nung mit dem Sowjet-Militär. Sie suchten
nach Soldaten und Waffen und fuhren
dann nach Georgenswalde weiter. Wir
brachen voller Angst durch den Forst
nach Rauschen auf, wo wieder Frieden
herrschte. Heute weiß ich, wie diese
Truppe damals wütete: In Kraam wurde
das Gastwirts-Ehepaar Böhm erschossen.
Gutsbesitzer Rade in Georgenswalde soll
mit seinem Haus lebendig verbrannt
worden sein. Der Vorstoß ging bis etwa
zum Bahnhof Rauschen-Düne. Bereits am
zweiten Tag war dieser Durchbruch zur
Nordküste zurückgeschlagen (dieser
kurzzeitige Durchbruch ist in der Skizze
nicht eingezeichnet). Auch in der Mitte
konnte der Keil in schweren Kämpfen
bis zum Galtgarben zurückgedrängt werden.
Die Front verlief nun im Nordbereich
von Rantau über Pobethen bis
zum Galtgarben.
Dieser Frontverlauf bewog meine
Eltern, an die Frühjahrsbestellung der
Felder zu denken. Nach ein paar Tagen
bestand die Möglichkeit von Neukuhren
aus mit kleinen Schiffen und, wie ich erst
kürzlich hörte, auch mit U-Booten nach
Pillau gebracht zu werden. Etliche aus
Rauschen und auch aus Alexwangen haben
rechtzeitig davon erfahren und konnten
die Gelegenheit nutzen.
In dieser Zeit wurde von einigen Eisenbahnern
die Bahnstrecke von Warnicken
nach Groß Dirschkeim provisorisch
ausgebaut. Damit bestand die Möglichkeit
Transporte auf diesem Wege gen
Pillau zu bringen. Leider ist unbekannt
wie viele Transporte stattfanden. Ein Bekannter,
der in einem Lazarett in Neukuhren
war, berichtete mir, dass die
transportfähigen Verwundeten etwa am
7. April 1945 das Lazarett noch auf diesem
Wege verlassen konnten. Landrat v.
d. Groeben hat einmal geschrieben, dass
er Anfang April 1945 noch einmal das
verbliebene Kreisgebiet besuchte und am
Vormittag des 14. April in Rauschen-Düne
war. Dort fuhr noch ein Zug mit
Verwundeten in Richtung Pillau. Ich habe
aber bisher noch keine Privatperson sprechen
können, die auf diesem Wege von
Rauschen flüchten konnte.
An diesem 14. April in der Mittagszeit
wurde Rauschen von der Roten Armee
besetzt. Die anderen Dörfer, die zwischen
Pobethen und Rauschen lagen, besetzte
sie bereits ein paar Stunden früher. Rauschen-Düne,
Georgenswalde und Warnicken
wurden dann im Laufe des Nachmittags
erreicht. All diese Dörfer wurden
kampflos von den deutschen Truppen
verlassen. Dadurch gab es in unserem
Bezirk fast keine Kriegsschäden in
den einzelnen Ortschaften. Den schwersten
Schaden hatte eine Granate am
Kirchturm in St. Lorenz angerichtet und
das Stufendach abgeschossen. Erst im
Gebiet von Germau wurde dieser 2. Vormarsch
wieder aufgehalten und es kam
in den nächsten Tagen zu schweren
Kämpfen. Insoweit hat unser Gebiet den
Krieg bis zum Schluss gut überstanden.
Es soll hier aber der zahlreichen Männer
gedacht werden, die an allen Kriegsfronten
ihr Leben gelassen haben und
deren Familien und Angehörige an diesem
Leid zerbrachen. Zahlreich waren
auch die Gefallenen bei den Kämpfen im
Samland vom Durchbruch Ende Januar,
beim Kampf um einen Fluchtweg aus
dem eingeschlossenen Königsberg im
Februar und bei letzten Kämpfen vom
14. bis zum Fall von Pillau am 25. April.
Sie versuchten in diesem aussichtslosen
Kampf den Feind aufzuhalten, damit
noch möglichst viele Flüchtlinge und
Die erweiterten Sommerhäuser des Kurhauses mit
der Journalistin Rosalia Iskandarowa
Verwundete von Pillau abtransportiert
werden konnten und mussten größtenteils
dafür ihr Leben lassen. Diesen heldenmütigen
Männern sind wir großen Dank
schuldig.
Nur einem kleinen Teil der Bevölkerung
unseres Gebietes und des Samlandes
überhaupt war die rechtzeitige Flucht
gelungen. Die Mehrzahl der Bewohner
war in ihren Wohnungen oder auf ihren
Höfen geblieben, versteckten sich verängstigt
vor den Rotarmisten und erlebten
den Terror der von ihren Politoffizieren
aufgehetzten Sieger. Schrecklich
waren die Plünderungen für alle,
doch viel schrecklicher waren für Mädchen
und Frauen die Vergewaltigungen.
Junge Burschen und Männer wurden verhaftet,
eingesperrt und verhungerten dort
oder wurden teilweise gleich erschossen.
Es begannen nach Belieben einzelner Soldaten
Gewaltmärsche für die Bevölkeung,
deren Ziel undurchsichtig war und
m bei denen wir uns heute
noch die Frage stellen:
Was war der Sinn? Viele
Landsleute, insbesondere
alte und gebrechliche Personen
sowie kleine Kinder,
sind dabei ums Leben gekommen.
Wir erinnern
uns aber auch dankbar der
wenigen russischen Militärs,
die sich uns gegenüber
recht menschlich verhielten.
Uns Rauschenem / Samländem
/ Ostpreußen wurde
damit ein grausamer
meiner Frau und Ausgleich für die recht
(Foto Klemm) ruhige Kriegszeit gegenüber
den durch Bombenterror
geplagten Menschen in den Städten
beschert. Trotz allem, was jeder einzelne
an Schrecklichem in dieser Zeit
erlebt hat, haben sich zahlreiche Freundschaften
zu der heutigen russischen Bevölkerung
ergeben. Denn sie ist an den
Verbrechen der Rotarmisten an der deutschen
Zivilbevölkerung genauso unschuldig
wie wir Deutschen an den Verbrechen
der nationalsozialistischen Führung.
Aus Rauschen
In meinem Artikel „Liebe Heimatfreunde
aus ....“ im Heimatbrief 164. Folge erhielt
das Foto auf Seite 36 unten eine falsche
Unterzeile. Sicherlich haben alle
Rauschener erkannt, dass es sich bei dem
Bild nicht um „Die erweiterten Sommerhäuser
des Kurhauses“ handelt, sondern
um das russische Klubhaus (früher Café
Düne) mit den jetzt davor stehenden
Imbissständen und einem Teil meiner Familie.
Bedauerlicherweise habe ich das
falsche Foto zur Redaktion gesandt.
29 28