Full text : Unser Schönes Samland

er zwei Jungen heran. “Jungens,wäll ju
säck jeder ä Dittke verdene?” Und ob
sie das wollten. “Hoalt ä Emmer Kalkmelk
 oan pänselt dat Perd an!” Gesagt,
getan. Frohgelaunt und mit einem verschmitzten
 Zug um den Mund, kehrte
unser Spaßvogel in die Gaststube, dem
“Stübchen” zurück, das nur den
Bauern Vorbehalten war. Es folgten
noch einige Schnapsrunden, welche
die Wirtin persönlich einschenkte. Der
Pächter wollte wissen, wo ihr Mann
sei. Frau Erdmann antwortete in ihrer
bedächtigen Art wie gebürtigen
Insterburgern zu eigen war: “Main
Maan, daas oalte Stick Schäiß, haat
sich dooch wiedär soo besoopen.”
Dieser Ausspruch wurde in Fuchsberg
zum “geflügelten Wort.” Die Zeit verrannn.
 Draußen pinselten derweil die
beiden Lorbasse den Gaul an. Auf
Fragen vorbeikommender Passanten
antworteten sie dreist, sie hätten den

Auftrag, das Pferd abzuwaschen.
Schließlich nahm die Kalkmilch erst
nach dem Trocknen die weiße Farbe
an.
Es mögen 2 - 3 Stunden vergangen
sein, als das angeheiterte Trio leicht
schwankend den Krug verließ. Der
Pächter wankte unsicher um sein Gig
herum zum Pferd, um es vom Geländer
 loszubinden. Mit ungläubigem
Staunen wechselte sein Blick vom
Pferd zu seinen Zechkumpanen und
zurück. “Das ist doch nicht mein
Brauner, das ist nicht mein Brauner!”
Erst die Lacher der beiden Spaßvögel
 und der inzwischen größer gewordenen
 Zuschauerzahl, ließen den
Pächter zornig schimpfend mit seinem
Gig und dem Schimmel davor in
schnellem Trab davonjagen.
Klaus Wulff, Kulmer Straße 20 a.
32602 Vlotho, Telefon 05228 - 7183

Sr mich. Als Kind war das Samland
Sr mich riesengroß, aber jetzt tauchte
nach kurzer Fahrt schon der Bahnhof
von Palmnicken auf. Und dann waren
es nur noch ein paar Meter bis
Sorgenau.
Am Bahnhof hielten wir an und
langen zu Fuß zur Siedlung, in der ich
I aufgewachsen bin. Mein Erstaunen
»ar groß, die sechs Siedlungshäuser
stehen noch und sind bewohnt.
Als wir vor unserem ziemlich gut
|erhaltenen Haus standen, kamen die
heutigen Bewohner heraus und baten
ms ins Haus. Die Familie Sokolowa
hat uns empfangen als wären wir
fewandte, vom Essen und Trinken

Endlich war ich in der Heimat

in Sorgenau!

Nachdem viele Sorgenauer berichteten,
 daß von unserem Dorf bald
nichts mehr steht, wagten meine Frau
und ich - der Sorgenauer Jung - die
Reise in die Vergangenheit.
Wir fuhren mit dem Bus der Firma
Manthey. Die Reise war zwar lang,
aber niemals langweilig. Der erste Tag
führte uns bis Schneidemühl. Dann
ging es weiter, vorbei an der beeindruckenden
 Marienburg, über Elbing,
Königsberg, mit dem Ziel Rauschen.

In Königsberg bekamen wir den ersten
 Eindruck darüber, was aus unserer
 schönen Heimat geworden ist.
Über die Reiseleitung lernten wir
Ludmilla Klimko kennen, die uns auf
unserer weiteren Reise begleitete. Sie
spricht sehr gut Deutsch und war für
uns eine kundige Reisebegleiterin.
Nach einem wunderbaren Sonnenuntergang
 an der Steilküste in
Rauschen begann am zweiten Tag nach
unserer Ankunft das große Abenteuer

iHorst Bultmann vor dem Siedlungshaus seiner Eltern

janz zu schweigen. Träumte ich? Nein,
]wir waren in unserem Haus in
Sorgenau. Es war einfach wunderschön.
 Beim Abschied wurden wir
nochmals zum Grillen eingeladen. Wir
nahmen die Einladung an und wurden
!von Aleksej und seinem Bruder

Nikolay mit frisch geräucherten
Flundern überrascht. Die noch warmen
 Flundern ließen mich 50 Jahre
vergessen; meine Kindheit kehrte
zurück. Ich war wirklich zu Hause. Was
diese einfachen Menschen an
Gastfreundschaft boten, ist mit Worten
nicht zu beschreiben. Man muß es erlebt
 haben. Durch unsere liebenswerte
Dolmetscherin Ludmilla hatten wir
das Gefühl, wir sprechen alle eine
Sprache.
Nach diesem unerwarteten herzlichen
 Empfang gingen wir durch das
Dorf. Vielen Sorgenauern ist meine
nun folgende Beschreibung bekannt.
Trotzdem will ich das Gesehene kurz

beschreiben. Das
Positive nehme ich
vorweg, nämlich die
Freude darüber, daß
unser Haus, das
Haus vom Onkel
Franz Bultmann und
die Villa Tanneneck
meines Großvaters
noch stehen und bewohnt
 sind. Aber
was dann kam. Von
unserem Haus aus
| gingen wir an der
Schule vorbei zur
Brücke am Teich.
Aus meiner Erinnerung heraus war
nichts mehr zu erkennen, nichts mehr
vorhanden. Die Dittchenschlucht verwildert
 und zugewuchert Die meisten
Häuser wie Zipps Möhrke, Fleischer
Karschau, Fischer, Wermter, Neumann,
 Truddel, Bäcker Baumeister
und, und ..., alles verschwunden.

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