Full text : Unser Schönes Samland

-Palmnicker Qeschichten: Flammfladen

Als

wir kleinen Spochte 1934 in die
Schule kamen, wurden wir in der
Schulbaracke am Gutshof untergebracht.
Der Weg zur Schule war für uns mit manchen
 Unannehmlichkeiten, aber auch mit
Angenehmen gepflastert. Im Herbst fielen
 aus manchen Gärten Spillen und Äpfel
 auf die Zufahrtswege zu den Häusern,
die wir in unseren Brotkapseln aufsammelten
 und mit in die Schule nahmen.
Besonders die süßen, saftigen Spillen
hatten es uns angetan, die nicht jeder in
seinem Garten hatte. Spillen sind Mirabellen.
 Die unangenehmen Seiten waren
 die zwei frechen Bowkes, die am
Bemsteinhäuschen wohnten und die uns
immer verdreschen wollten. Weiter, an
einem der Gutshäuser wartete schon
unser Mitschüler Alfred auf uns, der dort
wohnte, um uns auch zu verkloppen.
Warum eigentlich, wir waren doch nur
harmlose kleine Marjellens?
Wenn wir diese Hürden im Galopp hinter
 uns gelassen hatten, kam etwas Erfreuliches.
 Wir mussten an den Insthäusem
 vorbei und hier stand ein großer
Backofen, in dem die Instleute ihre Brote
 und Kuchen backen konnten. Der
Backofen wurde mit Holz befeuert und
in den späteren Jahren wurde er sogar
elektrisch beheizt. Die Instleute bekamen
einen Teil ihres Lohnes in Naturalien
ausbezahlt und backten ihre Brote und
Kuchen selber. Zwei oder drei Mal in der
Woche stieg uns morgens der Duft von
frisch gebackenem Brot schon von weitem
 verführerisch in die Nase. Die Frauen
 standen dort mit ihrem Angeteigtem,
kakelten, jabbeiten und warteten bis der
Ofen heiß war und sie an die Reihe kamen,
 um die Brote in den Ofen zu schieben.
 Zu den Köstlichkeiten, die dort auch
gebacken wurden, gehörten die Flammfladen.

 Die kamen zum Schluß dran,
wenn der Ofen nicht mehr so heiß war.
Sie bestanden aus dem restlichen Brotteig,
 der auf ein Backblech gestrichen und
dick mit Zucker bestreut wurde.
Manchmal kamen auch noch Butterflöckchen
 darauf, was sie besonders
schmackhaft machte.
Wir kleinen Gnosen jielten nach diesen
 großen Kuchenblechen und uns
jankerte natürlich nach so einem Stück
Flammfladen, den wir aber leider nicht
bekamen. Zu gerne hätten wir ihn einmal
probiert, zu Hause gab es so etwas nicht.
Da gab es nur richtige Blechkuchen mit
Streusel oder anderen Belegen, aber keine
 Flammfladen. Die Kinder der Instleute
 liefen aber in der Pause vom Schulhof
 zum Backhaus und erhielten natürlich
 ein Stück Schmeckkuchen.
Es war kurz nach unserer Vertreibung
1948, als unser Omchen, die 1945 geflüchtet
 war und in Schleswig-Holstein
wohnte, uns im Sauerland besuchen
kam. Wir hatten in dieser schlechten Zeit
nicht viel zu essen und Muttchen backte
selbst Brot und verlängerte den Teig mit
Kartoffelschälern Wir wohnten in einem
winzigen Zimmer zur Untermiete mit
drei Personen und nun kam für kurze Zeit
auch noch Omchen dazu. Aber die Wiedersehensfreude
 war groß, da nahm man
die Enge gerne in Kauf. Muttchen backte
 also Brot, das sie bei einer netten Nachbarin,
 (eine alte Ostpreußin, die schon
vor dem ersten Weltkrieg nach Westfalen
 verschlagen wurde) abbacken konnte
 und als Höhepunkt machte sie natürlich
 einen Flammfladen. Zur Mittagspause
 kam ich nach Hause, wir saßen eng
gedrängt um den Tisch herum und aßen.
Danach pracherte ich nach einem Stück
Fladen, weil ich wieder los musste und

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zum Kaffee nicht zu Hause war. Muttchen
wollte nun den Fladen anschneiden, aber
er war unauffindbar. Viele Möglichkeiten
 zum Suchen gab es nicht in dem kleinen
 Zimmer und bei der netten Nachbarin
 war er auch nicht. Wo konnte er nur
stecken? Er konnte doch in keine Ritz
geschorrt sein! Es half nuscht, er war
einfach weg. Wir saßen ganz bedripst da
und dachten an die ungelösten Rätsel dieser
 Erde! Meine Zeit war um und traurig,
 weil ohne ein Stück Fladen, nahm
ich Abschied. Omchen musste nun aufstehen,
 um mich von hinter dem Tisch
durchzulassen und strich sich nach fraulicher
 Sitte mit den Händen den Rock
über dem Hintern glatt. Oh, großes
Göttchen, Erbarmung, was war denn das?
Der Rock war ganz klebrig, was konnte
das nur sein? Man brauchte gar nicht lan-Warum

 denn streiten?

Viele

Ostpreußen fanden im Ruhrgebiet
 ihre zweite Heimat. Balzereit
und Priebigkeit aus der Elchniederung
gehörten auch dazu. Sie hatten Arbeit in
der Kohlenzeche gefunden und fuhren
täglich mit der Straßenbahn von Essen-Frillendorf
 nach Essen-Kray.
An einem graunebligen Ruhrgebietstag
 hatten sie in der Straßenbahn ein interessantes
 Erlebnis während der Heimfahrt.
 Wie immer war die Straßenbahn
randvoll, so dass keiner umfaßen konnte.
 Ein großer, breiter Kerl stand in der
Mitte der Bahn, einen Hängegriff in der
breiten Pratze. Er starrte Priebigkeit an
und grinste übers ganze Gesicht. Plötzlich
 bahnte er sich trotz der Proteste einen
 Weg durch die Hängegriffe. Bei
Priebigkeit angekommen klopft er ihm

ge zu raten, es war der Zucker vom
Flammfladen. Ist es die Möglichkeit? Sie
hatte die ganze Zeit auf ihm gesessen.
„Ach nein“, sagte Omchen „und mir war
doch so schön warm vorm Nasch.“ Ob
wir den Fladen gegessen haben? Natürlich!
 Er hat uns ganz vorzüglich geschmeckt.

Als Omchen zu Opa nach Schleswig-Holstein
 zurückgekehrt war und die Geschichte
 erzählte, fragte er sie morgens
eine Zeit lang immer: „Na, Floodenasch,
häst got jeschloope?“
Der Backofen in Palmnicken stand
noch bis Ende 1995 und ist dann abgebrochen
 worden. Verschwunden, wie vieles
 aus der Vergangenheit. Aber alles hat
seine Zeit und nuscht is nu all.
Eure
Hanni Lenczewski-Wittke

kräftig auf die Schulter und sagt freudestrahlend

„Mänsch, Endrulat, bist du auch noch
rausgekommen aus Pregelswalde? Wie
geht’s deiner Frau und den vier Jungs?“
Priebigkeit sagt: „Ja, Männchen, ganz
gut, ganz gut.“
An der nächsten Haltestelle muss der
Fremde aussteigen, ohne dass man Adressen
 austauschen konnte. Balzereit sagt nun
zu Priebigkeit: „Sag mal, du heißt doch
nicht Endrulat, bist nicht aus Pregelswalde,
 hast keine vier Jungs. Warum hast
du ihm nuscht gesagt?“
Priebigkeit antwortet: „Hast du nich jesehen,
 wie der sich jefreit hat? Warum soll
ich mit ihm streiten?“

Rudi Jonischkeit 83