Full text : Unser Schönes Samland

sowjetischen Parteifunktionäre im Gebiet
 Kaliningrad strikt darauf achteten,
 den „deutschen Geist“ aus den
Köpfen zu verbannen. Man verbot es,
frühere Namen der Orte und Siedlungen
 zu erwähnen, ja sogar die Kurische
 Nehrung nannte man „Kurskaer
Nehrung“. Ungeachtet der Proteste
der Intelligenz wurde das königliche
Schloß barbarisch vernichtet. Viele
begriffen damals, daß das Schloß kein
„Bollwerk des preußischen Militarismus“
 war, wie die geläufige Parole lautete,
 sondern der Weltkultur angehörte
 und damit auch der russischen
Kultur.

Vieles hat sich heute im Denken
der Menschen verändert. Man gibt sich
immer mehr Mühe, sich das kulturelle
Erbe Preußens, insbesondere Nordostpreußens
 anzueignen und es in die gemeinsamen
 geschichtlichen Bahnen zu
lenken. Die kulturelle Schicht der Vergangenheit
 ist überaus groß und heute
ist sie ein unveräußerlicher Bestandteil
unseres Lebens im Gebiet Kaliningrad
geworden.
Das Kant-Denkmal steht jetzt dort,
wo es früher gestanden hat. Regelmäßig
 werden an der Kaliningrader
Universität Kant-Tagungen veranstaltet.
 Vor kurzem wurde auch die Fachrichtung
 für Philosophie am Lehrstuhl
für Philosophie eingerichtet. In diesen
Tagen, also an diesem September-Wochenende,
 findet in Rauschen das
nächste Kant-Seminar statt. Ein großer
Erfolg waren die E. T. A. Hoffmann-Tage,
 die anläßlich seines 200. Geburtstages
 abgehalten wurden.

In der Pregelstadt von heute und in
dem sie umgebenden Gebiet ist ungeachtet
 aller wirtschaftlichen und politischen
 Probleme inzwischen eine neue
Kulturlandschaft entstanden, die an
die alten Traditionen anknüpft. Sicher
ist vielen Besuchern des Siedlungsraumes
 Nordostpreußen der Name
von Prof. Dr. Lawrinowitsch bekannt,
der nicht nur ein Buch über Bessel
geschrieben hat, sondern auch eine
Geschichte der Königsberger „Albertina“,
 die ihresgleichen sucht. Prof. Dr.
Bogonolov hat ein Buch über Robert
Kirchhoff, den bedeutenden Physiker,
geschrieben, das im Februar 2000 auf
den Markt kommen wird. Auch Prof.
Dr. Kalinnikov wäre zu erwähnen als
Präsident der russischen Kant-Gesellschaft.
 Der russische Dichter Sem
Simkin hat eine umfangreiche Arbeit
geleistet, indem er ostpreußische und
deutsche Literatur für russische Freunde
 der Dichtung in ihrer Sprache nachgedichtet
 hat.
Zudem ist ab 1986 in Kaliningrad
ein bemerkenswerter Klangkörper mit
dem Staatlichen Philharmonischen
Orchester entstanden, das bereits Auslandserfolge
 zu verzeichnen hat und in
Arkadij Feldmann einen Chef besitzt,
der als Verfechter und Pfleger der
musikalischen Kultur Königsbergs zu
bezeichnen wäre. Bemerkenswert ist,
daß das Orchester zu zwei Dritteln aus
Frauen besteht, die auch als Lehrerinnen
 an verschiedenen Musikschulen
 der Stadt tätig sind.
Nicht zuletzt sollte auch der Dom
erwähnt werden, der heute wieder ein
zentraler Mittelpunkt der Pregelstadt

ist und dessen Restauration von Jahr
zu Jahr fortschreitet. Im vorigen Jahr
wurde die äußerliche Instandsetzung
mit der Bedachung erfolgreich abgeschlossen;
 heute ist nun die Renovierung
 des Innenraumes das Ziel.
Natürlich würde das ohne die zahlreichen
 Spenden aus Deutschland von
den alten Ostpreußen und ihren
Freunden unmöglich sein. Wir alle
sind daran interessiert, daß dieses
laudenkmal aus dem 13. Jahrhundert
von der Geschichte Königsbergs künden
 kann.
Ich bin gern zu Ihnen nach Pinne-)erg
 gekommen, denn es ist mir bewußt,
 daß ich zu Freunden eingeladen
wurde, die Königsberg und Nordostpreußen,
 auch wenn der Siedlungsraum
 heute einen anderen Namen
trägt, genauso lieben wie ich. Uns alle,
Sie und mich, vereint der Wunsch,
diese kultur- und geschichtsträchtige
Region kein vergessenes Land werden
zu lassen. Am „Tag der Heimat“ gedenken
 Sie Ihres Geburtslandes, das auch
unsere Heimat wurde, und über alle
Grenzen hinweg - und dies ist mein
Wunsch - sollten wir in Zukunft bemüht
 sein, ein Erbe lebendig zu erhalten,
 das es verdient hat, den Nachgeborenen
 erhalten zu bleiben.
Für mich persönlich war der Name
„Nordostpreußen“ lange ein abstrakter
Begriff. Ich habe über die Geschichte
Ostpreußens nur in Büchern gelesen.
Erst später, als das Gebiet für Ausländer
 geöffnet wurde, war es mir vergönnt,
 gebürtige Königsberger und
Menschen nordostpreußischer Abstammung
 kennenzulernen, deren Erzählungen

 über Königsberg und Ostpreußen
 meine Vorstellungen mit
Leben erfüllten, weil sie lebendige
Träger der Kultur ihres Heimatlandes
waren. Ich bin der Meinung, daß es
unsere gemeinsame Aufgabe ist, uns
dafür einzusetzen, daß das glorreiche
kulturelle Erbe Ostpreußens zum
unabdingbaren Bestandteil des Lebens
der Menschen heute in ihrem Heimatland
 wird.

Noch einmal grüße ich Sie aus Ihrer
alten Heimat und verspreche Ihnen,
mich morgen und stets dafür einzusetzen,
 daß dieses Land niemals seine
Vergangenheit verliert, denn uns vereint
 die gemeinsame Liebe zu Ihrem
Heimatland. Ich möchte hier die Verse
von Simon Dach anführen, die meine
Gefühle am besten zum Ausdruck
bringen:

„So wie ein Palmbaum über sich steigt,
je mehr ihn Hagel und Regen gebeugt,
so wird die Liebe in uns mächtig und groß,
nach manchem Leiden und traurigem Los!“

Bewegt folgten die Zuhörer der
Rede Iwan Koptzevs bis zum letzten
Satz. Eine Dame kämpfte sichtlich mit
den Tränen. Als das Ostpreußenlied
am Ende der Feierstunde erklang, ließ
sie ihren Tränen freien Lauf.

Bärbel Beutner (Heiligenwalde)

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