Westende die „Destille zum Nothafen“.
Aber die Gaststube war genau so leer
wie die Speisekarte. Neben Malzkaffe
und Heißgetränk gab es einen markenfreien
Eintopf und preiswerten „Hamburger
Spickbraten“. Wir entschieden
uns für den uns unbekannten „Hamburger
Spickbraten“. Die Kellnerin
schnitt mit einer kleinen Schere je 50 g
Fleisch, 20 g Nährmittel und 5 g Fett
von unseren Lebensmittelkarten ab,
und wir harrten bei rotem Heißgetränk
(Glühweinersatz) gespannt der Dinge,
die da kommen sollten. Beim Servieren
richteten sich alle Augen auf die Teller
- und siehe da, es war das Gericht, bei
dem sich Fleischer und Bäcker um die
Vorscherrschaft streiten. Es war unser
guter alter „Falscher Hoaske“.
Anfangs etwas enttäuscht, aber satt
und innerlich gewärmt strebten wir bald
wieder zum Bahnhof, um uns in der
„Holzklasse“ nach Königsberg zurückschaukeln
zu lassen. Einhellig waren wir
der Meinung: es war ein schöner Tag,
aber vom „Hamburger Spickbraten“
waren wir „geheilt“!
Heinz Bleeck,
Erich-Weinert-Str. 37, 18059 Rostock
— Fuchsberg
Liebe Heimatfreunde,
in der Broschüre „Fuchsberg — Semenovo,
oder wie ein ostpreußisches
Dorf stirbt“ schilderte ich vor Jahren
Entstehung und Verfall unseres Heimatortes.
Während der Zeit des Ritterordens
als „Wildnisberittstation“ bekannt, siedelten
sich in der Folge Waldarbeiter
um eine Försterei an. Auf den Rodungen
wurden „Häusler“, die späteren
Bauern heimisch. Ihnen folgten
Handwerker. Das war jedoch erst nach
der Separation (= persönliche Flächenzuteilung)
möglich, weil die Besitzer
nun neue Hofstellen inmitten ihrer
zugeteilten Ländereien im Umfang von
3 Hufen (180 Morgen) bauten. Somit
waren die Häusler-Bauten frei geworden.—
Typische Beispiele hierfür waren
das strohgedeckte Insthaus Wenk (zuletzt
bewohnt von den Familien Hinz
und Paul), das ebenfalls mit Strohdach
versehene Anwesen Gronau, das Wohnstallgebäude
des Schusters Kahnert und
das Insthaus Haack. Letzteres war
zwischen dem Bauernhof Stobbe und
dem dazugehörenden Altenteil angesiedelt.
Dieses Insthaus dürfte die erste
Heimstätte des Christian Haack um
1700 gewesen sein und später mit
einem Ziegeldach versehen. Hierin
wohnte u.a. bis zur Vertreibung der
Sattlermeister Thiel mit seinen 6 Kindern.
Er hatte mit Neuanfertigung und
Reparaturen der Pferdegeschirre sicher
hinreichend zu tun, und doch übte er
daneben die Tätigkeit eines Malers und
Tapezierers aus. Nur so konnte er seine
große Familie ernähren und die ältesten
Kinder in die Lehre geben.
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Als Kind hatte ich Gelegenheit, ihn
bei seiner Arbeit in der „Werkstatt“ zu
besuchen. Sie bestand aus einer Holzplatte
auf Böcken in niedriger Höhe
vor dem Fenster der Küche. Alle
Lederverbindungen waren zwiegenäht
mit Doppelnadel, wobei das zu nähende
Teil dazu in einer aus Holz gefertigten
Klemmvorrichtung festgesetzt war.
Während seiner Arbeit wanderte der
Priem in seinem Mund von links nach
rechts und umgekehrt. Und ohne aufzuschauen,
traf der im Mund zusammengelaufene
Speichel durch einen
seitlichen Lippenspalt zielgenau den
„Patscheimer“, der neben seinem
Schemel stand. Das erinnerte mich
immer an die durchfallartige Kotentleerung
der Störche auf dem strohgedeckten
Haus der Frau Gronau.
Ebenso interessant war es auch,
ihm beim Tapezieren zuzuschauen. Da
mußten zunächst die seitlichen Borden
von der Tapetenrolle abgeschnitten
werden. Die anfallenden Streifen
wickelten wir Kinder zu großen Rollen.
Durch trichterartige Verformung
entstanden so Gefäße. Mit „Wasserglas“
oder Firnis bestrichen und getrocknet,
entstand eine gewisse Festigkeit.
Zum Tapezieren rührte er aus
kleberhaltigem Weizenmehl den breiigen
Kleister an.. Das Einstreichen
geschah sehr sorgfältig, um Flecken
auf der Tapete zu vermeiden. Bei der
Arbeit sang er stundenlang, was in
dem meist leeren Raum eine besondere
Klangfülle ergab.
Es hat mich sehr betroffen gemacht,
daß das Schicksal diesem Ehepaar,
etwa 55 Jahre alt und den beiden jüngsten
Mädchen (ca. 14 und 15 Jahre alt)
ein grausames Ende auf der Flucht vor
den Sowjets zugedacht hatte. Vom Russenvormarsch
überrollt, trieb man die
Familie in wochenlangen Märschen
über Gr. Lindenau, Gr. Blankenau,
Tapiau bis zu einem Auffanglager
nördlich von Insterburg. Hier versagten
die Kräfte der abgemagerten und erschöpften
Eltern in Insterhöh. Durchfall
und Typhus hatten sie derart geschwächt,
daß sie sich nur noch auf
allen Vieren bewegten, um ihre Notdurft
zu verrichten. Zeitzeugen schildern
das Ableben des Ehepaares mit
Erschaudern. Was aus den beiden, nun
elternlosen Mädchen wurde, war nicht
zu erfahren. Ein Schicksal von Hunderttausenden
alleine in Ostpreußen.
GPU Lager Karmitten
Zum diesbezüglichen Bericht und
meiner Aufforderung an die Leser,
mir nähere Angaben über die dortigen
Massengräber zu machen, erhielt ich
Anrufe und Zuschriften. Die notwendige
Klarheit hierzu erhielt ich leider
noch nicht. Es wäre hilfreich, wenn die
zuständigen Ortsvertreter von Powunden
und Schaaken/Schaaksvitte sich
hier einschalten könnten.
In allen Zuschriften wird deutlich,
daß Männer, Frauen, Heranwachsende
und auch Kinder diese Hölle
durchlaufen mußten, um dann u. U.
nach Sibirien verschleppt zu werden. -
So berichtet Frau Dora Müller telefonisch
von tagelangen unmenschlichen
Verhören durch GPU Offiziere, denen
ihr Vater in Karmitten ausgesetzt war.
Schließlich schwer krank im Fohlen-«R?
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