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Die Jugendherberge in Nidden 1939, dahinter das Heim der Deutschen
Reichspost Foto: priv.
einfacher und rustikal. Wir erkunden die
Nehrung und die Tage vergehen wie im
Fluge! Im Haff ist das Baden verboten,
aber im Hafen werben drei kleine Barkassen
zur Rundfahrt, doch uns ist es zu
windig, wir sind größere Pötte gewohnt!
Die „Hohe Düne“ ist viel flacher als früher,
gekrönt von einer Sonnenuhr auf
dem „Parnidder Berg“, das „Tal des
Schweigens“ - schweigt. Im 1. Weltkrieg
befand sich hier mitten in der Sandwüste
ein Lager für gefangene französische
Offiziere als Antwort auf ein Gleiches
für deutsche Offiziere in der französischen
Sahara! Nur Sonne, Sand, Wind
und Sterne! Die Franzosen verstanden die
„Retourkutsche“ und lösten das Saharalager
auf!
Die rote Backsteinkirche läutet von Ferne
zum Gottesdienst mit zwei Glocken,
die Dissonanz ist groß. Am Leuchtturm
zeigt das Thermometer 32 Grad, aber die
See ist noch eiskalt! Die Badegäste gehen
alle mit deutschen Plastetüten zum
Strand, wir auch! Am Strand ist noch
sehr viel Platz, ich baue
einen Windschutz, eincremen
und braten! Bald
kommen zwei Gewitter,
eins zieht wieder ab, aber
das zweite holt uns noch
vor dem Hotel ein.
Wir fahren zur „Toten
Düne“ und krabbeln bis
zum Steilabfall, die Aussicht
ist phantastisch,
gelb die Düne, grün die
Büsche, lila die Palve,
blau das Haff und schwarz
das ferne Ufer des Festlandes.
Die Wege und
Treppen haben keine Geländer,
aber man fällt ja
weich!
In Schwarzort besuchen wir den
Hexenberg, hier haben 46 Holzbildhauer
in drei Jahren über 80 Figuren, Hexen
und Teufel in den Wald gestellt, einer
immer grotesker als der andere. Für
ängstliche Gemüter vor allem in der Dämmerung
nicht zu empfehlen. Unsere junge
Betreuerin Anna kann uns alle erklären,
es sind die Märchen der östlichen
Welt. Am Ausgang machen zwei Musikanten
höllischen Krach, der Vater mit
dem Akkordeon und sein kleiner Sohn
mit Pauke und Becken. Als sie uns als
Deutsche erkennen, machen sie Krach auf
deutsch!
ln Memel machen wir einen Stadtrundgang.
Vor dem Stadttheater am
„Simon-Dach-Brunnen“ spielt der
Ziehharmonikaspieler zum 2.345. Mal
das Lied vom „Ännchen von Tharau“,
unsere Münzen klimpern in seine Mütze.
Ein Händler bietet Geld, Orden, Koppelschlösser
und Erkennungsmarken an,
wahrscheinlich ist er ein Grabplünderer!
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Als wir ihn darob befragen, wird er frech
und wir wenden uns ab. Während wir
unter „Marlboro-Schirmen“ etwas essen,
hat sich unser Bus am Parkplatz wahnsinnig
aufgeheizt. Der Busfahrer bietet
uns eiskalte Selters an, natürlich zum
doppelten Preis von 2 Litas, dann rast er
los um den Bus zu kühlen!
In Polangen besuchen wir das Bernstein-Museum
im gräflichen Schloss. In
16 Sälen konnte man sich nicht satt sehen
an Bernstein mit allerlei Einschlüssen
des 40 Millionen Jahre alten Werkstoffes.
Auf der Seepromenade und am Strande
ein Ameisenhaufen fröhlicher Menschen.
Rutschbahnen, Ballnetze, Buden
mit Popcorn., Softeis, Plinsen, Getränke,
Andenken - und alles unter Coca-Cola-Schirmen.
Jeder Biergarten mit eigener
Musik! Hier ist man schlank, selbst
kleine Kinder tragen Badeanzug! Die
Litauer sind ein stolzes Volk, selbst nach
50 Jahren Fremdherrschaft! Bei der
Heimfahrt stehe ich auf der Fähre zur
Nehrung plötzlich vor dem litauischen
Politiker Landsbergis,
aber seine Bodyguards
schirmen ihn
sofort ab. Kaum haben
wir angelegt,
prescht er mit seinem
schwarzen BMW mit
Blaulicht davon.
Abends sitzen wir
unter Sonnenschirmen
am Haff und
trinken kühles Bier,
weil in unserem Hotel
die Kühlung seit
einer Woche kaputt
ist. Als wir abends
zurückkommen, stehen
die Kellnerinnen noch rauchend und
flirtend im Hof. In der Küche brennt noch
Licht und es riecht nach P3. Wir fallen
in die Betten, aber mein Kopfkissen ist
hart wie ein Sandsack.
Als ich wieder einmal baden gehe,
knallt etwas gegen meinen linken Arm
und es gibt einen roten Fleck. War es nun
ein schnelles Insekt oder eine Bleikugel
aus einer Luftpistole? Am Strand entsteht
Aufregung bei einer Gruppe von Gästen
und die brechen sofort auf, war ein Kind
der Täter? Sie hinterlassen Müll und leere
Sektflaschen, die Einheimischen nehmen
alles mit. In einem kleinen Laden
kaufen wir Bier aus Memel, Selters aus
Augustowo und Säfte aus Rostock-Elmenhorst,
die Mischung ist gut.
Der Abreisetag ist gekommen und wir
müssen bis 12 Uhr raus, aber der Bus
soll uns erst um 18 Uhr abholen. Es regnet
und die Schwalben sitzen auf unserem
Balkon und zwitschern uns freundlich
zu. Wir treiben uns rum und geben
die letzten Litas aus, mit Magnum-Eis,
Die alte deutsche Jugendherberge in Nidden im Jahre 1999 Foto: priv.
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