Kutschfahrten sind die ersten, zaghaften
Anzeichen dafür, daß Cranz wieder
ein begehrtes Ostseebad werden
kann. Das Meer, der Strand und die
Dünen bieten wie eh und je die besten
Voraussetzungen.
Hotel "Baltische Krone"'
Am Nachbartisch in der Pension
sitzt ein Ehepaar aus Jekaterinenburg.
Mit ihrem neunjährigen Sohn schließe
ich mit Hilfe einiger Süßigkeiten
schnell Freundschaft. Die Mutter unterhält
sich gern mit uns. Sie spricht ein
wenig deutsch. Stolz erzählt sie uns,
daß ihre Mutter Rußlanddeutsche ist
und eine bewußte evangelisch-lutherische
Christin. Sie hat auch dafür gesorgt,
daß ihr Enkel - mein Freund -
evangelisch getauft wurde. Wenn wir es
hier mit deutschstämmigen Einwohnern
zu tun
haben, so sind es
fast ausschließlich
rußlanddeutsche
Umsiedler
aus Mittelasien
und
Sibirien. Bisher
habe ich nur fünf
alte, hiergebliebene
Ostpreußen
getroffen.
Schon am ersten
Abend begegnet
uns während
eines Spazierganges
am
Hochufer Inna.
Sie ist freie Journalistin
und arbeitet
für verschiedene
Zeitungen.
Sie spricht
sehr gut deutsch
und stellte sich
uns gern als Dolmetscherin
zur
Verfügung. Wiederholt nahm sie an
der Kieler Woche teil und hat begeistert
in Zeitungen berichtet. Wir trafen
uns oft mit ihr, und sie begleitete uns
auch zu den Gottesdiensten. In Brest
ist sie geboren und hat in St. Petersbur
studiert. Seit einigen Jahren wohnt sie
in Ostpreußen, zunächst in Königs-58
O/J
berg/Kaliningrad und dann in
Cranz/Selenogradsk, das sie liebevoll
“Grünstadt” - das ist die deutsche
Übersetzung von Selenogradsk -
nennt. Sie hat eine ganz intensive
Beziehung zu unserer alten Heimat gewonnen,
so daß sie Cranz auch als ihre
Heimat empfindet. Das Land fasziniert
seine Bewohner. In unseren
Gesprächen ging es immer wieder um
die Zukunft Nordostpreußens. Wie
viele, leidet sie unter dem derzeitigen
Zustand. Leider ist eine baldige
Besserung nicht in Sicht. Der
Kommunismus ist vqn einem brutalen
Manchester-Kapitalismus abgelöst
worden, in dem wenige reich werden,
aber viele verarmen, denen es in kommunistischer
Zeit besser ging. Das
Sozialversorgungssystem ist fast völlig
zusammengebrochen. Dazu kommt
eine verkrustete, schwerfällige Bürokratie,
die Privatinitiativen erschwert
oder verhindert. Alte Machtstrukturen
sind noch nicht überwunden, und das
größte Problem ist die Korruption.
Aber es stimmt hoffnungsvoll, daß
junge, intelligente Menschen lernen
umzudenken.
Doch es wird
noch lange dauern,
bis sie Ämter
mit Entscheidungsbefug
bekleiden
werden, wenn
überhaupt.
Gemeinsam
mit Inna besuchten
wir Maria
Federowna. Sie
ist die Witwe
eines sowjetischen
Luftwaffenoffiziers
und wohnt nun in sehr bescheidenen
Verhältnissen in einem
kleinen, deutschen Haus im Westend.
Sie kam mit ihrem Mann im Mai 1945
nach Cranz. Gemeinsam tauschen wir
Erinnerungen an diese schwere Zeit
nach dem Kriege aus und sie bestätigte
meine Erinnerungen. Inna hatte sie für
eine Kolumne über Cranz interviewt
und sie erzählt: “Wir kamen im Mai
1945 hier an. Die Stadt war wunderschön.
Besonders gefiel mir die
Windmühle, die noch in einem guten
Zustand war. Leider wurde sie abgerissen
und an ihrer Stelle ein Badehaus
erbaut. - Es war Hungersnot und anfangs
wurden am Meeresstrand tote,
deutsche Kinder gefunden, die den
Hungertod gestorben waren. Lebensmittel
für die Deutschen kamen erst
Die ehemalige Königsberger Straße heute