Vertreibung ist immer ein Verbrechen
Klaus Wulff
Kulmer Straße 20 a
32602 Vlotho
Tel. 05228/71 83
Vor
Jahren berichtete ich im Samland
brief über die Installation von zwei
Bronzetafeln an dem Gedenkstein in
Porta Westfalica (gegenüber dem Hotel
Kaiserhof) zu Ehren der Opfer durch
Krieg, Flucht und Vertreibung. Leser
unserer Broschüre verhalfen mir mit ihren
Spenden zur Finanzierung.
Die Ergebnisse der letzten Kommunalwahlen
in NRW brachte landesweit parteipolitische
Mehrheitsveränderungen. So
auch im Stadtrat meines Wohnortes
Vlotho zugunsten einer absoluten Mehrheit
der CDU. Das ermunterte mich dazu,
erneut initiativ zu werden, eine größere
Bronzetafel für die Vertreibungsopfer im
Bereich des Ehrenmals für die Gefallenen
beider Weltkriege
im Ortsteil Exter
anbringen zu dürfen.
Der örtliche Verein
des BdV engagierte sich. Stadträte
der CDU zeigten Finanzierungsmöglichkeiten
auf und machten Mut. Das
führte zu einer zweckgebundenen Spende
der Sparkasse Herford für das Projekt.
Die Widerstände der SPD, Grünen,
aber auch von Teilen der FDP entzündeten
sich an den im Hintergrund angedeuteten
Umrissen des Deutschlands der Weimarer
Republik. Nach namentlicher Abstimmung,
der eine heftige und lange Diskussion
voraus ging, stimmte der Stadtrat
mit den Stimmen der CDU - bei einer
Enthaltung von der FDP - der Anbringung
der Bronzetafeln in der Größe 82 x
68 cm in der hier auf dem Foto wiedergegebenen
Form zu.
Dieser Bericht soll als Anregung
dazu dienen, in möglichst
vielen Städten und Gemeinden
auf Opfer und Leid
der Vertreibung aufmerksam
zu machen.
c ^
Humor ist keine Gabe des Geistes,
es ist eine Gabe des Herzens.
Ludwig Börne
V
J
Liebe Sorgenauer und Palmnicker,
es gibt so viele Schätze, die des Erzählens
und Aufschreibens wert sind. Anderenfalls
wird mal alles mit ins Grab genommen.
Es könnte ja doch dieser und jener
sagen, ich weiß noch was, ich weiß diese
und jene Geschichte, „öck weet manchem
Weppke, manchet noch tom schmunzle“.
Trut seck man ruhig. Sölwst wenn ju
ett bloß vom Weddervertelle ut lange
Winteroawende weete, verteilt ett man
ruhig. Ett läwt! On denn könn ju nämlich
sejje, öck war dat moal annem
Soamlandbreef schocke, de droage ett
dann äwer de Tied. Ett lohnt söck, sölwst
wenn ett bloß kleene Nuschtkes sönd.
Zum Beispiel habe ich heut noch folgendes
aus meiner Kindheit in Erinnerung:
Im Sommer holten wir oft am
Abend zum zweiten Mal Milch vom Bauern
Kurt Neumann. Der Bedarf war wegen
der Sommergäste täglich unterschiedlich,
so dass manchmal die Milch
nicht reichte. Dieses war mir dann persönlich
so unangenehm, so als ob ich
schuld hatte. Dabei war doch Frau Neumann
froh, das sie ihre Milch los wurde.
In der Regel holten wir unsere Milch
morgens bei Frau Sachtleber, einer Witwe
mit den Töchtern Erika, Elfriede und
Lisa. Als ich noch kleiner war, so fünf
bis sieben Jahre, wurde sie auf dem
Räuberhof bei Frau Schirrmacher verkauft.
Die Milch wurde vom Gut
Palmnicken geliefert. Milch holen war
meistens meine Arbeit, wir brauchten
täglich drei Liter.
In ganz unangenehmer Erinnerung
habe ich es auch noch, wie ich damals
die Fliehkraft zwischen Himmel, Erde
und Milch erproben wollte. Meine zwei
klugen Brüder Helmut und Erich hatten
mich als Jüngste mit diesem Phänomen
bekannt gemacht. Mit Wasser in einem
c-unei nauen wir es aur dem Hot
g C U U l
und als gekonnt empfunden. Ich traute
mich wohl nicht so recht heran, weil ich
ja als Jüngste, dazu als Mädchen, für nicht
ganz so vollwertig angesehen wurde -
aber können wollte ich es doch. Und so
kam ich eines Tages - vielleicht hatten
mich die Sterne an diesem Tag auch falsch
bestrahlt - auf die Idee, dass das, was mit
Eimer und Wasser funktioniert, ja auch
mit der Milch und meiner Milchkanne
gehen muss. Also kurz vor Zuhause
schwungte ich mich dann ein, zuerst zaghaft,
dann immer kräftiger, immer mit
der Kanne vor dem Bauch hin und her,
um sie dann mit vollem Schwung über
Kopf und Körper kreisen zu lassen, ohne
dass ein Tropfen aus der Kanne rausfliegen
würde. - So waren meine Gedanken.
Der Kreis vor
meinem Bauch
und dann über
den Kopf war
hoch, kräftig
und fast gekonnt,
aber dann gab es
einen großen
Plaukscher von
frischer Kuhmilch
über mich
und meine Kleider.
Die Kanne
war nämlich mit voller Wucht auf die
Spitzen von Femitzens Staketenzaun geknallt.
Ich hatte mir, wie das im Leben
manchmal so ist, aus lauter Eifer zu wenig
Freiraum gegeben.
Wie groß das Donnerwetter von der
Mutter war, weiß ich heute nicht mehr,
aber diese Milchkanne, eine äußerst stabile
Aluminiumausführung, für Generationen
erdacht, wurde nie durch eine an- 63