Full text : Unser Schönes Samland

nen, die wir am Tag bekamen. Der kleine
 Gnos turnte nun auf dem Geländer
der Treppe herum, auf der die Russen
saßen, da sprach die Frau Leutnant im
besten Deutsch und ohne Akzent Frau
Minkwitz an und sagte: „Sie müssen auf
ihren Kleinen aufpassen, sonst fällt er die
Treppe runter“. Wir trauten unseren Ohren
 nicht. Ganz bestimmt hatte sie unser
Geschimpfe auf die Russen mitbekommen,
 hatte sich aber nichts anmerken lassen.
 Von nun an waren wir mit unseren
Gesprächen etwas vorsichtiger.
Im frühen Sommer waren wir mit
der Arbeit fertig und wurden auf dem
Gutshof zur Arbeit eingeteilt, wo ein
Depot für Flugzeugersatzteile eingerichtet
 wurde.
Es war ein Jahr später, im Mai 1947,
nach dem schrecklich langen und kalten
Winter, in dem so viele Deutsche verhungerten
 (wobei gesagt werden muss,
die Russen hatten auch nicht viel zu essen.),
 da stand eines Tages die Frau Leutnant
 vor unserer Tür und fragte - natürlich
 im besten Deutsch - ob sie bei uns
frischen Fisch kaufen könnte. Meine
Mutter und mein Großvater arbeiteten
nämlich in der Fischereibrigade und bekamen
 statt Geld mal mehr oder weniger
 Fisch zugeteilt, je nachdem wie der
Fang ausgefallen war. Die Fische wurden
 dann weiter verkauft oder gegen
PRODUKTE, wie es damals hieß, eingetauscht.
 Was auch zu unserem Lebensunterhalt
 beitrug, waren die Fischleber,
der Rogen, die Milch und die Pomochelsköpp,
 die für uns abfielen, wenn die
Frauen am Strand die Fische säubern
mussten. So mancher Deutsche war auch
froh, mal einen Fischkopp von uns zu
bekommen. Ich war zu der Zeit arbeitslos,
 was es damals auch schon gab, und

wirtschaftete zu Hause. So kam Frau
Erika Schneider, so hieß sie, öfter zu uns
und wir führten lange Gespräche über
alles mögliche: Krieg, Politik und auch
Literatur. Sie erzählte von der fürchterlichen
 Zeit in Leningrad, als sie von der
deutschen Wehrmacht eingeschlossen
waren. Als ich einmal über die schlechten
 Zustände hier klagte und auch meckerte,
 sagte sie: „Kindchen, Sie haben
ja keine Ahnung, wie es in Leningrad
zugegangen ist, als wir dort eingeschlossen
 waren“; aber damals war ja Krieg.
In der deutschen Literatur kannte sie
sich sehr gut aus. Wir wohnten nicht mehr
in unserer Wohnung, aber ich hatte beim
Umzug meine Bücher mitnehmen können
 und sie fragte eines Tages nach einem
 Buch, das sie in ihrer Jugendzeit mit
Begeisterung gelesen hatte. Es hieß
„Karin von Schweden“ von Jensen. Ein
nicht gerade sehr bekanntes Buch. Ich
besaß es zufällig und ihr wurden die
Augen feucht, als sie es in den Händen
hielt. Es erinnerte sie an ihre Kindheit
und Jugendzeit. Ihre Eltern und
Großeltern
waren Deutsche,
 die in
Petersburg
gewohnt
hatten
oder
noch wohnten.
Ich weiß es nicht
mehr, aber ich glaube, sie waren
 alle während der Belagerung der Stadt
durch die deutsche Wehrmacht umgekommen.
 Ihr Großvater war als Arzt und
Professor von Thüringen nach Leningrad
ausgewandert. Ihr Vater war auch Arzt
geworden und sie war dort in der schönen
 Stadt geboren und mit deutscher Li­MH


56

teratur aufgewachsen. Nach dem Rückzug
 der deutschen Wehrmacht wurde sie
Soldat und ist dann in Palmnicken gelandet.

Anfang Juni 1947 wurde sie nach
Cranz versetzt. Sie kam sich verabschieden
 und versicherte mir, dass wir Deutsche
 in einiger Zeit ausreisen dürften. Es
war ein bisschen unglaubwürdig, gingen
doch schon längere Zeit diese Gerüchte
um und es tat sich nichts. Wir erhofften
es sehr und sie sollte etwas später Recht
haben. Von meinen Büchern durfte sie
sich aussuchen und mitnehmen, was sie
wollte. Ein paar Exemplare besorgte ich
ihr noch von Pfarrer Jänickes, die die
Leihbibliothek der Gemeinde von Umzug
 zu Umzug mitnahmen. So bekam sie
unter anderem auch das Buch, geschrieben
 von Selma Lagerlöff, von der Reise
des kleinen Nils Holgerson mit den Wildgänsen.
 Sie war überglücklich, hatte sie
doch einen Teil ihrer Kindheit und Jugendzeit
 mit den Büchern zurückerhalten,
 wie sie mir versicherte.

Der Abschied fiel uns beiden ein
bisschen schwer, hatte sich doch in der
kurzen Zeit unserer Bekanntschaft etwas
wie Freundschaft entwickelt. Zu gerne
wüsste ich, was aus ihr geworden ist. Ob
sie wieder zurück nach Petersburg gezogen
 ist oder ob sie noch in unserer alten
Heimat wohnt? Vielleicht lebt sie auch
nicht mehr, denn es sind 55 Jahre ins
Land gegangen.
Auf einer unserer ersten Reisen in die
Vergangenheit hörte ich von einigen
Palmnickern, dass sie in dem schrecklichen
 Hungerwinter einige deutsche Frauen,
 die noch kleine Kinder hatten, mit
Lebensmittel unterstützt hat, damit die
Kleinen nicht verhungern mussten.

Es grüßt Euch nun

Eure Hanni Lenczewski-Wittke
Hummelnstück 29
58762 Altena
Tel.: 02352/52668

Qodrienen — -

Da

standen wir nun am Gleis 4 des
Königsberger Hauptbahnhofes. Mutti
 und Tante Erna hatten sich vor dem
Abschied ja noch so viel zu erzählen,
Gisela und ich beobachteten einen einfahrenden
 Zug und die aussteigenden
Menschen. Manch einer hatte einen Koffer
 bei sich, andere nur eine Tasche oder
einen Korb. Ein Kind plärrte und wurde
von der Mutter am Arm unbarmherzig
weiter gezogen. Wartende Menschen begrüßten
 nun die Angekommenen und
bald war der Bahnsteig leer. Nun warteten

 wir ungeduldig auf die Einfahrt unseres
 Zuges. Zischend und prustend fuhr
er endlich in den Kopfbahnhof ein. Noch
einmal ein Verabschieden, dann stiegen
Mutti und ich in ein Abteil. Schnell das
Fenster heruntergelassen, damit wir ja
noch recht lange winken konnten. Dann
aber wurden Tante Erna und Gisela kleiner
 und kleiner, und bald waren sie nicht
mehr zu erkennen.
Es sah aus, als würden wir eine Weltreise
 machen, aber wir fuhren „nur“ nach
Godrienen. Godrienen? Wo lag Godrienen? 57