Full text : Unser Schönes Samland

später. Wir lebten gut mit den
Deutschen zusammen. Sie taten uns
leid. Von den deutschen Frauen wollten
 wir lernen.” Mit besonderer
Dankbarkeit erinnert sie sich an Frau
Kil, die Hebamme, die ihr bei der
Geburt ihrer Tochter 1946 beistand.
Selbstverständlich kam Inna auch
in unseren evangelischen Gottesdienst
mit, den ich während meines Urlaubs
in der Wohnstube von Ignatz Kistner
hielt. “Ich habe keine Heimat, sagt er,
ich bin im Gefängnis geboren.” Seine
Eltern wurden, wie viele andere
Rußlanddeutsche, nach Sibirien verbannt.
 Mitten im sibirischen Winter
wurden sie in die sibirischen Wälder
verfrachtet und dann ihrem Schicksal
überlassen. Sie mußten sich selbst
Unterkünfte schaffen - zunächst Erdhöhlen
 - und Nahrung suchen. Viele
haben dieses Elend nicht überlebt.
Dort wurde er 1947 geboren. Von seinem
 Jahrgang sei er einer der ganz
wenig überlebenden Kinder. Nach
einer langen Odyssee, die ihn durch
weite Teile Rußlands nach Kasachstan
und nach Stallupönen führte, ist er
schließlich in Cranz angekommen.
Hier hat er ein Häuschen gekauft, daß
er weiter ausbaut. Das erregt Neid und
Mißfallen bei den russischen Nachbarn.
 Er ist ein fähiger Handwerker
und begabter Künstler. Die Wände seines
 Wohnzimmers hängen voller
Aquarelle und Ölkreidegemälde. Alles
ostpreußische Motive. Auch ist er ein
leidenschaftlicher Sammler, so daß
eine Ecke in seinem Zimmer fast ein
kleines Heimatmuseum beherbergt. Er
hofft, in Cranz eine Heimat zu finden.

Noch ist er sich aber nicht sicher, ob
seine Odyssee ihn nicht doch noch
weiter nach Deutschland führen wird.
Wenigstens seine Tochter, die in
Moskau an ihrer medizinischen Dissertation
 arbeitet, möchte er in Deutschland
 wissen.
Wir führen durch das Samland und
freuten uns an der landschaftlichen
Schönheit unserer Heimat. Im Alkgebirge
 wollten wir den Galtgarben
“erklimmen”. Aber daraus wurde
nichts. Denn das Gebiet um den höchsten
 Berg des Samlandes ist noch
immer militärisches Sperrgebiet. So
fuhren wir weiter nach Palmnicken.
An der Kirche werden wir von einem
jungen Mann, der fließend deutsch
spricht, begrüßt. Er hatte gerade einen
Bus mit deutschen Touristen verabschiedet.
 Nun stellt er sich uns zur
Verfügung, zeigt uns die Kirche und
veranlaßt den Chor, für uns ein
“Privatkonzert” zu veranstalten, da wir
bis zum Beginn des offiziellen
Konzertes nicht bleiben können.
Natürlich mußten wir uns entsprechend
 bei den Sängern bedanken. Für
viele sind diese touristischen Dienstleistungen
 4ie Haupteinnahmequelle,
vielleicht ihre einzige Verdienstmöglichkeit.
 Eugen/Jewgenij zeigt uns
weiter das Bernsteinmuseum und führt
uns in eine kleine Werkstatt, in der wir
die Verarbeitung des Rohbernstein bis
zum fertigen Schmuck verfolgen können.
 Für die Mitarbeiter eine mühselige
 Filigranarbeit, die zudem schlecht
bezahlt wird. Die Werkstatt gehört der
Gemeinde Palmnicken. Der Bürgermeister
 hat sie gegründet. Da das

große, einst staatliche, dann privatisierte
 und wieder verstaatlichte Bernsteinwerk
 mit Verlust arbeitet und
keine Steuern an die Gemeinde bezahlen
 kann, liefert es den Rohbernstein.
Hauptverdiener in diesem Betrieb
wird der Bürgermeister selbst sein!
Eigentlich wollten wir weiter nach
Tenkitten zum St. Adalbertskreuz fahren,
 aber Eugen lädt uns so herzlich
zum Kaffeetrinken ein, daß wir nicht
abschlagen können. Obwohl wir uns
vorher nicht kannten, hatten wir eine
herzliche Gemeinschaft. Er wohnt mit
seiner Familie mit 7 Kindern, vier eigenen
 und drei adoptierten, in einem
kleinen Haus in der Waldstraße. Seit
Beginn der Reisemöglichkeiten arbeitet
 er als Reiseführer und Dolmetscher.
 Da es aber immer schwieriger
wird, mit den russischen Reisebüros
zusammenzuarbeiten, wie er sagt, hat
er diesen Posten aufgegeben und arbeitet
 nun “auf eigene Rechnung”.
Seine vielen Beziehungen zu deutschen
 Freunden helfen ihm dabei. Sein
Lebensweg machte mir deutlich, wie
schwer es ist, unter den hiesigen
Verhältnissen seinen Lebensunterhalt
zu bestreiten, und wie erfindungsreich
man sein muß, um einigermaßen
durchzukommen. Aber wie erstaunt
und überrascht waren wir, als wir feststellten,
 daß wir beide in der gleichen
Ausgabe von “Unser schönes Samland”
 (Sommer 2000) einen Artikel
veröffentlicht haben!
ä Nach achttägigem Urlaub in Cranz
fuhren wir weiter auf die Kurische
Nehrung. In Pillkoppen/Morskoje, unweit
 der russisch-litauischen Grenze

hat ein russisch-litauisches Unternehmen
 eine Urlauberanlage mit bescheidenen,
 aber durchaus annehmbaren
 Ferienwohnungen in kleinen
Häusern errichtet. Wir fühlten uns
wohl dort, nur die laute Musik, meist
aus Autoradios, die abends beim
Grillen spielte, störte. Aber es war
einer der schönsten Plätze auf der
Nehrung mit einem idyllischen Blick
auf das Haff und die Ephadüne. Der
Unterschied zwischen dem litauischen
und russischen Teil der Nehrung ist
gravierend und bedrückend. Die Orte
Nidden und Schwarzort sind zu einladenden
 Kurorten umgestaltet, die
westeuropäischen Ansprüchen durchaus
 gerecht werden und einen malerischen
 Anblick bieten. Auch Kurenkähne
 befahren wieder das Haff, allerdings
 nicht zum Fischen, sondern mit
Touristen.
Immer wieder habe ich mich gefragt,
 warum es im russischen Teil
Ostpreußens nicht vorwärts geht. In
vielen Gesprächen habe ich versucht,
die Ursachen zu ergründen, es ist mir
aber nicht völlig gelungen. Einiges
habe ich schon erwähnt. Das autoritäre,
 diktatorische Sowjetregime hat den
Menschen zu einem Herdenmenschen
entwürdigt, der weithin unfähig ist,
ohne Führung Eigeninitiative zu entwickeln.
 Dazu kommt eine russische
Mentalität, die sich in einem lähmenden
 Fatalismus äußert. Die Gegebenheiten
 werden schicksalsgläubig
hingenommen, ohne sie wirkungsvoll
zu verändern. Ergreift jemand Eigeninitiative,
 arbeitet fleißig und hat
Erfolg, wird es ihm geneidet und man