Träume eines Cranzers in Kanada
Hans
Rolinski - Jahrgang 1925 - und
ich waren zwischen 1928 und 1934
Nachbarskinder. Jeder eingesessene Cranzer
wird sich an das Delikatess- und Kolonialwarengeschäft
seiner Eltern in der
Königsberger Straße 18 erinnern.
Hans wanderte Anfang der 50er Jahre
über Bremerhaven nach Kanada aus. Ich
habe ihm bei seinem Abschied aus Deutschland
die Hand gedrückt und viel Glück
für die Zukunft gewünscht. Seit 1983
stehen wir wiederum in loser brieflicher
Verbindung. Mancher Inhalt seiner Briefe
sprach von der Sehnsucht nach seiner
aufgegebenen bzw. verlorenen Heimat.
In den nachstehenden, bereits auf das
Weihnachtsfest ausgerichteten Zeilen
hängt Hans wiederum seiner Erinnerung
an die verlorene Heimat nach. Ich glaube,
dass die Gedanken von Hans auch
Ihnen etwas sagen und gebe sie ungekürzt
weiter.
Walter Rosenbaum
Gerhardstraße 23
27576 Bremerhaven
Erinnerungen an ein anderes Leben
Ja, so kommt es mir vor, als wenn das
(Erinnerung... ) nicht in diesem Leben
und in dieser Welt war! Heimat, Cranz,
Jugendzeit - wie wacht das alles wieder
auf, wenn ich hier in meiner Einsamkeit
in diesem tiefverschneiten Örtchen in
Kanada sitze. Es ist der 1. Advent, nur
ein Kerzlein brennt, und es scheint nicht
viel nach zu sein in meinem Leben - außer
Erinnerungen! Vorweihnachtszeit, das
Fest, Sylvester in Cranz. Obwohl allein
bringt diese „Wanderung“ in die Vergangenheit
soviel Freude, aber auch viel
Schmerz. Nicht der „böse Krieg“ nahm
uns unsere Heimat, sondern die Unmenschlichkeit
der Sieger!
Wenn ich so auf meinen Adventskranz
schaue, sehe ich auch einige andere, im
Klassenzimmer und besonders bei unserem
Omchen in der Parkstraße, wo er
im kleinen „Winterwohnzimmer“ mit
dem großen Kachelofen und der Ofenbank
von der Decke hing, und wo die
„strenge Tante Erna“ mit uns Kindern auf
der Couch liegend Märchen erzählte. Das
war besonders schön, weil unsere Eltern
als Geschäftsleute mit so vielen Kindern
kaum Zeit dafür hatten. Es war eine Zeit
der Heimlichtuerei, des Basteins, Pinseins,
Stickens im warmen Stübchen, während
die Briketts im Ofen glühten. Die Dunkelheit
kam früh und in den erleuchteten
Geschäften lärmten die „Brumm-Töpper“
und die „Heiligen-Drei-Könige“ gingen
um. Und dann lag ein großer Tannenbaum
auf unserm Balkon im Schnee, sah I
eigentlich nicht besonders aus, und doch
schien er zu sagen: „Gedulde Dich, bald
werde ich ganz, ganz anders aussehen!“
Doch zunächst gab es die Vorbereitungen
für die Weihnachtsfeiern der beiden
großen Vereine, der „Liedertafel“ und des
„Männer-Gesangvereins“. Unsere Lieblingstante
Herta (Flechsig) übte Märchenspiele
mit uns ein, Mädchen und
Jungen waren mit Begeisterung dabei,
und erste zarte Fäden wurden wohl auch
schon mal geknüpft. Ich entsinne mich
auf meinen ersten Auftritt als „Goldener
Sonnenstrahl“, bei der Gelegenheit mein
Vater nachher meinte, ich wäre nicht wie
ein Sonnenstrahl, sondern wie ein Boxer
auf die Bühne gekommen!
Es war dann fast der Höhepunkt, wenn
wir endlich sangen: „Einmal werden wir
noch wach, heißa, dann ist Weihnachtstag“.
Die Vorfreude soll ja bekanntlich
das Schönste sein. Durch das Geschäft
und weil unser Papa oft unbedingt noch
Dinge erledigen wollte, die eigentlich
auch vorher oder nachher gemacht werden
konnten, war der Tag des „Heiligen
Abends“ meist recht hektisch. Doch endlich
war es dann so weit. Unvergesslich
der Eintritt in das Zimmer mit den vielen
brennenden Kerzen, dieser ganz besondere
Geruch von Tanne, Kerzen, Obst
und Süßigkeiten, das Erscheinen des
Weihnachtsmannes mit Sack und Rute,
oder die Bemerkung, dass er gerade
wieder weg ist, zum Glück aber die Geschenke
dagelassen hat! Unser Papa war
sehr genau mit Geld, für uns fast zu
genau. Was wussten wir schon von seinen
Sorgen. Doch bei allen festlichen
Anlässen war er auch sehr großzügig,
wobei es für uns keinen Unterschied
machte, dass Schaukelpferd, Puppenstuben
und Ähnliches oft Jahr für Jahr nur
wieder frisch auffrisiert und auch manches
gebraucht gekauft wurde. Wir waren
sehr glücklich, und ich bin meinen
Eltern sehr, sehr dankbar für alles. In den
nicht so guten Geruch der sprühenden
„Wunderkerzen“ mischte sich dann langsam
der köstliche Geruch von Bier-Fisch
(Karpfen in Bier) und schnell war dann
alles zu Ende. Aber es ging ja am nächsten
Morgen weiter; andere Stimmung,
doch Freude und Glück. Am zweiten
Feiertag wurde dann bei Omchen in der
Parkstraße die Decke von der Tür genommen
und das große Wohnzimmer beheizt.
Dort traf sich dann die ganze Sippe, und
es ging laut und fröhlich zu.
Doch noch lauter wurde es dann zu
Sylvester. In die Geschäfte flogen schon
mal Stinkbomben, Knallerbsen und
Feuerfrösche. Zum Abend gingen meine
Eltern nie aus, hatten aber meist Besucher.
Dann wurde in der Waschschüssel
nach Geld mit dem Mund getaucht, es
wurden Knallkörper entzündet sowie
Glücksgreifen und Zinngießen gemacht.
Wie ausgelassen waren wir, und wie gut
ging das alles ohne dröhnende Rock-Musik!
Um 24.00 Uhr ging die Knallerei
draußen los. Die oft empfindliche
Kälte störte wenig. Alles strömte auf die
Straße und jeder rief jedem „Prost Neujahr“
oder „Prost Nijohr“ zu.
Wenn der Schnee hier fällt, und der
Frost kracht in den Hauswänden, denke
ich so oft an unsere ostpreußischen Winter
in Cranz, an das fröhliche, rege Leben
auf der Rodelbahn, an die Mutproben
auf der „Teufelsbahn“ und an die zwei
Sprungschanzen. Auch nicht vergessen
kann ich das fröhliche Völkchen beim
Schlittschuhlaufen auf dem Storchenteich,
die Bude mit dem Kanonenofen
zum Aufwärmen. Alles ging auch ohne
„Hot-Dogs“, Potato-Chips, und Coca-Cola!
Ich könnte schreiben und schreiben,
denn das Feiern ging weiter. Geburtstag
bei Wiemers in der Kirchenstraße
mit dem traditionellen Bratklops
mit gemischtem Gemüse. Überhaupt
waren Januar und Februar Geburtstags-Monate,
doch das führt hier zu weit.
Unser Papa sagte oft: „Oh selig, oh selig,
ein Kind noch zu sein“! Und ich kann
nur sagen „Versunken, aber nicht vergessen!“
Hans Rolinski,
P.O.Box 165,
Red Lake, ON, POV 2M0,
Tel.: 807-727-2890
Redaktionsschluss für Folge 157 ist der 10. Januar 2003