Erinnerungen - Zwischen Pillau und Königsberg
Nach dem verlorenen Ersten
Weltkrieg 1920 wurde unsere Heimat
vom Reich durch den Polnischen
Korridor getrennt, so daß man Ostpreußen
als eine Insel betrachten
konnte. Dieser Eindruck wurde besonders
spürbar, wenn man mit einem
der weißen Schwäne, dem „Seedienst
Ostpreußen“ ins Reich oder zurück
nach Ostpreußen fuhr. Viele Menschen
aus dem Reich nahmen gerade
in den 20er und 30er Jahren den Weg
über See, schon um Visumzwang,
Passkontrollen und sonstige Unannehmlichkeiten
bei Reisen durch den
damaligen Korridor zu umgehen.
Bei Nacht zeigte der Leuchtturm
von Pillau schon 15 Seemeilen (37 km)
vorher mit seinem geisterhaft ausgestreckten
Schein die Richtung zu diesem
kleinen idyllischen Städtchen im
Samland am Baltischen Meer, wie
früher auch die Ostsee benannt wurde.
Romantisch und verschwiegen liegt
Pillau am Durchbruch der Frischen
Nehrung (auch Pillauer Tief genannt)
südwestlich von Königsberg. 12.000
Einwohner zählte das Städtchen 1939.
Das Stadtwappen und Wahrzeichen ist
ein Stör mit Königskrone.
Er versinnbildlichte die längst vergangene
preußische Königszeit. Pillau
entstand in der Zeit des Deutschen
Ritterordens um 1250 unter Hermann
von Salza. Im 14. Jahrhundert erreichte
der Deutsche Ritterorden seine
höchste Blüte durch geschickte
Außenpolitik, intensive Besiedelung
und gute Verwaltung besonders unter
Winrich von Knieprode.
Pillau hatte seine Bedeutung im
Fremdenverkehr durch den „Seedienst
Ostpreußen“ , als Seebad, wegen der
See- und Haff-Fischerei, dem Lotsenwesen,
dem Wasserbauamt, der Marinegarnison
mit Stützpunkt und als
Festung. Diese Instanzen gaben der
Stadt das Gepräge. Am Seedienstbahnhof
betrat man den ostpreußischen
Boden, entweder zur Weiterfahrt
mit der Bahn oder dem Auto ins
Samland, nach Königsberg oder zu
den ebenso berühmten Masurischen
Seen.
Wen die See oder das Haff lockte
wurde auch nicht enttäuscht. Der
schöne saubere, weiße Strand, der sich
über Neuhäuser - Lochstädt -
Tenkitten bis nach Palmnicken erstreckte,
bot Frische und Erholung im
überreichen Maße. Hier konnte man
im Dünensand verträumt am blauen
Himmel den vereinzelt dahin ziehenden
Feder- und Cumuluswolken nachschauen.
Ja, Pillau und sein Strand war
schon eine Reise wert.
Wer einen Abstecher nach
Königsberg, der Hauptstadt Ostpreußens
unternahm, wurde von der
Schönheit und Sauberkeit der Stadt
unvergeßlich beeindruckt. Mit seinen
370.000 Einwohnern im Jahre 1939
war diese alte preußische Krönungsstadt
nahe der Pregelmündung
im Samland die größte und schönste
Stadt des Deutschen Ostens.
Königsberg entstand im Schutze
der 1255 gegründeten Ordensburg,
seit 1701 preußische Krönungsstadt.
Berühmt durch seine Universität, der
Wirkungsstätte des Philosophen Immanuel
Kant Ende des 18.
Jahrhunderts, und dem im 13. Jahrhundert
erbauten Dom und
Ordensschloß.
Königsberg besaß einen bedeutenden
Handelshafen mit vielseitiger
Industrie, der durch den Königsberger-See-Kanal
mit der Vorhafenstadt
Pillau verbunden war. Hier in
Königsberg spürte man den Atem und
Rhythmus des internationalen Verkehrs.
Hier war der große Umschlagplatz
für Waren aus aller Herren
Länder und über die eigenen Grenzen
Ostpreußens hinaus zum unerschöpflichen
Osten. In den riesigen Silos und
Speicheranlagen lagerten die Erzeugnisse
der sogenannten Kornkammer
Deutschlands: Weizen, Roggen, Hafer,
Mais, Gerste und vieles mehr.
Originell und berühmt war der
Königsberger Markt (Altstädtischer
und Fischmarkt). Besonders am
Mittwoch und Sonnabend herrschte
ein reges Treiben und Handeln, wurden
doch landwirtschaftliche Produkte
aller Art aus den um Königsberg gelegenen
Ortschaften in überreichen
Maße angeboten, wie Hühner, Gänse,
Eier, Käse, Speck, Beeren aller Art,
Pilze, Obst und was das Herz sonst
noch begehrte. Meistens hörte man
hier dann das alte vertraute ostpreußische
Plattdeutsch wie z.B. „Madamche
näämese meät en Moatke Blaubääre“.
Oder auf dem Fischmarkt, wo es vorwiegend
den Haff-Fisch aller Arten
gab wie Bleier, Brassen, Kaulbarsch,
Zander, Flunder und vor allen Dingen
den Aal, der während der Sommerzeit
hauptsächlich gefangen wurde und
auch den größten Verdienst brachte.
Hier will ich noch eine Anekdote einfügen,
um das Freie, Derbe und auch
Gute im ostpreußischen Menschen zu
charakterisieren: Ein junger, finanziell
nicht gerade gut gestellter Student
kommt zu einer Fischersfrau an den
Verkaufsstand und will Schollen kaufen,
ausdrücklich Schollen. Darauf die
Fischersfrau „Waat heet Schollen, daet
söent Flunder“. Student darauf „Bitte
also Flunder“. Dann besieht er sich
die Flunder, führt eine in Richtung seiner
Nase und sagt „Aber liebe Frau,
die stinken ja“. Darauf die Fischersfrau
schlagfertig: „Min Jungke, du
heäfst die wöll beschääte’. Ja, das war
typisch altostpreußisch.
Zwischen Pillau und Königsberg
direkt am Seekanal und Frischen Haff
lagen die Fischerdörfer Kamstigall,
Peyse, Zimmerbude, Widitten, Marschenen
und Gr. Heidekrug. Peyse mit
seinen rund 800 Menschenseelen im
Jahre 1939 war eine verträumte und
idyllische Ortschaft, fern jeglicher
Bahn- und Autoverbindung auf der
Spitze der Halbinsel im südlichen
Samland gelegen. Nördlich am Fischhausener
Wald gelegen, war nachts das
Rauschen der Fichten und Tannen zu
hören. Im Süden unmittelbar das
Frische Haff, wo an besonders schö- 45