Und gab es dort einen Bahnhof ?
Da war Seepothen schon eher bekannt,
dort gab es einen richtigen Bahnhof,
nicht so einen kleinen Haltepunkt wie
Godrienen! Aber wir stiegen eine Haltestelle
früher aus, zwei Haltestellen von
Königsberg entfernt und wir waren in
Godrienen.
Der Weg vom Bahnhof, wie wir ihn
stolz nannten, war eher ein Feldweg. Zum
Glück hatte es nicht geregnet, sonst hätten
wir den Schlamm an den Schuhen
mit nach Hause nehmen müssen.
Godrienen wurde schon im Jahr 1425
gegründet, damals hieß es noch
Codrynen, und 1785 wurde Godriehnen
als „adliges“ Dorf erwähnt.
Ich war mit meinen Eltern eher eine
„Zugereiste“, Papa aus Königsberg und
Mutti aus Althof, Kreis Pr. Eylau waren
mit mir 1939, als ich drei Jahre alt war,
nach Godrienen gezogen. Papa war bei
der Eisenbahn in Königsberg beschäftigt
und hatte von seiner Dienststelle die Hälfte
eines Doppelwohnhauses mit einem
großen Garten zugewiesen erhalten. Und
Godrienen gefiel uns sofort.
Etwa 7,5 km südwestlich von Königsberg
gelegen, unweit Haffstrom, zu dessen
Strand wir im Sommer mit den Fahrrädern
hinfuhren und ihn als Badegäste
belegten.
Es gab alle wichtigen Einrichtungen
im 773 Seelen zählenden Bauerndorf -
fast alle. Es gab eine 4-Klassen-Grundschule,
in die ich unter Fräulein Marx
1942 eingeschult wurde. Und ich ging
sehr gerne in die Schule. Es gab eine Hebamme,
aber keinen Arzt. Es gab einen
Bäcker, bei dem wir außer Brot und Brötchen
auch ab und zu „Amerikaner“ kauften,
und den Geschmack der Gründonnerstagskringel,
mit dickem Hagelzucker
drauf, spüre ich noch heute auf der Zunge.
Und bei „Grünheits“ im Kolonialwarenladen
konnte man alles kaufen - fast alles,
Ortiss aus Godrienen.
58
denn als mich mein Cousin Friedei einmal
nach Stecknadelsamen dorthin schickte,
bekam ich den nicht! Aber es gab gesalzene
Heringe und Schmierseife, Bonbons
und Sauerkohl und ein öffentliches Telefon.
Es gab eine Schmiede am Ausgang des
Dorfes, sowie den Viehhändler Gerdes,
die Post wurde ausgetragen, der Schuster
sorgte für neue Sohlen der durchgelaufenen
Schuhe, ein Tischler „heilte“
einen kaputten Stuhl und vieles andere.
Kohle und Holz sowie Obst lieferte Gartenmeister
auf Bestellung. Über allem
wachte der Bürgermeister Stübner, der
auch als Standesbeamter fungierte, Frau
Stübner dagegen half den neuen Erdenbürgern
auf die Welt zu kommen.
Und nicht zu vergessen, die großen
Bauernhöfe, umgeben von großen Weiden,
auf denen sich gesundes Vieh tummelte,
von Kornfeldern, Kartoffel- und
Rübenackem und saftigen Wiesen. Abends
rumpelten die schweren Pferdefuhrwerke
über die Pflastersteine des Dorfes, und
manche der lnstleute hatten noch Kraft
für ein Lied.
Amtliche Mitteilungen aus dem Jahr 1932
besagen folgenden Viehbestand:
Hans Mischke -
15 Pferde,
38 „Rindviecher“ und
4 Schweine
Gustav Doepner -
13' Pferde,
35 Stück Rindvieh und
3 Schweine,
um nur zwei von mehreren Höfen zu
nennen.
Der große Garten hinter dem von uns
bewohnten Haus machte sehr viel Arbeit,
gab aber vieles her: Kartoffeln und allerlei
Sorten Gemüse, Erdbeeren, Johan-.
nisbeeren und Kirschen, ein kleiner Apfelbaum
trug schwer an den Augustäpfeln.
Mutti machte viel ein, im Keller war
Platz für Marmelade und Saft, für Karotten
und Rote Rüben, und für ein Fass
mit eingestampftem Kohl. Auf dem Boden
hingen Zwiebelzöpfe. Im kleinen
Stall ließen es sich ein paar Kaninchen
wohl sein, bis sie in die Pfanne wanderten,
und draußen, hinter einem hohen
Zaun, gackerten die Hühner. Die frische
Milch wurde in einer üblichen Milchkanne
beim nahen Bauern geholt.
Ja, es ging uns gut. Wenn Mutti auch
oft den Pfennig zweimal umdrehen musste.
Aber ich hatte Schuhe für Sommer
und Winter und oft auch ein neues Kleid
von Oma in Königsberg bestickt, oder einen
warmen Unterrock oder lange Strümpfe,
die Omchen in Althof aus der selbstgesponnenen
Schafwolle strickte. Da half
kein Jammern, ich musste sie tragen! Und
Mutti war immer chic angezogen. Nun
hatte ich auch einen Bruder und eine kleine
Schwester bekommen.
Und dann war alles vorbei - mit einem
Schlag vorbei.
Im Januar 1945 flüchtete Mutti mit uns
nach Königsberg. Wir verließen unser
trautes Dorf, in dem wir uns beschützt
gefühlt hatten. Das letzte Kaninchen
stand noch als Braten im Ofen. Nur weg
von hier, der Russe stünde schon am
Dorfrand, nur weg von hier - in der Stadt
würden wir Papa finden. In der Stadt
würden wir beschützt sein.
Was uns aber dort erwartete, wagte ich
erst viele, viele Jahre später zu erzählen;
unseren Leidensweg bis zur Ausweisung
im Jahr 1948.
Godrienen sah ich erst im Herbst 1992
wieder, zum Glück funktionierte meine 59