Erinnerung an unser Hafförtchen Peyse
Wo ist die Zeit geblieben,
wo ist sie dahin?
So bleibt sie uns nur in Erinnerung!
Liebe Heimatfreunde,
ich hoffe, dass Ihr von Eurer Heimatreise
mit vielen Erlebnissen aus unserem
idyllischen Hafförtchen gesund zurückgekehrt
seid? Somit freuen wir - die wir
nicht mitreisen konnten - uns schon sehr
auf unser Heimattreffen in Pinneberg.
Zur Sommerzeit gibt es viel zu berichten,
wie es damals bei uns war. Es gab
dort drei Gastwirtschaften, eine Schlachterei,
eine Bäckerei Jahns und ein Textilgeschäft.
Als damalige Zugezogene anbei
diese kleine Episode:
Ein Jahr war ich beschäftigt in dem
Tharanschen Gasthaus, beim Pächter
Strupat. „Zum Sturmvogel“ hat jeder von
Euch gekannt. Gastwirt Strupat kam aus
Königsberg. An den Wochenenden hatten
wir viele Sommergäste aus Königsberg
und Fischhausen im Gasthofgarten,
beim Abschied waren sie waren jedes Mal
aufs Neue begeistert. Die Kinder haben
sie begleitet bis zu ihrem Schiff. „Muss i
denn, muss i denn zum Städele hinaus“,
hörte man die Bordmusik! Im Kaffeegarten
verlangten die Ausflügler natürlich
den selbstgebackenen Apfelkuchen,
hinterher für die Damen einen echten
Pfefferminz- oder Kirschlikör „mit Punkt“
(Eierlikör), die Herren dann ihre Ponarther
Bierchen vom Fass und auch Klare
dazu. Zum Abendessen musste ich die
vielen selbstgewickelten Heringsrollmöpse
mit Bratkartoffeln servieren. Wer es sich
leisten konnte, bestellte natürlich auch
den unvergessenen schmackhaften „Aal
in Gelee“. Für mich selber war es ein
anstrengender Samstag oder Sonntag -
aber auch schön. Ende der 30er Jahren
war dann auch der Dornröschenschlaf des
Ortes zu Ende, es entstanden einige größere
militärische Anlagen im Wald nach
Nepleken zu, das bekannte Marine-Sperrzeugamt.
Somit fanden dann viele Mädchen
und Frauen Beschäftigung in den
Soldatenkantinen und Küchen. Im „Ostpreußenwerk
Kraftwerk Peyse“ war ich
beschäftigt bis zum Schluss mit den vielen
Kriegsgefangenen von mehreren Firmen.
Damit war nun die Weltabgeschiedenheit
des Ortes mit einer Eisenbahnverbindung
nach Powayen, Königsberg,
Fischhausen und Pillau vorbei, wir befanden
uns dann ja auch schon mitten im
Krieg. So kamen auch viele Urlauber ins
Gasthaus.
Hierzu diese Episode: Zwei meiner
Bekannten mit Namen R. und G. Ulke,
es waren zwei Cousins , waren freiwillig
zur Marine gegangen, sie trafen aufeinander
im Gasthaus. Sie haben beide um
mich geworben. Am letzten Urlaubsabend
erhielt ich zum Abschied von jedem
ein Brieflein mit ein paar Zeilen,
jeder hatte einen Reichspfennig beigelegt,
das bedeutete, ich sollte mich doch
endlich entscheiden, für wen ich mich
interessieren könnte? Jetzt wurde es doch
ernst und weil ich so jung war, fiel es
mir schwer. Es folgten dann die FeldpostOstpreußen
im Internet -
http://www.ostpreussenblatt.de
briefe hinterher. Bald darauf gab ich
meine Beschäftigung im Wirtshaus auf,
ich sagte mir: das kann es doch nicht
gewesen sein: ich wollte einen Beruf erlernen.
Entschieden fuhr ich dann und
machte einen 3-monatigen Steno- und
Schreibmaschi-nenkursus in Königsberg.
Erfolgreich bestanden, bekam ich eine
Anstellung im Lohnbüro beim E-Werk.
Es gefiel mir da gut, und ich wollte endlich
mal „richtiges“ Geld verdienen. Aber
es dauerte nicht lange, da. hieß es „Antreten
zum Arbeitsdienst“. Anschließend
noch ein halbes Jahr zum Kriegshilfsdienst.
Ich kam dann nach Tilsit und
hatte das Glück, in einer Schule die
Gehörlosen-Kartei zu ordnen und zu
überwachen im Büro. Da wir dort auch
untergebracht waren, brauchte ich nicht
in der Winterzeit zum Außendienst wie
andere Mädchen.
Inzwischen hatte ich mich auch für einen
der Ulkes, meinen späteren Mann
entschieden, wir verlobten uns dann bald.
Nach der Entlassung war dann die große
Hochzeitsfeier im schönen Monat Mai.
Es war so Zusagen eine Traumhochzeit,
nur Marine- und andere Soldatenuniformen
der geladenen Soldatenurlauber
waren anwesend. Mit acht Kutschen fuhren
wir durch den schönen Maienwald
nach Zimmerbude zur Kirche. Ein traumhaftes
Brautkleid hatte ich mir arbeiten
lassen aus einer wertvollen Spitze in
weiß. In dem Schiemannschen Hause war
die Hochzeitsfeier, weil da mehr Räumlichkeiten
vorhanden waren. Ein Zimmer
hatten wir vollständig ausgeräumt,
das Hochzeitsmahl, der Braten, waren zu
der Zeit besonders geschätzt. In der Bäckerei
Jahns hatten wir alles zubereiten
lassen, so auch die Kuchen und Blechfladen.
Zum Abendessen gab es dann
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selbstverständlich Aal in Gelee eingelegt.
Wenn die Feier auch ohne Musik war,
denn getanzt wurde nicht, es war schon
verboten wegen des Krieges.
Aber schon im selben Jahr wurde ich
eine junge Witwe. Ende Dezember wurde
der Zerstörer „Friedrich Eckold“ im
dichten Nebel beim Auslaufen durch einen
Volltreffer eines englischen Kreutzers
bei Murmansk versenkt, ohne einen
Marinesoldaten als Gefangenen aufgenommen
zu haben. Das große Schlachtschiff
„Tirpitz“ lag damals ebenfalls angeschlagen
in Murmansk im Hafen.
Vorher im Sommer hörten wir auch im
Radio, dass das große Schlachtschiff
„Bismarck“ ebenfalls von den Engländern
beschossen und versenkt worden
war, wobei bereits der andere G. Ulke
sein Leben ließ. So hatte man all die jungen
Menschen in dem sinnlosen Krieg
verloren, ein Schicksalsschlag folgte nach
dem anderen. Zuallerletzt erhielt ich hier
in Westfalen die Nachricht, dass auch
meinVater mit 53 Jahren in der Kriegsgefangenschaft
verstorben war.
Nach der Flucht habe ich dann hier ein
zweites Mal geheiratet, vieles von meinen
Sachen konnte ich noch retten, so
auch das wunderschöne Brautkleid. Ich
habe es nochmalig hier angezogen und
auch weiter verliehen an Bekannte, denn
wir waren ja alle ärmer geworden und
Hilfe brauchten wir alle zu einem Neuanfang.
Ich hoffe, dass Euch mein kleiner Bericht
von damals etwas erfreuen wird.
In diesem Sinne grüße ich Euch alle bis
zu unserem Wiedersehen,
Eure getreue
Hedwig Biomeyer
Niederbechsener Straße 20
32547 Bad Oeynhausen h