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Sommeraufenthalt an der Samlandküste
im schönen Ostseebad Neukuhren, zwischen
den größeren Bädern Rauschen und
Cranz gelegen, leisten konnte. Damals
waren Ferienreisen für viele jedoch noch
nicht erschwinglich, während heute Reisen
mit dem Flieger nach Mallorca oder
Gran Canaria beinahe selbstverständlich
sind. Jedenfalls konnten die wenigsten
Klassenkameraden von Dieter nach den
Sommerferien von irgendwelchen größeren
Reisen berichten. So auch Dieters
bester Freund Hans Joachim, der regelmäßig
einen Teil der Ferien bei seinen
Verwandten in der Nähe auf dem Lande
verbrachte. Noch heute erzählt er begeistert
von den unvergesslich schönen Sommerferien
in Neukuhren, die er zusammen
mit Dieter, wenn auch bereits zu
Kriegszeiten, dort verleben durfte.
Doch damals war noch Frieden und
Olli war mit der Familie wieder in das
Ferienquartier bei den Wirtsleuten B. eingezogen.
Der Fischfang diente da dem
Lebensunterhalt und ihr Häuschen lag in
der Nähe des kleinen Neukuhrener Fischereihafens.
Ganzer Stolz des Fischers
Karl war der schöne, weiß angestrichene,
neue Fischkutter. Da noch einige
Zahlungen dafür zu leisten waren, kamen
zusätzliche Einnahmen durch Zimmervermietung
an Feriengäste sehr gelegen.
Wieder war ein Tag so schön wie
der andere. Die Sonne lachte vom wolkenlosen,
strahlend blauen Himmel und
man musste sich beeilen, wenn man am
Strand barfuß ins Wasser kommen wollte,
ohne sich die Fußsohlen im heißen,
feinen Sand zu verbrennen. Die Strandburg
wurde gleich am Tag nach der Ankunft
mit vereinten Kräften aufgeschaufelt.
Daneben befand sich schon
die Burg der Familie S. aus Königsberg.
Man hatte sich im Vorjahr kennen gelernt
und die Ferienfreundschaft sollte noch
weitere Jahre dauern. Zur Familie S.
gehörten der damals siebenjährige, gehbehinderte
Arno und die siebzehnjährige
Vera. Vormittags genoss man gemeinsam
das Strandleben mit Sonnen, Baden und
Spielen. Nachmittags wurde nach einer
Wanderung oben an der Steilküste entlang
ein Familiengarten aufgesucht, um
sich dort eine große Kanne Kaffee aufbrühen
zu lassen und dazu den mitgebrachten
Kuchen mit großem Appetit zu
verspeisen. Arno saß auf dem Wanderweg
in einem Ziehwagen. An anderen
Tagen fand man sich im Kurgarten zum
Nachmittagskaffee ein und ließ sich Torte
mit Schlagsahne gut schmecken. In einem
Schlager heißt es: „Wenn bei Capri
die rote Sonne im Meer versinkt.....“
So versank sie auch in Neukuhren und
viele schauten sich immer wieder fasziniert
den Sonnenuntergang an. Dazu traf
man sich auf der Promenade, um sich
danach, in der angenehm kühlen Abendluft
noch einen Eisbecher auf der Terrasse
des Kurhauses zu gönnen und dabei
der Musik der kleinen Tanzkapelle zu
lauschen. Vera und Waltraut mangelte es
nicht an Tanzpartnern. Morgendliche
Kur- und vormittägliche Strandkonzerte
unterhielten die Ferien- bzw. Kurgäste
und bereicherten neben Lampionabenden
den Aufenthalt im schönen Ostseebad
Neukuhren.
Zu einem besonderen Erlebnis zählten
die Kutterfahrten zum Feuerwerk nach
Cranz. Zur Abendstunde stachen dazu
zwei oder auch drei Fischkutter mit den
Schaulustigen vom Hafen aus in See, um
nach etwa zweistündiger Fahrt rechtzeitig
zum mitternächtlichen Feuerwerk in
Cranz anzukommen. So war das auch an
einem schönen Sommerabend des Jahres
1935, an dem sich auch Olli samt den
anderen der Familie auf Karls Kutter eingeschifft
hatten. Die befreundete Familie
S. war an Land geblieben.
Es heißt zwar: „Eine Seefahrt, die ist
lustig, die ist schön!“ Nun das mag wohl
so sein, doch es gibt genügend Beispiele
dafür, dass so manchem Seefahrer das gar
nicht so lustig vorgekommen sei. Bei
ruhiger See ging die Fahrt zunächst flott
voran. Alle waren gespannt auf das nächtliche
Ereignis in Cranz. Dieter machte
da eine Ausnahme, weil er sich ermüdet
nach einem Tag voll Sport und Spiel inmitten
des Kutters, eingehüllt in warme
Decken, gleich nach der Abfahrt in Morpheus
Arme begeben hatte und sich erst
daraus löste, als man wieder im Hafen
anlegte. Nach halber Strecke frischte der
Wind auf und die ersten Schaumkronen
wurden sichtbar. Die Kutter rollten von
links nach rechts in der aufkommenden
Dünung und abwechselnd hoben und
senkten sich Vorder- und Achtersteven.
Während Tochter Waltraut am Bug
und Vater Richard am Heck stehend
lauthals sangen: „Die See geht hoch, die
See geht schwer .... !“, war den meisten
an Bord weniger danach zumute. Wie
Olli beugten sich auch die anderen sozusagen
reihenweise über die Bordwand
und „fütterten“ die Fische. Vor Cranz
angekommen, bat Olli den Kutterkäptn
Karl flehentlich, er möge sie doch hier
an Land setzen, sonst würde sie nicht
mehr lebend zurückkommen. „Aber beste
Frau, wie soll ich das machen, hier gibt
es keinen Hafen“, sagte Karl. „Dann
müsste man schon an Land schwimmen“
fuhr er fort. Davon wäre jedoch auch
einem guten Schwimmer wegen der „unterirdischen
Wellen“ dringend abzuraten.
„Erbarmung, Erbarmung - sind die denn
so gefährlich“ bekam Olli es mit der
Angst zu tun und vergaß vorübergehend
sogar ihre Seekrankheit. Wohl oder übel
- der Magen wollte nichts mehr hergeben
und nun dazu noch die Angst zu kentern
- es blieb nichts anderes übrig als an
Bord zu bleiben. Welch eine „Höllenfahrt“
konnte das noch werden! Jedenfalls
hafteten die „unterirdischen Wellen“
zeitlebens unvergesslich in „Ollis“ Gedächtnis
und sie wollte damals doch lieber
sterben, als noch einmal zwei Stunden
auf dem Wasser zu schaukeln. Zum
Glück ist es nicht so gekommen und sie
bekam im Hafen, wenn auch arg mitgenommen,
wieder festen Boden unter die
Füße. Selbst da soll sie noch lebensmüde
gewesen sein, wurde gesagt.
Allerdings wurden ihre Lebensgeister
sofort wieder geweckt, als sie sah, wie
Herta, Karls Ehefrau, die auch mit an
Bord war und sich nun an einem Baum
festhielt, auch „kotzen“ musste. Hatte sie
doch vorher felsenfest behauptet, sie
würde nie seekrank werden. Man soll halt
nie „Nie“ sagen. Selbst im Schlaf hatte
Olli noch das Gefühl, das Bett würde hin
und her schaukeln. Jedenfalls wollte sie
fortan keine Kutterfahrt mehr mitmachen,
während die anderen der Familie
noch wiederholt tagsüber mit Karl in See
stachen, um sich an Deck zu sonnen und
draußen auf der offenen See herrlich zu
baden. Einmal konnten sie sogar zum
nächtlichen Fischfang zusammen mit
anderen Fischkuttern hinausfahren. Erst
zu früher Morgenstunde, wenn der Nebel
noch dicht über dem Wasser lag und
von der Küste aus nur die Masten der
Kutter zu sehen waren, wurde der Hafen angesteuert.