Der Leuchtturin Brüsterort (Samml. Klemm)
Am 27. September 1928 begab sich
Ferdinand Schulz mit Bruno Kaiser und
Stadtrat Berendt von Marienburg nach
Brüsterort. Seine Maschine „Westpreußen“
hatte er im Autoschlepp dorthin bringen
lassen. Er hatte Brüsterort gewählt, um
an dieser Nordwestecke des Samlands die
Windverhältnisse zu prüfen. Außerdem
war gedacht, dass sich der 70 km lange
Streckenflug von hier aus entlang der
Nordküste und der Kurischen Nehrung
ermöglichen ließe.
Noch am selben Abend wehte ein kräftiger
Wind von See her und Schulz entschloss
sich zum Start. Mit
einem provisorischen Start
und bei gutem Aufwind kam
der Segler bis auf 200 m
Höhe. Doch der Wind wurde
schwächer und nach 23
Min. musste Schulz landen.
Dies war der erste Segelflug
an der samländischen Steilküste!
Es folgten ein 2. und
3. Start am nächsten Tag,
wobei die Maschine beschädigt
wurde und Schulz deshalb
die Rückreise nach Marienburg
antrat.
Dann setzte der „strenge Winter“ 1928/
29 ein, wie es ihn seit Jahren nicht gegeben
hatte, und die gesetzte Zeit verrann.
Trotz andauernder Kälte fuhr Schulz am
6. März 1929 wieder zur Samlandküste
und bezog in Palmnicken im Schlosshotel
bei Berking Quartier. Das Bemsteinwerk
Palmnicken hatten großzügige Unterstützung
zugesagt: Sie sorgten für die Beleuchtung
der Küste, stellten eine gut ausgerüstete
Werkstatt für Reparaturen zur
Verfügung und übernahmen die Nachrichtenübermittlung.
Die Domäne stellte
eine Scheune zur Unterbringung der
„Westpreußen“ sowie Pferdegespanne
und Schlitten für Transporte zur Verfügung.
Die Lehrer erklärten sich bereit,
die Startmannschaft zu bilden und die
Schuljugend war aus dem Häuschen.
Überhaupt war wohl in diesen Tagen in
Palmnicken alles auf den Beinen.
Am 8. März blies ein kräftiger Südwest-Wind
und um 8.42 Uhr glückte der
erste Start. Schulz flog nach Norden bis
Brüsterort. Doch da dort der Westwind
fehlte, wendete er und flog Schleifen um
die vorgegebene Dauerflugzeit zu erreiLuftaufnahme
von Palmnicken (Samml. Klemm)
50
chen. Gegen Mittag setzte
Schneetreiben und Frost ein.
Der Pilot konnte noch gegen
die schlechten Sichtverhältnisse
ankämpfen, doch als die
Instrumente der Maschine
vereisten und sich auf den
Tragflächen Eisschichten bildeten,
musste er um 12.53
Uhr südlich von Palmnicken
landen. Die „Westpreußen“
wurde in einen geheizten
Raum des Schlosshotels zum
Auftauen und Enteisen gebracht.
Palmnickcn Schlosshotel (Samml. Klemm)
Nach Tagen der Flaute bzw. nur Wind
von Osten war am 12. März wieder Westwind,
der einen Start für den Langstreckenflug
möglich erscheinen ließ. Mit
etwas Proviant wurde um 8.47 Uhr gestartet.
Doch bei Gr. Dirschkeim kam so
starker Nebel auf, dass der Segler nach 3
Stunden wieder landen musste. Ähnlich
verlief der nächste Tag, der zunächst auch
wieder gutes Flugwetter brachte. Doch
in 200 m Flughöhe herrschte eine solche
Windgeschwindigkeit, dass das Flugzeug
für die Strecke von Brüsterort bis Georgenswalde
nur 3 !4 Minuten brauchte und
Schulz sich dort zur Landung entschloss.
Er wurde samt Segler von einem Schlitten
der Domäne Palmnicken zurückgeholt.Am
14. März wurde in Palmnicken
Abschied gefeiert. Die ausgesetzten Preise
konnten nicht gewonnen werden. Doch
Schulz hatte erfahren, dass man durchaus
an der Samlandküste Segelfliegen konnte
und auch, dass dort allerdings die
Wetterverhältnisse sehr tückisch sind.
Die Fliegerei hatte aber in Palmnicken
solchen Eindruck gemacht,
dass bei der Abschlussfeier 5 Lehrer
der Schule und 3 junge Damen
ihren Beitritt zum „Westpreußischen
Verein für Luftfahrt“ erklärten.
Besuch in der „Westpreußen" in Palmnicken (Foto Kecker)
Ein Vierteljahr nach diesen Flügen
in Palmnicken, am 10. Juni
1929, stürzte Ferdinand Schulz mit
seinem Flugkameraden Bruno Kaiser
beim Flug zur Denkmals-Enthüllung
in Stuhm tödlich ab. 51