uns bis zum Jahre 1945 so gut wie
unbekannt, obwohl sie doch im Laufe
mehrerer Jahrhunderte mit der Geschichte
Rußlands verbunden war.
Sie alle, die Sie sich zu dieser Feier
versammelt haben, gehören noch zu
der Generation, die den schrecklichen
letzten Krieg mit all seinen bitteren
Folgen miterlebt hat. Krieg bringt
immer der Bevölkerung große Not,
aber im Unterschied zu den Kriegen
des 20. Jahrhunderts haben die Kriege
des 18. Jahrhunderts die Völker nicht
nur getrennt, sondern auch einander
nahegebracht. Der russische Offizier
Andrej Bolotov tritt während der russischen
Besatzung Königsbergs im
Siebenjährigen Krieg (1758-1762) zu
den für die damalige Zeit progressiv
denkenden Menschen Nordostpreußens
in Kontakt. Die Idee des Humanismus
und des Fortschritts bemächtigen
sich seiner und er bleibt bis zu
seinem Lebensende ihr Träger. Die
„berühmte Stadt“ Königsberg steht in
seinen Augen geradezu stellvertretend
für die Macht, die Zivilisation und den
Reichtum, ja zum Teil für die fremde
westeuropäische Kultur schlechthin.
Seine Aufzeichnungen über den Aufenthalt
in Ostpreußen und in Königsberg
bereichern unsere Vorstellungen
von der Geschichte dieses Landes und
stellen den Zusammenhang zwischen
den Epochen her. Er berichtet z. B.,
daß der erste Gouverneur Nordostpreußens,
Baron von Korff (1710-1766)
wegen des Bedarfs an fähigen
Übersetzern und Mittelsmännern eine
zehnköpfige Elite der Moskauer Universität
nach Königsberg beorderte,
die an den verschiedenen Fakultäten
der Albertina weiterstudierte. Aus!
Kants Biografie wissen wir, daß er vor
russischen Offizieren selbst privat über
Physik, Geografie, Fortifikations-Pyrotechnik
las. Interessant ist noch, daß
dank der Vermittlung des russischen
Arztes Schwarzerloh der junge Herder
1762 den Weg von Mohrungen an die
Albertina fand. Bolotov berichtet weiterhin,
wie am Ufer des Pregels, am
Kanal im Hafen die großen Meeresschiffe
anlegten, wie täglich holländische
und schwedische Seeleute eintrafen,
wie sich in echt kosmopolitischer
Vermengung ungeheure Menschenmengen
aus allen möglichen „Völkerschaften“
zusammenfanden, wie Bolotov
sie offensichtlioch selbst nicht in
Moskau und Petersburg zu Gesicht
bekommen hatte und womit er die
Stellung der ostpreußischen Provinzhauptstadt
als internationalen Handelsplatz
bekräftigt sah.
Nach 46 Jahren totaler Abschottung
von der übrigen Welt wurde vor
nunmehr fast zehn Jahren der Zugang
zum Gebiet Nordostpreußen wieder
möglich. Es haben sich inzwischen
vielfältige Beziehungen herausgebildet,
und die alten Bewohner des Gebiets
um Königsberg haben mit den
neuen Samländern derart viele Kontakte
hergestellt, die zu Freundschaften
geführt haben, daß sie aus den gemeinsamen
Begegnungen nicht mehr wegzudenken
sind. Daneben wird auch die
Vergangenheit dieses Gebietes heute
intensiv ergründet. Es gibt eine Vielzahl
von Zusammenschlüssen, Gesprächsgruppen
und Vereinen im gesamten
Gebiet, daß es Vorkommen
kann, daß Neubürger dieses Siedlungsraumes
sogar hier geborene Menschen
mit ihren Kenntnissen der alten Geschichte
und Kultur überraschen.
Ausschlaggebend ist in diesem Zusammenhang
die Gestalt des großen
Königsberger Sohnes Immanuel Kant.
Es gibt kaum einen anderen Denker,
der die abendländische Philosophie in
solchem Maße beeinflußt hat wie
Kant. Sein Andenken wird im heutigen
Kaliningrad hochgehalten und nicht
nur von Philosophen gepflegt. Traditionsgemäß
erscheint an der Universität
der Kant-Sammelband, regelmäßig
werden internationale Seminare
durchgeführt, die sich mit Kantischem
Ideengut unter heutigen Bedingungen
auseinandersetzen, und die Niederlegung
des Brautstraußes an der Grabstätte
Kants ist ein fester Brauch russischer
Brautpaare.
Kants Einfluß auf die russische
Philosophie und Kultur ist unverkennbar.
Im Jahre 1789 besuchte der hervorragende
russische Aufklärer, Historiograph
und Schriftsteller Karamsin
auf seiner Reise durch Europa Königsberg,
wo er von Immanuel Kant empfangen
wurde und ein dreistündiges
Gespräch mit ihm hatte. Darüber
schreibt er in seinen „Aufzeichnungen
eines russischen Reisenden“ folgendes:
„Gestern nachmittag war ich bei
dem berühmten Kant, dem tiefsinnigen,
feinen Metaphysiker, der sowohl
Malbranch als auch Leibnitz sowie
Hume und Bonmet widerlegt und den
der jüdische Mendelssohn den „alles
zermalmenden“ Kant nennt.“
Auch der Name Herders erfreut
sich bei den Russen sowie in anderen
slawischen Ländern besonderer Hochachtung.
In seinem Hauptwerk „Ideen
zur Philosophie der Geschichte der
Menschheit“ prognostiziert Herder
den Slawen aufgrund ihres Nationalcharakters,
ihrer Mentalität eine ehrenvolle
Zukunft bei der Verwirklichung
der Humanitätsidee - Gedanken, die
von bedeutenden tschechischen, russischen
und polnischen Autoren aufgegriffen
wurden und die slawische Literatur
außerordentlich befruchteten. In
diesem Werk zeichnet Herder ein sehr
positives, von großer Sympathie getragenes
Bild der slawischen Völker von
der Ostsee bis zum Schwarzen Meer.
Für Herder, der als das theoretische
Haupt der Sturm-und-Drang-Dichtung
auftrat und anerkannt wurde, bot das
Sammeln, Erforschen und Verbreiten
der Volkspoesie ein fruchtbares Feld
zur Erarbeitung und Weiterentwicklung
von Rousseaus demokratischen
Ideen. Dabei hat er sich nicht nur auf
den deutschen Stoff beschränkt, sondern
das Kulturgut aller Völker in seinen
Gesichtskreis gezogen. Jedes Volk,
nach Herder, sei es ein kleines oder ein
großes, kulturell entwickeltes und zivilisiertes,
wie die „alten“ Nationen
Europas, habe zur Gesamtentwicklung
der menschlichen Kultur beigetragen.
Herders bahnbrechende Bedeutung
für die deutsche, ja die gesamteuropäische
Geistesbewegung besteht darin,
daß er zuerst den Begriff der nationalen
Eigenart mit der Idee der allgemeinen
geschichtlichen Entwicklung der
Menschheit verknüpft hat.
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