Andrej Barinow arbeitet an Weidenholz Foto: pnv.
Das muss den Sohn geprägt haben. Er
besuchte die Grundschule, die es damals
noch in Rogahnen gab, dann die weiterführende
Schule in Tapiau, studierte in
Königsberg und wurde Grundschullehrer.
Als Sportlehrer arbeitete er in Heiligenwalde,
dann in Waldau, und dann gab es
eine Zeit im Norden am Ufer des Weißen
Meeres in der Nähe von Archangelsk.
Doch er kehrte in seine Heimat zurück,
richtete sich in Waldau ein und arbeitet
heute an der landwirtschaftlichen Fachschule.
Das Kunststudium lief nebenbei, aus
Interesse. Die Holzschnitzerei habe sich
von selbst ergeben, erfahren die Besucher
seines Ateliers, die Figuren aller
Größen, Vögel, Kästchen, Kerzenleuchter
und Wandteller bewundern. Man kann
die kleinen Kunstwerke auch kaufen; eine
Dame kauft ein Vogel-Ensemble, das wie
eine große „Unruh“ aussieht, also wie ein
Mobile, das man Kindern über die Wiege
hängte, zur Unterhaltung und zur Beruhigung.
Die großen Figuren aus den
Baumstämmen sind allerdings unverkäuflich.
Sie wurden im Oktober
2000 in Königsberg ausgestellt
und sollen in eine eigene
Galerie kommen.
Mit Schnitzarbeiten fing die
künstlerische Tätigkeit an, dann
kam eines Tages ein Journalist
mit einem Tisch aus deutscher
Zeit, dem ein Bein fehlte. Andrej
Barinow restaurierte das alte
Stück, und sein Interesse an alten
Möbeln war geweckt. Er
machte sich auf die Suche, fand
alte deutsche Möbel als Sperrmüll
auf der Straße, annoncierte,
ob jemand alte Möbel los
werden wollte, kaufte kaum etwas,
sondern nahm nur Stücke in schlechtem
Zustand. Er studierte Einrichtungsstile
und Restaurierungstechniken.
Wenn man sein Haus betritt, fühlt man
sich wie in einem kleinen Museum. Ein
Esszimmerbuffet, ein Vertiko, ein Dielenschrank
sind als deutsche Möbel aus der
Zeit vor dem 1. Weltkrieg erkennbar;
genauer klassifizieren müsste ein Möbelexperte.
Das Schlafzimmer sieht aus wie
ein Kabinett in einem Schloss. Im Atelier
stehen noch weitere Möbel, ganz oder
teilweise restauriert, und auf den Fluren
der Fachschule ebenfalls. Andrej Barinow
hat nämlich große Pläne: er will ein
Museum einrichten. In der 1. Abteilung
soll die Geschichte des Waldauer Schlosses
dargestellt werden. Er hat sich Stiche
aus dem Archiv in Königsberg von
dem Archivar Anatolij Bachtin, der sich
um die Geschichte der Kirchen Nordostpreußens
verdient gemacht hat, und aus
dem Museum Königsberg in Duisburg
verschafft. Die 2. Abteilung soll Peter
dem Großen gewidmet sein. Dreimal
besuchte Zar Peter Königsberg, 1711,
1712 und 1713, und stets war auch das
Schloss in Waldau Aufenthaltsort oder
sogar Übernachtungsstätte. Außerdem
war es seit 1525 Residenz von Herzog
Albrecht. Später waren zeitweise die
Grafen Dönhoff Besitzer, so nach den
Recherchen von Andrej Barinow. Er will
mit Puppen und Möbeln ein Demirama
einrichten, ein Zimmer, in das man durch
einen Spalt hineinschaut und alles halb
so groß wie in Wirklichkeit erblickt, und
zwar aus der Zeit von Peter dem Großen.
Die 3. Abteilung soll dem Freiheitsdichter
Maximilian von Schenckendorff
aus Tilsit gewidmet sein, der im Schloss
von Waldau seine bei einem Duell durchschossene
Hand heilte. In einer 4. Abteilung
soll die Geschichte Waldaus repräsentiert
werden, das 2004 ein großes Jubiläum
feiern wird. In einer 5. Abteilung
soll der 2. Weltkrieg dargestellt werden:
die Vertreibung der Deutschen, der Zustand
der Gegend danach, die Neubesiedlung
durch die Russen.
Andrej Barinow hat sich in große Begeisterung
hineingeredet. Das Museum
ist sein großes Etappenziel. Ohne die Hilfe
der Deutschen geht es nicht, und hier fällt
wieder der Name Willi Skulimma. Wieder
hat Willi - so nennt ihn nun einmal jeder
in der Gegend - eine ansehnliche Gruppe
deutscher Touristen gebracht, wieder
hat er seiner Gruppe die neuesten Renovierungen
im Kinderhort in Waldau vorführen
können, ünd auf der Terrasse eines
kleinen Restaurants wurde die Reisegruppe
bewirtet. Junge Leute haben dieses
Restaurant aufgemacht und wollen,
mit Billard-Tisch und Bar im Keller, vor
allem ein jüngeres Publikum anziehen.
Der Besuch der ca. 40 deutschen Touristen
war eine hübsche Hilfe für das junge
Unternehmen.
Für Andrej Barinow übernimmt Willi
Kurierdienste. Im Herbst soll er aus
Duisburg wichtige Unterlagen mitbringen.
Die Zusammenarbeit der Waldauer
funktioniert bestens.
Wo soll das Museum sein? Eine berechtigte
Frage, auf die Georg Artemjew,
Schulleiter aus Heiligenwalde, eine gute
Antwort hat. „Wozu haben wir die Kirche?“
Die Kirche von Heiligenwalde, die
am besten erhaltene Dorfkirche des Gebiets,
ist endlich an die Schule von Heiligenwalde
übergegangen. Die Restaurierungsarbeiten
laufen an. Georg Artemjew,
Vorsitzender des russischen Vereins
zur Erhaltung der Kirche von Heiligenwalde,
kann auf einen schönen Erfolg,
aber auch auf ein hartes Stück Arbeit
Die Figur aus Lindenholz stellt die nahrungsspendende
Bäuerin und Mutter dar Foto: pnv.
58 59