Instandsetzungsarbeiten zu machen.
Hierüber wird an anderer Stelle berichtet.
Von Amau sind es nur wenige Autominuten
bis zur Abzweigung von der
Reichsstraße 1 nach Willkühnen.
Auf dem Gutshof des Grafen zu Dohna
stehen noch eine Anzahl von Gebäuden.
Unser Reisekamerad Albert Neumann,
der selbst damals in Willkühnen aufgewachsen
ist und von den Russen später
zu 4 l/4Jahren Zwangsarbeit
in Sibirien verurteilt wurde,
erklärt uns die Hofanlage und
führt uns zu der einst gräflichen
Garage, in der unser
Landsmann (Jahrgang 30) mit
seiner russischen Frau wohnt.
Richard Bendix ist meinen
drei Mitreisenden schon von
früheren Fahrten in die Heimat
bekannt. Um ihm das
schwere Leben zu erleichtern
werden seiner russischen
Ehefrau einige mitgebrachten
Sachen überreicht. Sein
schweres Schicksal wird noch
durch die kürzliche Amputation seines
Unterschenkels erschwert. Er sitzt seitdem
im Rollstuhl. Das Schicksal hat ihn
infolge der Kriegswirren nach Willkühnen
verschlagen. Ursprünglich wohl aus
dem Memelland stammend, ist er - alle
Ausweisungen verpassend - dort hängen
geblieben. Wir werden wie üblich unter
ärmlichsten Verhältnissen zu Wodka und
zum Essen eingeladen. Wir unterhalten
uns noch eine Weile mit ihm, der von
der Aussprache her reinen ostpreußischen
Tonfall spricht. Beim Weggehen sehen
wir vier uns betroffen an und übergeben
ein Geldgeschenk. Jedem von uns vieren
hätte es bei unglücklicher Fügung des
Schicksals gleichartig ergehen können
war unsere gemeinsame Meinung.
An einem der folgenden Tage heißt unser
Ziel Palmnicken. Wir nehmen die
Straße nach Rauschen, fahren jedoch bei
Taplacken geradeaus über das Alk-Gebirge
und durch die Orte Kumehnen und
Germau und gelangen so nach
Palmnicken an den alten Bernsteintagebau
an der Ostsee. Die Stimmung
unter der russischen Bevölkerung ist
Richard Bendix in Willkühnen auf einer älteren Aufnahme,
2. v. links (Foto: Mückenberger)
schlecht. Das Bernsteinkombinat ist
konkurs. Eine Gruppe Moskauer Geschäftsleute
hat die Gesellschaft übernommen.
Von einer fliegenden Bemsteinhändlerin
direkt am Grubenrand
kaufen wir einige Kleinigkeiten. Ins Gespräch
gezogen weist uns die private
Händlerin den Weg zu Edith Gutzeit, einer
Deutschen, die hier bei Palmnicken
lebt, und fährt freundlicherweise mit ihrem
PKW bis vor den großen Plattenbau
in Sorgenau. Im westlichen Fernsehen
gab es Sendungen über das Schicksal dieser
Frau. Wir treffen Edith Gutzeit in
ihrer Wohnung an. Die Überraschung ist
perfekt. Ins Gespräch gekommen erzählt
sie von ihrer Zeit ab Januar 1945 in Willkühnen.
Wohnhaft war sie bis zur Flucht
in Gr. Guglack, kam aber auf der Flucht
nicht mehr nach Königsberg und kehrte
in das Haus ihrer Verwandten in Willkühnen
ein, wo sie auch zunächst blieb.
Im Sommer 1946 hat sie während der
Feldarbeit zusammen mit anderen deutschen
Mädchen deutsche Lieder gesungen
und öffentlich davon gesprochen,
dass sie nach Deutschland will. Ein russischer
Wachtposten, der deutsch konnte,
hatte das weiter gemeldet. In einer
Verhandlung erhielt sie 5 Jahre Zwangsarbeitslager
und hatte das Glück, nicht
nach Sibirien zu müssen, sondern in das
Arbeitslager Palmnicken. Im Gespräch
mit unserem Reisekamerad Albert Neumann
stellt sich heraus, dass die beiden
eine Reihe von gemeinsamen Bekannten
aus der Zeit in Willkühnen haben. Edith
Gutzeit hat ein gutes Erinnerungsvermögen.
Gelegentlich kommen ihr die Tränen
während des Erzählens. Auch in
Waldau hatte sie Verwandte, die den
beiden Brüdern Holz bekannt sind. Gesundheitlich
hat sie einige Probleme, ist
auch in ärztlicher Behandlung. Es hapert
an der Versorgung mit Medikamenten.
Für russische Verhältnisse hat sie eine
gut eingerichtete und große Wohnung,
nicht vergleichbar mit der Behausung
unseres Landsmannes Richard Bendix in
Willkühnen. Seit einigen Jahren ist sie
verwitwet. Ich appelliere an alle Heimatreisenden:
Wenn Ihr in die Gegend von
Willkühnen kommt, vergesst Richard
Bendix nicht. Mit Kleinigkeiten ist dem
armen Mann schon zu helfen. Es ist ganz
einfach, dorthin zu finden. Die Straße
nach Willkühnen geht beim Tanklager der
russischen Ölfirma Lukoil ab, welches
von der Hauptstraße nördlich der alten
Reichsstraße Nr. 1 bei Heiligenwalde
liegt.
In heimatlicher Verbundenheit,
Euer Carl Mückenberger
(früher: Stangau)
Neißestr. 13
32425 Minden/Westf.
Tel.: (0571) 46297
Das 1. Ostpreußische
Auch
nach über 50 Jahren verfolgt uns
Deutsche, besonders die aus der Heimat
Vertriebenen, das Geschehen des letzten
Krieges. Ich war fünfjährig, als ich
dort fort musste. Gebürtig bin ich aus
Liep-Kahlberg, wohnte aber in Pillau-Neutief,
ebenfalls Frische Nehrung.
Das erste Wiedersehen mit der Heimat
erlebte ich im Frühjahr 1984, als ich mit
meinem Vater und einer Tante in den
polnischen Teil der Frischen Nehrung
reiste und nun bewußt Orte und Land-HJ-Bataillon
schaft kennenlemte. Dieses und die Bekanntschaft
mit polnischen Menschen und
inzwischen sesshaft gewordenen Deutschen
unter einer ihnen fremd gewesenen
Herrschaft bewegte mich innerlich
so stark, dass ich mir alles Erlebte
sozusagen von der Seele schreiben mußte.
Für meine Mutter wurde es ein handgefertigtes
Buch.
Ein Sommergast meiner Großeltern
aus den dreißiger Jahren entpuppte sich
als Verleger und so gelangte mein Reise- 57