Full text : Unser Schönes Samland

r*»v

Das neue Restaurant „Altstadt" gegenüber des Wasserturms

Foto: K. Lunau

Gesichter dieser Kinder denke, als sie ihre
erste „Sondergabe“ in Empfang nahmen,
dann tut es mir furchtbar Leid, dass ich
nicht mehr Geld zur Verfügung hatte, um
wenigstens für die gesamten Wintermonate
 diese Speisung zu ermöglichen. Es
gibt leider zu viele Kinder, die aus Familien
 kommen, die unterhalb der Armutsgrenze
 leben und deshalb kein Brot
etc. für die Schulpausen mitbekommen
können. Die Preise für Grundnahrungsmittel
 sind in letzter Zeit auch wieder
gestiegen.
Während vor allem an Privatbauten
weiter gearbeitet wurde,, konnte man z.
B. auf der Baustelle der neuen Schule
keine Tätigkeit feststellen. Das Projekt
„Wasserturm“ schreitet langsam aber sicher
 voran, ln dem gegenüber liegenden
Restaurant „Altstadt“ auf dem ehemaligen
 Gelände Dr. Schubert (Ecke Kirchenstraße)
 findet man eine gemütliche Atmosphäre
 im Alt-Cranzer Stil, d. h. die
Wände sind mit alten Bildern aus Cranz

geschmückt und auch die
Einrichtung erinnert an
frühere Zeiten. Hier kann
man gut und preiswert
essen und auch das
Getränkeangebot ist sehr
vielseitig. Ein Clubraum
lädt zu Veranstaltungen
in größerer Runde ein.
Das Hotel- und Restaurantangebot
 in Cranz/
Selenogradsk ist in der
Zwischenzeit so reichhaltig,
 dass man wieder Reisen
 nach Cranz unbedingt
empfehlen sollte. Das
Straßenbild - vor allem
in der Hauptstraße Kurortstraße
 - ist ansehnlicher
 geworden und die „Schnapsleichen“
sind fast alle wie auch die streunenden
Hunde verschwunden. Der jahrelang die
Straße beherrschende Bauzaun vor dem
alten Karstadt-Gebäude ist so weit zurückgesetzt,
 dass sogar der Bürgersteig
jetzt begangen werden kann. Das Haus
Rolinski, in dem bis vor kurzem die Feuerwehr
 untergebracht war, hat eine kosmetische
 Überholung erhalten. Die alte
Balustrade auf dem Geschäftsvorbau wurde
 abgerissen und mit einem neuen Dach
versehen. So nach und nach wird unsere
alte Königsberger Straße sich wieder zu
einer Geschäftsstraße entwickeln.
Wir hoffen, dass der neue Bürgermeister,
 da er aus der Baubranche kommt,
mehr Verständnis für eine geordnete
Stadtentwicklung hat und sich vor allem
für die Neuanlage von Küstenschutzanlagen
 einsetzen wird. Bei unserem Besuch
 im Januar werde ich ihm über die
ehemaligen deutschen Maßnahmen vortragen.
 Vor allem muss man auch eine

Bebauung des Küstenstreifens zwischen
Ostbad und Kl. Thüringen verhindern,
wie sie im letzten Jahr geplant war.

Übrigens ist bzw. werden die hoheitlichen
 Aufgaben für die Nehrung der
Selenogradsker Verwaltung entzogen und
als autonomes Gebiet wohl Moskau direkt
 unterstellt. Das würde dann u. a.

bedeuten, dass selbst die Selenogradsker
am Schlagbaum ihren Obolus entrichten
müssen.
Ich grüße Sie in der bewährten Weise

mit herzlichen Flundergrüßen
Ihr/Euer

Wiedersehen mit Pillau nach 58 Jahren

f^/ls gebürtiger und heimatvertriebener
II Königsberger besuchte ich im Jahre
^▼2001 zum 5. Mal mein unvergessenes
 Jugendland. Ein einwöchiger Aufenthalt
 in Rauschen war mein Geschenk zum
70. Geburtstag. Im Ausflugsprogramm
gab es auch eine Tagesfahrt nach Pillau.
Lange zurückliegende Kindheitserinnerungen
 an diese Stadt tauchten auf.
Noch vor dem Ausbruch des Krieges war
mein Onkel in das dortige Amtsgericht
versetzt worden und wohnte mit seiner
Familie in dem ansehnlichen Justizgebäude

 in der Mitte der Stadt. Wenn es
zum Wochenende zu Tante und Onkel
nach Pillau ging, war die Freude groß,
gab es doch im Seehafen viel Interessantes
 zu sehen.
Cousin Heinz stromerte mit mir an der
Zitadelle umher und wir fuhren „Kahnche“
 auf den Festungsgräben. Am breiten
 Strand bei der Nordermole tobten wir
nach Herzenslust, badeten oder schauten
zu den großen Schiffen auf der Reede.
Manchmal blieben wir in Pillau über
Nacht. Darm schlief ich in der kleinen

Stube gleich neben dem Eingang
 zur großen Wohnung.
Der Ton des Nebelhorns und
das Blinkfeuer des nahen
Leuchtturms kamen durch das
Fenster und ich war froh, dass
es vergittert war. Zu Beginn
des Jahres 1944 wurde der
Onkel nach Königsberg zurück
 versetzt, seit der Zeit
hatte ich die Stadt nicht mehr
gesehen.

Furchtbares hörte man
über die letzten Wochen, bevor
 auch diese Bastion fiel und
somit auch der Fluchtweg über
Blick in „meine kleine Stube" 2001

Foto: priv.

61 60