Full text : Unser Schönes Samland

-T- Report aus Cranz/Selenogradsk 11/2006

Qeorg Artemjew signiert beim Kreistreffen in Minden 2001
seine Novelle „Susannenthar Foto:priv.

kommen. Er gelangte aus dem fernen
Osten ins nördliche Ostpreußen. Geboren
 in Ussurisjk, einem kleinen Ort am
Fluss Ussuri an der chinesischen Grenze,
 ging er in Alma Ata in Kasachstan,
später in Omsk in Sibirien zur Schule.
Sein Vater wurde als Angehöriger der
Roten Armee mehrmals versetzt. In Omsk
studierte er Germanistik und Französisch,
da er durch den Kontakt mit Russlanddeutschen
 schon früh Deutsch gelernt
hatte. Auch hatte sein Vater sein Interesse
 an der deutschen Kultur geweckt. Er
übte die Berufe des Lehrers und des Journalisten
 aus und lebte einige Jahre im
hohen Norden. Er wusste viel von der
Kultur der Nentzen zu erzählen.
1985 kam er ins Königsberger Gebiet,
wohnte ein Jahr im Kreis Labiau und zog

im August 1986 nach
Heiligenwalde, wo er die Leitung
 der Schule übernahm. Bald
war sein Interesse an der deutschen
 Geschichte dieser Gegend
geweckt, und er fand sich mit
anderen russischen Intellektuellen
 in dem Bestreben zusammen,
Spuren dieser Geschichte zu erhalten.
 Die am besten erhaltene
Dorfkirche des Oblast in seiner
unmittelbaren Nachbarschaft
war für ihn der entscheidende
Anstoß.

Für die deutschen
Heiligenwalder, die 1991/92 kamen,
 wurde er zum Hoffnungsträger und
Brückenbauer. Ihre Hoffnungen wurden
nicht enttäuscht. Ein medienwirksamer
Gottesdienst mit anschließendem Fest im
Juni 1994 aus Anlass des 650-jährigen
Jubiläums der Kirche und des Dorfes war
ein unvergesslicher Auftakt, die Restaurierung
 der Kirche, allen Widerständen
zum Trotz, wurde sein Lebenswerk. Er
sah in allem den Willen Gottes. „Gott hat
alles so gefügt!“, sagte er oft. „Er hat
euch die Flucht überleben lassen und Er
hat mich aus dem Osten der Sowjetunion
in den äußersten Westen geführt, damit
wir die Kirche retten.“

Bärbel Beutner (Heiligenwalde)
Käthe-Kollwitz-Ring 24
59423 Unna

r

Die Notwendigkeit ist der beste Ratgeber.

Johann Wolfgang von Goethe

Zeitgleich

mit uns kamen bei unserer
zweiten Reise im Quartal, pünktlich
zum Frühjahrsbeginn, die Störche in die
Heimat zurück. Doch der Reihe nach -
hier zunächst ein Rückblick auf die Ereignisse
 im I. Quartal 2006. Am 29. Januar
 wurden wir von dem typischen ostpreußischen
 Winter empfangen. Sogar
die See war z. T. bis 250 m zugefroren!
Als ich jedoch am nächsten Tag diesen,
in letzter Zeit eher seltenen Anblick im
Foto festhalten wollte, hatte der in der
Nacht gedrehte Wind fast die gesamte
Eisfläche in die offene See hinaus getrieben
 und nur noch einen mit hohen
Schollenbergen übersäten, breiten Strand
hinterlassen. So hatte mein Tatendrang
zu einem „Ausflug“ auf das Eis leider
einen Dämpfer erhalten. Die Schneehöhe
in Cranz hielt sich in Grenzen und war
im Schnitt nicht höher als 15 - 20 cm,
wogegen Königsberg im Schnee versank!
 Die Straßen waren kaum geräumt
und so fuhren außer den Straßenbahnen
kaum Taxis und private Autos.

Der Bauboom in Cranz hält unvermindert
 - besonders in Westend - an. Bei
jedem Besuch werden wir von neuen
Bauten, die wie Pilze aus dem Boden
schießen, überrascht. Wo beim letzten
Besuch höchstens eine Baugrube zu erkennen
 war, steht plötzlich ein neues, fast
fertiges Haus. Natürlich sind alle Grundstücke
 durch einen massiven, hohen und
meist sehr teuren Zaun abgeschirmt. Da
die Straßenzüge nicht verändert wurden,
kann man sich zum Glück immer noch
gut zurecht finden! Z. T. wurden sogar
schon die Straßendecken erneuert und
teilweise sogar Bürgersteige angelegt.
Obwohl auch mehrere Wohnblöcke errichtet
 werden, ist es sehr schwer Wohnungen

 zu bekommen. Die Preise liegen
sehr hoch und dennoch sind meist auch
schon alle Wohnungen verkauft, bevor
überhaupt der erste Spatenstich erfolgt ist.

Die Planungen für den Bau der neuen
Promenade, Küstenschutzmaßnahmen
sowie Wiederherstellung der Plantagenanlagen
 mit Storchenteich etc. sind angelaufen.
 Bei mehreren Veranstaltungen und
sogenannten Workshops konnte ich unsere
 Vorstellungen darstellen und u. a.
anhand von Bildern aufzeigen, wie dies
alles einmal zu unserer Zeit ausgesehen
hat. Zu dem Workshop über Landschaftsplanung
 waren Wissenschaftler aus Berlin
und Königsberg sowie Fachleute von deutschen
 und russischen Dienststellen angereist
 um für den Rayon (Kreis) Selenogradsk
 Pläne mit Modellcharakter auszuarbeiten,
 die später für ganz Russland
übernommen werden sollen. Die Gespräche
 werden Sept/Oktober 06 in Berlin
fortgesetzt, zu denen ich auch wieder als
Referent eingeladen bin. ln der Planung
für Cranz ist ebenfalls eine Großkonzerthalle,
 eine Freiluftmuseumsanlage an der
Kaup (Wosegau) sowie möglichst auch ein
„Eventpark“ und ggf. auch noch ein
„Holiday-Camp“ mit Campingplatz etc.
Auch hierzu wurde ich in die Planung
beratend mit eingebunden. Die Zusage
von Geldmitteln aus Moskau macht das
starke Interesse deutlich, das an einer
Wiederherstellung des Status „Kurort Nr.
1“ bei den Regierungen in Moskau und
Königsberg besteht.
Dem deutschen Generalkonsul in Königsberg
 konnte ich bei einem Besuch bei
uns in Cranz über die deutsche Vergangenheit
 unseres Heimatortes vortragen
und ihm bei einem Stadtrundgang den
heutigen Zustand zeigen. Gerne nahm er 47