Vor 60 Jahren
Das Frühjahr im Jahr 2005 erinnert uns
an das Geschehen vor 60 Jahren. Leider
kann wohl niemand von uns die Not und
Entbehrung auf der Flucht oder die Angst
und die Schrecken beim Einmarsch der
Roten Armee und in der folgenden Jahren
vergessen. Ich möchte diese Erinnerungen
hier auch nicht weiter wachrufen.
Doch gehört es zu unserer Heimatgeschichte,
die Ereignisse des Krieges im
Frühjahr 1945 festzuhalten.
Anders als im 1. Weltkrieg blieb im
2. Weltkrieg Ostpreußen lange Zeit von
dem kriegerischen Geschehen verschont.
Dafür traf das Ende des Krieges unsere
Provinz umso härter. Vom Kriegsbeginn
1939 bis zum Hebst 1944 haben wir im
Samland fast nichts von den Kämpfen
an den Fronten und von den Fliegerangriffen
gemerkt. Bei uns auf dem Lande
als Selbstversorger waren auch die Versorgungsengpässe
der Städter ziemlich
unbekannt. Man muss berücksichtigen,
dass es die heutige Angebotsfülle auch
in Friedenszeiten noch nicht gab. Die laufenden
Bombenangriffe auf die Städte im
Reichsgebiet kannten wir nur aus dem
Radio.
Leider hatten in diesen Jahren einige
Familien den Heldentod ihrer Söhne oder
Familienväter zu beklagen, was die ganze
Nachbarschaft schmerzte. Dieser Kummer
verstärkte sich 1942 beim Kampf um
Stalingrad.
Mit dem Bombardement von Königsberg
Ende August 1944 wurde uns erst
bewusst, wie nahe nun auch bei uns Krieg
stattfand, denn in Königsberg hatte wohl
fast jede samländische Familie Angehörige
und Freunde, die nun aufs Land kamen.
Im Oktober trafen dann auch die
ersten Flüchtlingstrecks aus dem Memelgebiet
und aus den nordöstlichen Kreisen
Ostpreußens im Samland ein. Die
Situation schien also ernst zu werden.
Dieses Zurückweichen wurde aber noch
als vorübergehende Situation angesehen,
denn unsere „Wunderwaffen“ sollten ja
noch zum Einsatz kommen.
Als dann vor Weihnachten 1944 alle
arbeitsfähigen Männer zum Stellungsbau
(Schützen- und Panzergräben) im Gebiet
von Königsberg einberufen wurden, entstand
schon der Eindruck, es könne
schlimmer kommen. Familien mit Weitsicht
„besuchten“ ihre Verwandten im
Reich. Den Familien mit Besitz fiel diese
Entscheidung doppelt schwer: Sie
mussten ihren Besitz, in den meisten Fällen
das Gut, den Bauernhof oder das Haus
zurücklassen und sie wurden von ihren
noch arbeitsfähigen Familienangehörigen
getrennt. Ich habe diese Phase als Zehnjähriger
erlebt und so wurde die Lage
bei meinen Eltern gesehen. 1944 konnten
wir noch mit kleinen Einschränkungen
ein schönes Weihnachtsfest feiern.
In der zweiten Januarhälfte 1945 änderte
sich die Lage für Ostpreußen dramatisch.
Am 23. erfolgte die Abschnürung
der Provinz bei Elbing. Es fuhren
keine Züge mehr ins Reich. Für die Weiterfahrt
der im Samland versammelten
Flüchtlinge blieb nun nur der Weg über
Pillau. Wer Glück hatte, erreichte dort
ein Schiff, die anderen mussten versuchen
zu Fuß oder mit Pferd und Wagen/
Schlitten über die Frische Nehrung weiterzukommen.
Fast gleichzeitig musste
die Bevölkerung aus dem Kreis Labiau
und den ostwärts gelegenen Kreisen
flüchten. Sie kamen größtenteils ebenfalls
ins westliche Samland und verstärk'
Pillau ^ ^ ^
Frontverlauf im Samland Ende Januar — und ab Mitte Febr. 1945
(Kartenausschnitt aus dem Buch „Kampf um Ostpreußen")
ten dort den Flüchtlingsstau. Der Gegner
konnte erst an der Deime-Linie
wieder aufgehalten werden, wenn auch
nur für wenige Tage. Der nächste Vorstoß
der Roten Armee erfolgte am 29.
Januar. Die Front rückte in unserem
Nordabschnitt bis Pobethen vor. Es blieb
nur ein schmaler Streifen von Cranz
westwärts entlang der Küste in deutscher
Hand. In der Mitte des Samlandes gab es
einen vorgeschobenen Keil, der bereits
fast bis an die Westküste bei Sorgenau
reichte und im Süden verlief die Front
bei Gr. Blumenau bis zum Frischen Haff.
Königsberg wurde eingekesselt. In all
diesen Gebieten wurde heldenhaft gekämpft
und die Verluste waren groß. Nun
erhielt auch die Bevölkerung in unserem
Gebiet die Genehmigung zur Flucht, die
aber nicht von allen genutzt wurde, und
die in den meisten Fällen nur 10 bis 20
km weiter westlich führte. Unsere Familie
kam bis Palmnicken. Doch von dort
ging es nicht weiter. Durch Militärtransporte,
Nachschublieferungen und die
Flüchtlingstrecks aus den östlichen Gebieten
waren die Straßen nach Pillau verstopft.
Hinzu kam, dass Schnee lag und
starker Frost herrschte. Bei dieser eisigen
Kälte auf den Wagen und Schlitten
im Freien zu übernachten, war fast unmöglich.
So wurde umgekehrt. Der Glaube an
den „Endsieg“ war erschüttert, aber nicht
völlig ausgelöscht. Mein Vater schrieb
damals nach Dresden: „Es kann doch
nicht wahr werden, dass uns der Russe
hier in die Ostsee jagt.“ Bei dieser Rückfahrt
hatten wir am 2. oder 3. Februar in
der Försterei Hirschau die erste Begeg- 27
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