Auch Johann Georg Hamann
(1730-1788), der „Magus des Nordens“,
der Widersacher Kants, hat der
Philosophie und Literatur seiner Zeit
positive Denkanstöße gegeben. Hamann
lieferte regelmäßig Beiträge zu
den in Königsberg herausgegebenen
Zeitschriften „Daphne“ und „Königsbergische
Gelehrte und Politische Zeitungen“.
Für die Formung von Hamanns
Ästhetik war die geographische
Lage Königsbergs nicht unwichtig. Sie
half ihm direkte Kontakte zu Sprachen
und Kulturen West- und Osteuropas zu
intensivieren. Um „Daphne“ sammelte
sich die junge Intelligenz. Hamanns
Zugehörigkeit zu diesem Kreis war
lebensbestimmend. Die geistige Seele
der Zeitschrift war der Theologe und
spätere Poesieprofessor Johann Gotthelf
Lindner (1729-1778).
Groß ist die Reihe der Persönlichkeiten
Ostpreußens, die literarischen
Ruhm erwarben. E. T. A. Hoffmann
(1776-1822), Hermann Sudermann
(1857-1928), Arno Holz (1863-1929),
Agnes Miegel (1879-1964), Paul
Fechter (1880-1958), Ernst Wiechert
(1887-1950) sind wohl die bedeutendsten
unter ihnen.
Einen großen Einfluß auf nachfolgende
Künstlergenerationen in Ostpreußen
und in Deutschland hatten die
Werke der führenden Vertreter der bildenden
Kunst Lovis Corinth (1858-1925)
und Käthe Kollwitz (1887-1945).
Im Musikbereich sind es Otto
Nicolai (1810-1849), Walter Kollo
(1878-1910), Johann Friedrich Reichhardt,
Hermann Gustav Goetz und
andere.
Es ist uns bekannt, daß aus dem
Samland und aus Königsberg drei
Nobelpreisträger gebürtig sind: Otto
Wallach (Chemie), Wilhelm Wien
(Musik) und Fritz Albert Lippmann
(Medizin).
Weltbekannt sind die Namen von
Friedrich Wilhelm Bessel, des hervorragenden
deutschen Astronomen und
Mathematikers, des Begründers und
des ersten Direktors der Königsberger
Sternwarte sowie des berühmten
Mathematikers David Hilbert, dessen
Andenken in der heutigen Stadt Kaliningrad
und an der Universität Kaliningrad
gepflegt wird.
Aus Nordostpreußen sind nach
dem Krieg aber auch drei weltweit
bekannte Russen gekommen, die als
Kosmonauten bedeutsam wurden.
Neben Romanenko und Pazajew ist
auch Leonow zu nennen, der sich als
erster Mensch im Weltraum außerhalb
der Weltraumkapsel befand.
Dieses Land Preußen ist nämlich
untrennbar mit russischer Geschichte
und russischer Kultur verbunden.
Viele alte russische Familien leiten
ihre Herkunft von ihren Ahnen aus
Preußen ab. Da sind z. B. Familiennamen
wie Tuschkow und Saltykow,
Golenischev, Kutusov u.a. Wie die Historiker
behaupten, kommt der Urahne
des großen russischen Dichters Puschkin,
ein gewisser Ropscha, der bei dem
russischen Fürsten Alexander Newski
in Diensten war, ebenso aus Preußen.
Rußland und Preußen verbanden gemeinsame
Handelsstraßen und die
Hanse. Man kann sich die Hanse ohne
Königsberg und die russische Stadt
Nowgorod kaum vorstellen. In Nowgorod
gab es sogar eine Straße, die
„Prussische Straße“ hieß.
Die Beziehungen zwischen Rußland
und Preußen gestalteten sich besonders
erfolgreich unter Moskaus
Fürsten Iwan dem Dritten sowie auch
danach unter Wassilij dem Dritten, für
die der Deutsche Ritterorden als Verbündeter
auftrat. Aber besonders erfolgreich
entwickelten sich diese Beziehungen
zu der Zeit Peters des
Großen. Das erste Treffen des russischen
Zaren mit Preußen erfolgte in
Königsberg im Jahre 1697, als er die
ganze Botschaft aus Rußland nach
Königsberg brachte. Russen studierten
in Königsberg. Auch Deutsche kamen
ihrerseits nach Rußland und viele von
ihnen haben einen großen Beitrag zur
kulturellen und wisschenschaftlichen
Entwicklung Rußlands geleistet. Die
Schicksale Rußlands und Deutschlands
verflochten sich beständig. Der
Gang der Geschichte brachte es mit
sich, daß Preußen während des Siebenjährigen
Krieges von Rußland einverleibt
worden sind. Aber dann wendete
sich das Rad der Geschichte in einer
Zeit, als russische Truppen im Bündnis
mit Preußen gegen Napoleon kämpften
und in den Schlachten bei Friedland
und Preußisch-Eylau den Mythos
von der Unbesiegbarkeit der französischen
Armee zunichte machten.
Russen und Deutsche begegneten
einander nicht nur auf Schlachtfeldern.
Der hervorragende russische Historiograph,
Philosoph und Schriftsteller
Nikolai Karamsin hörte in Königsberg
Vorlesungen Immanuel Kants und der
Naturwissenschaftler und Schriftsteller
Andrej Bolotov, dem wir einen ausführlichen
Bericht über das Leben in
Königsberg im 18. Jahrhundert verdanken,
konnte sich hier betätigen.
Hier verkehrten die russischen Dekabristen,
die am Krieg gegen Napoleon
beteiligt waren, mit den deutschen progressiven
Denkern, die ihnen neue
Blickrichtungen eröffneten.
Aber neue Kriege haben diese
Bande zerrissen. Wieder kam es zum
Blutvergießen. Während des Ersten
Weltkrieges zogen durch das Land, wo
wir jetzt wohnen, russische Armeen,
von Jamsonov und Rannenkampf befehligt.
Man wollte glauben, daß die
Kriegstragödie zum Abschluß gekommen
sei, als im Zweiten Weltkrieg der
Hitlerfaschismus eine vernichtende
Niederlage erlitten hatte und der
Frieden wiederhergestellt worden war.
Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg
schien es, als ob es keine Versöhnung
mehr zwischen unseren
Völkern geben könnte. Aber die Zeit
verging, die Wunden heilten. Die Jahre
der Versöhnung und der Reue traten
ein. Aus der Asche der Feindseligkeit
und des Mißtrauens erwuchs das gemeinsame
Bestreben nach Frieden
und der gemeinsame Entschluß, sich
nicht mehr von einem neu aufkommenden
Diktator irreführen zu lassen.
Allmählich kam auch bei uns die
Erkenntnis auf, daß es unvernünftig
und verbrecherisch sei, die kulturelle
Vergangenheit des Landes, in dem wir
jetzt wohnen, zu verschweigen und zu
verleugnen. In Erinnerung ist immer
noch, wie in den Nachkriegsjahren die
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