den schwarzblauen
 Nachthimmel mit den unzähligen,
glitzernden Sternen der Tanzfläche im
Saal vor. Vielleicht hatte man Glück und
eine Sternschnuppe fiel vom Himmel,
sodass man sich etwas Wunderschönes
wünschen konnte.
Aber am Sonntag eilten Alt und Jung
gemeinsam in die alte Kirche. Bereits im
Jahr 1349 wurde sie als niedriger Bau
errichtet, zuerst als katholische Kirche
mit einem hohen Kreuz auf dem Dach.
Später wurde in der Kirche nur noch
evangelischer Gottesdienst abgehalten. Es
gab kaum Katholiken im Samland. Drei
Glocken, davon wog die größte 13 Zentner,
 ersetzten im Jahr 1927 eine bereits
im Glockenturm hängende kleine Glocke.
 Der Glöckner, der einst bis unters
Dach klettern musste, um die kleine Glocke
 zu läuten, brauchte nun nur noch einen
 kleinen Schwengel zu betätigen, und
schon hörte man im ganzen Dorf die
Glocken läuten und wusste auch gleich
am Klang den Grund zu erkennen: War
es ein dumpfes Geläut, so wurde ein lieber
 Nachbar zu Grabe getragen, bei frohem,
 schwingenden Geläut aber wurde
die Gemeinde zur Taufe eines Neugeborenen
 gerufen.
Ein kleiner Friedhof schloss sich der
Kirche an. Ein zwei Meter hoher Zaun
umspannte das Gelände, und Fritz Hecht
erzählt: Wenn wir Junges zum Spielen
auf den Spielplatz wollten, mussten wir
durch zwei Türen des Kirchhofes gehen.
Obwohl die Dorfstraße gepflastert war,
gab es um den Spielplatz herum nur Moor
und Sand, was vom Regen schnell mal
aufgeweicht wurde. So flog uns der
Dreck beim Laufen schon mal um die
Ohren, vor allem aber waren die nackten
 Füße so dreckig, dass wir sie im al­72



ten steinernen Taufbecken, das an der
Seite vor der Kirchentüre stand und nicht
mehr benutzt wurde, wuschen, bevor wir
nach Hause gingen. Denn Mutter hätte
uns was erzählt, wenn wir so dreckig
ankamen. Das wenige Wasser in dem alten
 Taufbecken war dann bald voller
Schlamm und Blätter und stank fürchterlich.
 Bis zum nächsten Regen, der
wusch es wieder sauber.
Fritz Hecht wurde im Jahr 1920 zwar
in Gollau geboren, aber in seiner schönen
 Heimatkirche Lichtenhagen getauft
und später auch dort von Pfarrer Rink
eingesegnet. Wie das neue Taufbecken
aber aussah, daran konnte er sich nicht
mehr erinnern. Und er konnte in seinem
Heimatort auch in die Schule gehen, die
gleich neben der Kirche war.
Im Jahr 1945 fiel auch Lichtenhagen
den Russen in die Hände, und die Dorfbewohner
 mussten Haus und Hof verlassen.
 Lange noch stand die alte Kirche;
lange schon wurde kein Gottesdienst
mehr dort abgehalten. Sie wurde als Lager
 und Viehunterkunft missbraucht und
trotzte dennoch Wind und Wetter.
Aber dann begannen die Menschen ihr
das Dach zu nehmen, und die alten Mauern
 erzitterten vor Enttäuschung und
Sehnsucht nach ihrer Gemeinde. Ein
Storchenpaar hatte sich eine Ecke des
alten Daches für ihr Nest ausgesucht,
wohl deshalb, weil es keine Scheune mehr
weit und breit gab.

An den Wiehnachtsmann!

Min lewer goder Wiehnachtsmann
ek mot oft an die denke,
du wascht uns woll to Wiehnachte
wie emmer riek beschenke.

De Opa brukt en nieje Breil,
dann kann he got studeere.
De Oma brukt en Omschlagdok,
denn brukt se nicht tofreere.

De Mutter rackert bet ene Nacht
es flietig wie Frau Holle,
on weil se väl to streke hätt,
schenk ihr doch en Pungel Wolle.

On wat dem Voda freie mecht,
da bruk ek nich väl rede,
dat wer en scheene klene Glock
fer sienem Klingelschläde.

Ek wensch mir fer de Wintertied
paar schene feste Schlorre,
wenn togefrore es de Diek,
denn wel ich gohne schorre.

Di wensch ek fer dem wiede Weg
paar schene warme Stefel,
wenn ek nu to väl Wensche hew,
dat nem mi man nich ewel.

eingesandt von H. Biomeyer

aufgeschrieben von
Marlies Stern, Godrienen,

nach Angaben von
Fritz Hecht, Lichtenhagen 73