Full text : Unser Schönes Samland

Zum 90. Qeburtstag von Frau Irma Lukas

früher Seerappen, jetzt: Ekenisser Straße 7,
24407Faulück, Post Rabenkirchen

Mit dem Samländischen Heimatbrief
 ist unsere Mutti, Frau Irma
Lukas, von seiner Entstehung im Jahr
1964 bis jetzt innigst verbunden. Für
meinen Vater, Heinrich Lukas, war sie
die geistige Eminenz und Beraterin im
Hintergrund, die das heimatliche Gedankengut
 in wohlgesetzte Worte fassen
 konnte und es auch tatsächlich auf
der Schreibmaschine zu Papier brachte.
 So ist wohl mancher Artikel hier im
Heimatbrief von meiner Mutter geschrieben
 worden.
Bei meinem großen Bruder Klaus
Lukas ist die Verbundenheit zu Ostpreußen
 in seinem Elternhaus entstanden,
 das nach wie vor von den Frauen
und Müttern geprägt wird.
Den 90. Geburtstag am 19. April
2000 verbrachte unsere Mutti in Faulück,
 in ihrem Häuschen, wo sie nach
dem Tode meines Vaters jetzt zwar
allein, aber gesund und glücklich über
ihre Selbständigkeit, lebt.
Diese schönen Lebensumstände in
ihrem hohen Alter verdankt sie meiner
 tüchtigen, fröhlichen und lieben
Schwägerin Karin Lukas und meinem
Bruder Reinhard, die immer in ihrer
Nähe sind und sie jung halten.
Zum Geburtstag gratulierten drei
Kinder und Schwiegerkinder, sieben
Enkelkinder mit Anhang und drei
Urenkelchen.
1910 wurde sie als Tochter von
Antonie und Richard Wiemann in
Posselau geboren. 1918 fand der Umzug
 nach Seerappen statt. Von dort aus

besuchte sie das Körthe-Oberlyzeum
in Königsberg/Pr. und machte 1929
das Abitur.
Nach einem Semester Jura an der
Albertus Universität ging sie als Haustochter
 nach Sachsen. 1934 heiratete
sie den Landwirt Heinrich Lukas und
beide übernahmen den väterlichen
Hof in Seerappen.
1945 führte sie die Flucht mit
inzwischen drei Kindern und ihrer
Mutter nach Schleswig-Holstein, zuerst
 nach Groß Quern im Kreis Flensburg
 und 1959 nach Faulück bei
Kappeln an der Schlei.
Den größten Teil ihres Lebens hat
sie nun hier verbracht, hat ihre neue
Heimat und seine Menschen ins Herz
geschlossen, hat immer nach vorn
geschaut und dabei uns nie vergessen
lassen, daß wir drei Kinder in Ostpreußen
 geboren sind.
Als es möglich war, nach Ostpreußen
 zu reisen, unternahm auch
meine Mutti eine Seereise mit ihrer
Enkeltochter Inke ins Samland. Sie
hatte dabei den Mut, die Augen nicht
vor der traurigen Realität zu verschließen.
 An Seerappen erinnerte
nur noch eine unbefestigte Allee an
das einstige Dorf.
Zum Schluß möchte ich zwei Gedichte
 hinzufügen, die die Einstellung
unserer Mutter zur alten und neuen
Heimat wiedergibt. Lesen Sie auf
Seite 5 und Seite 24.

Regine von Dobschütz

6

20. Oktober 1909 - 20. Oktober 1999

Althof Krs. Pr. Eylau - Frankfurt am Main

Wir gratulieren Frau Helena

Klein,
geh. Kluke - von etwa 1939 bis 1945

wohnhaft in Godrienen bei Königsberg

- nachträglich zum 90. Geburtstag.
Acht kleine Kinderfüße näherten
sich zögernd dem großen Bett in der
Schlafstube. Acht Augenpaare sahen
neugierig und erwartungsvoll auf das
kleine Bündel, das Muttchen Elisabeth
vorsichtig im Arm hielt. Aber viel war
nicht zu sehen, nur ein winziges
Köpfchen mit geschlossenen Augen
und winzige Händchen zu Fäustchen
geballt. Muttchen Elisabeth lächelte
und sagte dann zu ihrer kleinen
Kinderschar „nun ist’s genug, geht wieder
 in die Stube und seid artig.“ Wenige
Tage später wußten sie, daß das winzige
 Kind auch einen Namen hatte und
schreien konnte, aber nur wenig, es war
ein liebes Kind. Der Herr Pfarrer taufte
es auf den Namen Helena, Hildegard.
1910 wurde der erste Geburtstag
gefeiert, das Interesse der Geschwister
war noch nicht groß, sie konnten ja
noch nicht einmal mit der neuen
Schwester spielen.
Es folgten viele schöne Kinderjahre.
Lenchen war ein fröhliches Kind, tanzte
 und sang gerne und ärgerte auch mal
gerne ihre große Schwester, die ihr mit
einem Strauchbesen nachlief, aber
Lenchen war schon auf einem Baum
im Garten verschwunden.
Es kam der Erste Weltkrieg, Vater
wurde eingezogen, Mutter Elisabeth
war mit den Kindrn, dem Haushalt, mit
Garten und Viehzeug alleine. Die Russen
 kamen durchs Dorf, aber Mutter
Elisabeth war freundlich zu ihnen und
sie waren freundlich zu ihr und gingen

gleich wieder, nachdem sie sich mit
einem Glas Milch gestärkt hatten.
Eine schlimme Krankheit brachte
fast alle ins Krankenhaus, nur Lenchen
und Paul blieben alleine zu Hause, versorgt
 von einer Nachbarin. Lenchen
sollte die Hühner füttern, dazu hatte
sie ausgerechnet Muttchens guten
Teller erwischt. Paul setzte seinen
großen Fuß auf den Teller und sagte:
„glaubst i deer net?“ und schon brach
er in tausend Stücke als Lenchen sagte
„nee, du deerst net!“

Lenchen geriet einmal in einen
Bienenschwarm, und Muttchen warf
sie in den Fluß, der am Grundstück
vorbeifloß, so daß die Bienen von ihr
abließen. Auch erholte sie sich wieder
von einer leichten Kinderlähmung.
Eine Lehre folgte auf Gut Wogau,
eine andere in der Stadt Königsberg,
wo Lenchen kaum über die Theke des
Bäckers sehen konnte, weil sie so klein
war.Die ersten Tanzabende in der Stadt
Königsberg mit Schwester Erna, Verlobung
 und Hochzeit in Althof.
Umzug nach Godrienen, einem
kleinen Dorf unweit der Hauptstadt
Königsberg. Drei Kinder wurden geboren,
 ein großer Garten wurde versorgt,
 viele schöne Geburtstage wurden
 gefeiert, bis eines Abends der
dunkelrote Nachthimmel über Königsberg
 anzeigte, daß die Stadt in Schutt
und Asche sank.
Wieder kamen die Russen, dieses
Mal nicht freundlich, sondern bestialisch.
 Drei unendlich schwere Jahre
folgten, gezeichnet von Tod, Hunger
und Krankheit. 7