zu organisieren. Schließlich, irgendwann ren wieder nach Königsberg ins Hotel
in vorgerückter Abendstunde, konnten zurück.
wir uns auf den Weg machen mit Iwan, Unterwegs hatten wir genügend Zeit
unserem Taxifahrer. Es waren etwa 35 unseren Gedanken nachzuhängen. Ich
Kilometer landeinwärts. Erst in der Ab- dachte an Alfreds Reaktion, die unterenddämmerung
sahen wir die Kirchen- schwellige Angst der Kindheitserlebnisse,
ruine von Kumehnen und begaben uns die unvermittelt wieder aufbrachen. An
dann sogleich auf „Dorfsuche“. Iwan den gewaltsamen Auszug aus unserer
wollte uns dazu bewegen auszusteigen, Behausung vor über 50 Jahren, an die
um in der Dämmerung suchen zu hei- müden und wunden Füße, wenn wir
fen. Alfred war nicht bereit aus dem Taxi abends in verlassenen Häusern oder
zu klettern. Zu mir gewandt sagte er: Scheunen ankamen. Häufig gar nichts zu
„Geh nicht raus, der kann uns hier essen hatten, dann nachts, das Einschlajederzeit
abknallen.“ Ich stieg trotzdem gen von abgestützten Türen durch betrunaus
und wir suchten im Umfeld nach kene Soldaten. Das Schreien und Wei- j
Wegen oder Trümmern, welche auf ein nen von Frauen und jungen Mädchen, die
früheres Dorf schließen ließen. Leider war von einer Horde hemmungsloser Tiere
nichts zu finden. Um Kumehnen herum überfallen wurden. Ich dachte daran, wie
fanden wir noch zwei Gutsartlagen, die oft mich die Kraft verließ, noch selber
aber auch schon Ruinen waren. Wir fuh- laufen zu können. Sehr oft fuhren Alfred
Die Reste der Kumehner Kirche, fotografiert im Juli 1997 Foiorpriv.
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Ein Sonnenuntergang in Rauschen, aufgenommen im Sommer 2005
Foto: priv.
und Siegfried mich im Handwagen, wobei
wir willkürlich über grobgepflügte
Äcker und durch Zäune getrieben wurden
mit dem Spott: „Germanski, das
Chitlerwege!“ Für mich ist sicher, dass
unsere Familie ohne den Mut und Lebenswillen
von Alfred und Siegfried ein
frühes Ende gefunden hätte.
Unsere Reise führte uns auch zur Kurischen
Nehrung und an die Masurischen
Seen. Von Nikolaiken organisierten wir
eine Taxifahrt nach Modgarben bei Bartenstein.
Hier hatten unsere Großeltern
mütterlicherseits einen Hof, den Alfred
als ältester Sohn einmal übernehmen sollte.
Wir fanden das Dorf. Einige Häuser
waren uns sofort bekannt. Nun suchten
wir Opa Kunkels Hof, fanden ihn aber
auf Anhieb nicht wieder. Der polnische
Taxifahrer fragte einen Nachbarn. Es kam
Folgendes heraus: Vor etwa zehn Jahren
wurden Wohnhaus, Stall und Scheune
abgerissen, weil es überall hinein geregnet
hat und der Pächter ausgezogen war.
Die Grundstücke wurden an die umliegenden
Bauern verteilt. Die Fundamentstellen
der Gebäude waren noch sichtbar,
weil nicht beackert, mit Wildwuchs
versehen. Alfred äußerte seine Enttäuschung,
indem er zum sofortigen Aufbruch
drängte. Irgendwann unterwegs
sagte ich zu ihm „Alfred, es tut mir leid,
dass du nun kein Hoferbe mehr werden
kannst“.
Trotz aller negativen Erfahrungen waren
für mich die Reise nach Ostpreußen
sehr wichtig zur Vergangenheitsbewältigung.
Ich schäme mich nicht einzugestehen,
dass ich beim ersten Blick
zur Samlandküste alles um mich herum
vergaß und meinen Gefühlen freien Lauf