Full text : Unser Schönes Samland

Hier erlebten wir am 9. Mai 1945 das
Kriegsende. Nach Arbeitslager, Krankheit,
 Hunger und Todesängsten in russischer
 und später tschechischer Gefangenschaft
 gelang es meiner Mutter
schließlich, kurz vor Weihnachten ihre
Entlassung mit ihren vier Kindern in die
britische Besatzungszone zu erreichen.
Hier fanden wir eine zweite Heimat in
einem kleinen Heidedorf, etwa 30 km
nördlich von Hannover, in das später
auch unser Vater nach 5-jähriger russischer
 Kriegsgefangenschaft entlassen
wurde. Hier erinnerte vieles an die alte
Heimat im Samland: der feine Sand, die
Heidelandschaft und die Moore. Und,
wenn der Wind durch die hohen Kiefern
am Hause strich, fehlte nur das leise Rauschen
 der Ostsee im Hintergrund. Diese
noch einmal wiederzusehen, blieb durch
die politischen Verhältnisse im Nachkriegseuropajahrzehntelang
 ein unerfüllbarer
 Traum.

Im Sommer des Jahres 2005 sollte er
für mich schließlich doch noch Wirklichkeit
 werden. Mit meinem Mann schloss

Die Gartenseite des Hauses heute Foto: priv.

verlassen. In einem der noch verkehrenden,
 restlos überfüllten Eisenbahnzüge
ging es nach Prag in die Nähe unseres
Vaters, wo wenig später unsere jüngste
Schwester geboren wurde.

Das Haus mit der Praxis früher Foto: priv. Das Haus mit Kindergarten heute

Foto: priv.

ich mich einer Studienreise nach Königsberg
 und zur Kurischen Nehrung an. Einen
 Tag dieser Reise reservierten wir uns
für das mit Spannung erwartete Wiedersehen
 mit meiner Geburtsheimat Cranz
nach 61 Jahren.

Mit einem Taxi ging es unter kundiger
Begleitung unserer temperamentvollen
russischen Dolmetscherin, Frau Lilia
Gorodetskaja, über die streckenweise romantische
 Baumallee von Königsberg
nach Cranz, heute Selenogradsk. Dort am
Bahnhof angekommen, fand ich mich
erstaunlicherweise schnell zurecht und gelangte
 auf fast noch vertrautem Wege
über die ehemalige Alte Heerstraße, heute
Leninprospekt, zu meinem früheren Elternhaus.
 Da es durch Büsche und Bäume
 zum Teil verdeckt war, lief ich zunächst
 daran vorbei, erkannte es aber
doch noch rechtzeitig aufgrund der mir
bekannten Beschreibungen und einiger
alter Fotos, (s. Seite 47) Es war rundum
wild eingewachsen und machte, wie ich
es eigentlich nicht anders erwartet hatte,
einen heruntergekommenen, armseligen

Eindruck. Unserer couragierten Lilia war
es zu verdanken, mit einer älteren, liebenswürdigen
 Bewohnerin des heute von zwei
Parteien bewohnten Hauses ins Gespräch
gekommen zu sein. Nach der Besichtigung
einiger Innenräume und der Gartenseite des
Hauses führte uns der Weg über die Strandpromenade
 Richtung Innenstadt zurück.

Das unverhoffte Treffen Foto: priv.