Full text : Wollsteiner Aufsätze

Mit dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages waren die
Grenzregelungen weitgehend getroffen - ihre Umsetzung jedoch
 eine andere Angelegenheit. Von Abstimmungen war in
vielen Gebieten keine Rede mehr und in Oberschlesien kam es
trotz eines eindeutigen Votums pro Deutschland doch zu Gebietsabtretungen,
 da Polen aggressiv auftrat und es z.T. sogar
zu Gefechten kam. Frankreich stand dabei stets hinter seinem
Verbündeten Polen, so daß das geschwächte Deutschland keine
 Chance hatte etwas gegen diese Gebietsverluste zu tun.
Doch diese Grenzstreitigkeiten sollen nicht mein weiteres
Thema sein, sondern das Verhalten der Polen gegenüber ihrer
starken deutschen Minderheit.

Das 19.und frühe 20. Jahrhundert werden als das Zeitalter des
Nationalismus bezeichnet. Viele Probleme und Spannungen,
die es in Europa gab, fuhrt die historische Wissenschaft auf
die späte Entstehung eines Nationalstaates in Deutschland und
Italien zurück. Für das 20. Jahrhundert muß man da die slawischen
 Staaten Polen und Tschechoslowakei nennen, die erst
nach 1918 als Staaten überhaupt wieder erstanden. In Polen
gab es zwei politische Konzepte: die sogenannte plastische
Reichsidee und die jagiellonische. Erstere war rein nationalistisch
 orientiert, wonach man alle ehemals plastischen Gebiete
in dem neuen Staat vereinigen wollte, also eine Ausdehnung
Polens im Westen bis über die Oder hinaus bis nach Schlesien.9
 Die zweite Variante vertrat der Führer des jungen Polen,

Jozef Pilsudski, den Traum eines Polen, wie es in der frühen
Neuzeit bestanden hatte. Eine Personalunion zwischen Polen
und Litauen, ein Vielvölkerstaat wie es gerade das erst zerschlagene
 Österreich-Ungam war. Das Schlagwort eines polnischen
 Staates vom „Meer zum Meer“ machte die Runde.10

9 Diesen Zustand hat Polen dann nach 1945 verwirklichen können.
10 vom polnischen/ slawischen Meer, der Ostsee bis zum Schwarzen Meer. 24