Full text : Unser Schönes Samland

Erlebnisse auf der Flucht 1945

Geboren

bin ich in Gr. Lindenau, Kr.
Samland, Ostpreußen. Mein Vater
hatte eine Tischlerei. Am Hauseingang
war ein großes Schild angebracht „Bau-,
Sarg- u. Möbeltischlerei Wilhelm Wölm.
Meine Mutter musste viel mitarbeiten,
Stühle mit Rohr ausflechten, Glasscheiben
 in Fenster einsetzen und vieles andere.

Wir hatten keine schlechte Kindheit.
Mein Vater war streng und sehr naturverbunden.
 Wir mussten mit ihm Kräuter
 sammeln, die getrocknet wurden für
Tee. Er war auch als Dorfsanitäter tätig.
Er wurde vor dem 1. September 1939
bereits zur Wehrmacht eingezogen, er
war in Lazaretten tätig.
Ja, und dann kam der Tag, an dem
wir unsere Heimat verlassen mussten. Am
22. Januar 1945 gab es den Befehl, das
Notwendigste zu packen und am nächsten
 Tag am Bahnhof zu sein. Vater war
zu jener Zeit im Urlaub, mein Bruder
Gerhardt war im Einsatz - Schützengräben
 ausheben - bei Königsberg. Einige
hauten ab, so auch mein Bruder. Bei der
Abfahrt des Zuges war also unsere Familie
 zusammen bis Königsberg. Dort
wurde mein Vater an die Front abkommandiert.

Uns brachte man bis Brüsterort - Flughafen.
 Wir fanden Quartier in den Kasernenhäusem.
 Uns Mädchen holte man zum
Samariterdienst, denn auf dem Gelände
war ein großes Kasino eingerichtet als
Lazarett. Ein Arzt gab uns Anweisungen,
was zu tun wäre. Der Anblick war kaum
zu ertragen, Blut, Blut, Blut. So etwas
hatte man als junger Mensch vorher ja
noch nie gesehen. Ich weiß noch, dass
ich den Kopf geschüttelt und tief Luft
geholt habe, und dann ging’s an die Arbeit.


Mein Bruder und ich wagten uns eines
Tages mal raus. Auf einmal gab es am
Himmel einen Krach und ein Flugzeug
schoss derart niedrig über uns hinweg,
so dass wir deutlich den Piloten in der
durchsichtigen Kuppel sehen konnten.
Es hieß dann: Am 6. Februar geht ein
Schiff raus, es würden auch Flüchtlinge
aufgenommen. Meine Mutter hatte wieder
 eine panische Angst, so dass wir an
diesem Tag aber nicht weg kamen. Am
nächsten Tag mussten wir dann raus und
konnten vom Notwendigen nur das Nötigste
 mitnehmen. Jeder hatte gerade noch
sein Oberbett und eine Tasche mit Papieren
 und Medikamenten. Mit kleinen
Booten ging’s zum großen Schiff. Das
war was mit meiner Mutter, nur gut, dass
Soldaten dabei halfen. (Wären wir bereits
am Tag zuvor mit dem anderen Schiff
gefahren, wäre uns vieles erspart geblieben.
 Dort lag mein Vater als Verwundeter
 und das Schiff kam bis nach Kiel).
Unser Schiff war schon überladen, wir
wollten Pillau anlaufen, dort war es aber
nur schwarz am Himmel. Das Schiff
stand still, es hieß: Feindliche U-Boote
sind unterwegs. Das Rauchen und Sprechen
 wurde in aller Strenge untersagt.
Wir schienen eine Ewigkeit stillzustehen.
Dann tuckerten wir immer in Landnähe
bis nach Danzig-Neufahrwasser. Zum
Abend wurden wir an Land gesetzt und
nach Putzig gebracht. Eine Schule war
dort vierzehn Tage unsere Unterkunft,
bevor es mit dem Zug weiter in Richtung
 Stettin ging.
Zum Ausstieg in Stettin kam es nicht
mehr, denn dort war schon die Front. Alle
Männer wurden aussortiert, und wir kamen
 nach Steinort zu einem Bauern. Mit
fünf weiteren Familien waren wir in einem
 Raum untergebracht, es gab ein Bett

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- alles andere schlief auf Stroh auf dem
Boden. Aber wir hatten eine Schlafstelle,
die warm war.
Am 5. März 1945 hieß es dann: die
Russen sind da. Am 7. März - gerade an
meinem 18. Geburtstag - sahen wir schon
von weitem russische Soldaten auf unser
Gehöft zukommen. Auf dem Bauernhof
stand ein längst vergessenen Häuschen
mit Herz versehen. Wir - fünf junge
Mädels - dort hinein in das mit Spinnennetzen
 versehene Häuschen. Wir
konnten uns gerade noch eine Ackeregge
vor die Tür ziehen. Die russischen Soldaten
 liefen umher und suchten. Die Bäuerin
 hatte erzählt, dass wir zur Arbeit
waren. Aber von dem Tag an mussten
wir uns immer wieder verstecken.
Am Karfreitag wurden wir fünf Familien
 zu einem größeren Gut in der Ortschaft
 Kuhtz gebracht. Ich arbeitete dort
in der Küche und später bei den Kühen.
Auch hier mussten wir uns oft genug verstecken.
 Einen ganzen Tag haben wir mal
unter den aufgestapelten Betten gelegen;
im Taubenschlag oder unterm Stroh, das
auf dem Kuhstall lag. Wir hörten, dass
von oben mit einem spitzen Gegenstand
ins Stroh eingestochen wurde.
Es gab auch hässliche deutsche Bürger
 wie auch freundlich gesinnte russische
 Soldaten, die uns immer Bescheid
gaben, wenn Truppen durchzogen, damit
 wir uns verstecken konnten. Einige

von ihnen hatten deutsche Väter, die im
1. Weltkrieg in Russland geblieben waren.
Krank durfte aber keiner machen, denn
dann hieß es: ab nach Sibirien. Ich bekam
 Diphtherie, kam aber nicht nach
Sibirien sondern ins Hospital nach Schlawe.
Anfang Dezember 1945 hieß es dann,
dass wir nach Deutschland kämen, über
Stettin. Das war eine Fahrt! Eine Fahrt
durch die Hölle, grausam. Polnische Bürger
 überfielen unseren Zug, zogen den
Männern die Hosen und Jacken aus; meine
 Mutter musste ihre Schuhe hergeben.
Nur gut, dass wir auf unseren zusammengeschnürten
 Oberbetten saßen, so dass
wir diese wenigstens retten konnten. Und
auch die fünf Kleider, die ich übereinander
 angezogen hatte.
Aufgeatmet haben wir erst, als wir in
Kronskamp bei Laage unser Quartier
bezogen. Kurz vor Weihnachten 1945
wurden wir auf die Dörfer verteilt und
kamen nach Neu-Kätwin. Wenn auch das
Weihnachtsfest spärlich ausfiel (jeder
bekam zwei Schnitten und ein paar Kekse),
 so waren wir doch sehr glücklich in
Deutschland zu sein. Der Anfang war
schwer, aber wir waren am Leben.

Gerda Lürding
Lübecker Straße 26
39124 Magdeburg

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