Um diesen Traum zu realisieren, stürzte sich Polen in einen
Krieg mit dem vermeintlich geschwächten Rußland. Es gelang
den Polen auch wirklich bis nach Kiew vorzustoßen, doch
dann erfolgte der Gegenschlag der Roten Armee, der erst kurz
vor Warschau an der Weichsel (Wunder an der Weichsel) endete.
Die beiden Armeen trennten sich in einer Patt-Situation.
Polen mußte seinen Traum vom Osten ebenso aufgeben wie
den Traum im Westen. Die polnische Propaganda feierte das
Remis an der Weichsel als polnischen Sieg. Damit war die
Grenzregelung des neuen polnischen Staates beendet.
Polen existierte wieder und es stellten sich nun die Fragen,
welche Politik man im Inneren ausüben würde, denn der neue
Staat stand ebenso wie Preußen 1793/95 vor dem Problem
große Minderheiten im Staat zu haben, von denen man wußte,
daß es sehr schwer sein würde, sie zu integrieren. Eine Vertreibung,
bzw. Verdrängung, hatte es in Preußen nicht gegeben.
Das war auch gar nicht möglich, da es keinen Fluchtpunkt
in Form eines polnischen Staates mehr gab. Zudem erfolgte
diese Teilung in der vomationalistischen Zeit. Die
Preußen hatten versucht, den herrschenden Adel auszusöhnen
und ihn in den Staat einzubinden. Die Verwaltung übertrug
man dagegen vornehmlich den Protestanten. Diese tolerante
Politik hatte durchaus Erfolg. Erst mit dem Erwachen des
polnischen Nationalismus im 19. Jahrhundert wuchs wieder
die Angst der preußischen Regierung vor den polnischen Untertanen
und man beschritt eine zunehmend antipolnische
Politik. Polen stand also 1919/20 vor den beiden Alternativen
einer Versöhnungspolitik oder einer Politik der „Apartheid“.
Der hitzige Nationalismus, der Beginn des Staates durch einen
verlorenen Krieg, der sofort in weitere kriegerische Aktivitäten
endete, ließen die friedliche Variante erst gar nicht aufkommen.
Von Anfang an zeigte sich der neue Staat feindlich 25