Full text : Unser Schönes Samland

geholt, der Offizier war glücklicherweise
nie da.
Bis zu einem Tag kurz vor dem ersten
Mai. Da war er ausnahmsweise da, und
prompt versuchte er auch über mich herzufallen.
 Mir fielen aber die Worte des
Arztes ein, und ich wehrte mich wütend
und mit aller Kraft, was mir ungeahnte
Kräfte verlieh. Da ließ er von mir ab,
allerdings untersagte er mir dann, meiner
 Mutter davon zu erzählen, anscheinend
 hatte er doch Respekt vor ihr. Meine
 gute Arbeit wurde ich aber trotzdem
los, konnte dem Kapitano aber auch nicht
ganz aus dem Wege gehen, so dass ich
noch ein paar Mal seine Wut zu spüren
bekam.
Da unsere Mutter auch für die anderen
Soldaten in der Nachbarschaft wusch,
kamen sie und brachten Wäsche oder
holten sie ab. So hatte sich ein freundschaftlicher
 Kontakt zu dem Ukrainer
Nikolai entwickelt, der mit seinem Freund,
einem Georgier, manchmal abends zu uns
kam und sich freute, wenn er mit meiner
Mutter polnisch reden konnte. Dieser
Nikolai warnte uns auch vor dem 1. Mai.
Er erzählte uns, dass die Russen zu ihrem
 Feiertag Wodka bekämen und dann
unberechenbar würden. Aber er würde
kommen und auf seine „kleine Schwester“
 aufpassen, denn so sah er mich
inzwischen an.
So sah ich dem 1. Mai gelassen
entgegen. Allerdings verlief der Tag dann
tatsächlich sehr quälend, und ich war
ständig in Gefahr „verschleppt“ zu werden.
 Angefangen vom Kapitano, gegen
dessen Angriffe ich mich aber gelernt
hatte zu wehren, wurden wir auch noch
von einigen jungen Russen überfallen,
dem ich mich durch die Flucht und die
Hilfe des „kleinen Georgiers“ entziehen

konnte. Zu guter Letzt blieb nur noch, |
mich in einer Holztruhe zu verstecken.
Unser Freund Nikolai konnte sein Versprechen
 nicht wahr machen uns zu beschützen,
 weil er zum Dienst abkomman- I
diert worden war.
Die Folge all dieser Aufregungen war I
aber, dass wir - warum auch immer, war I
es die Rache des Kapitano? - in die Sied- 1
lung gegenüber der Schule umziehen I
mussten. Dennoch glaube ich, hatte ich f
mir durch meinen Widerstand auch die 1
Achtung dieses Offiziers erworben, denn T
von da an behandelte er mich bei nicht I
zu vermeidenden Begegnungen wesentlich
 respektvoller und freundlicher.

In diesen drei Wochen meines jungen
Daseins hatte ich mehr über das Leben
gelernt als zuvor. Ich konnte feststellen,
dass es auch unter den Russen in diesen
wirren Zeiten Menschen gab, die hilfsbereit
 und gut waren, die mich beschützt
hatten. Gerade dem freundlichen Arzt |
verdanke ich unsagbar viel, denn wer
weiß, ob ich es gewagt hätte, mich dem
Offizier so mutig entgegen zu stellen, und
welche Folgen es für mein späteres Le- I
ben gehabt hätte, wäre ich aus dieser
Geschichte nicht mit heiler Haut herausgekommen.


In jener harten Zeit, die man nie ver- I
gessen kann und darf, hatte ich auch später
 immer das Glück, einen Schutzengel
an meiner Seite zu haben. Dafür bin ich
dankbar.

Gertrud Ahrens geb. Kolletzki
Stemberg 31
32805 Horn-Bad Meinberg
Tel.: 05234- 51 63

76

Frühling

Z^yraahh, krraahh, krraahh tönte es,

als die großen, schwarzen Krähen
Vüber die weißverschneiten Felder
flogen. Es war Winter. Ein eisiger Wind
wehte über die Stoppelfelder. Krraahh,
krraahh, Hunger hatten die Vögel, und

es war schwer, bei dem vereisten
Boden etwas Futter zu finden. Bis
in die Stadt hinein waren sie geflogen,
 zum Fluss, und auf die
Plätze, wo die Menschen ihnen
 etwas Futter zuwarfen,
ir wenn sie auch die Vögel nicht
besonders mochten. Es waren schöne,
große, pechschwarze Vögel mit kräftigen
Flügeln und scharfem Schnabel. Den
kugelrunden, schwarzglänzenden Augen
entging nichts. Den Menschen flößten sie
so etwas wie Respekt ein. Sie waren nicht
wie die unzähligen Tauben, die gerne von
den Menschen gefüttert wurden oder gar
die frechen Spatzen, die den Menschen
bis auf die Hand geflogen kamen, um
das Futter aufzupicken. Es waren stolze
Vögel, und ihr Geschrei war rauh und
herausfordernd.
Krraahh, krraahh! Stundenlang saßen
sie auf den kahlen Bäumen, still und unbeweglich,
 wie erstarrt. Um dann plötzlich
 aufzufliegen, wobei ihre breiten Flügel
 zischende Geräusche verursachten.
Was hatten sie sich wohl zu erzählen?
Was bedeutete ihr krraahh, krraahh? Aber
gesprächig schienen sie nicht zu sein. Sie
beschränkten sich auf das wenige
krraahh, krraahh, krraahh, das noch kreischender
 wurde, wenn sie sich um Futter
 stritten.
Eines Morgens aber waren die kahlen
 Bäume noch kahler. Auf den laublosen
 Ästen saßen keine Krähen mehr.
Was war geschehen? Auch die Felder
hatten ihr weißes Kleid verloren und lagen

 jetzt grau und hässlich da.
Unmerklich waren die Sonnenstrahlen
wärmer geworden, und es dauerte
nicht lange, da lag ein zartgrüner
 Schimmer über den
Feldern. Die Saat ging auf.
Unter den Laubbäumen im Wald
hatte sich ein bunter Teppich aus
weißen Anemonen, gelben Sumpfblumen
und violetten Veilchen ausgebreitet. Die
Eisschicht der kleinen Bäche wurde brüchig,
 und bald sah man das klare Wasser
über die Steine im Flussbett springen.
Zuerst bekamen die Birken zarte, grüne
Spitzen. Es folgten Buchen und Eichen,
und aus dem braunen Waldboden sprossen
 Gräser in den verschiedensten Grüntönen,
 in allen Formen und Längen.
Immer wärmer schienen die Sonnenstrahlen,
 und immer später ging die Sonne
 am Abend unter. Im Garten regte sich
der Rasen. Die herunter getretenen Gräser,
 die auch von der eisigen Kälte gebeugt
 waren, richteten sich auf, langsam
zuerst, als wollten sie es erst einmal ausprobieren,
 dann wurden sie stärker und
kräftiger, und strahlten bald in sattem
Grün. Der Wind hatte im Herbst die Samen
 unzähliger Blumen und Pflanzen
durch die Luft von einem Ende zum anderen
 getragen. Bald sprossen daher auch
zwischen dem Gras auf dem Rasen wilde
 Krokusse und Veilchen. Die Krokusse
waren giftig für Mensch und Tierj aber
ihre zarten Farben in lila, rosa, hellblau
und gelb waren mehr als eine Augenweide.


Plötzlich war ein Zwitschern in
der Luft: Rotkehlchen und Buchfinken,
 Meisen und Finken, Drosseln
und Stare waren aus dem Süden zurückgekehrt,
 wo sie in milderem Klima den
Winter verbrachten.