Full text : Wollsteiner Aufsätze

des Papstes. Aus diesem Grunde war es unerläßlich, die Herrschaft
 über Italien zu haben, um nach Rom zum Papst gelangen
 zu können. Das Herrschaftsgebilde, das sich von Norddeutschland
 bis z.T. nach Süditalien erstreckte, wurde einfach
nur das „Imperium“ (= Reich) genannt, oder das „Heilige
Römische Reich.“ Man verstand sich als Nachfolger des Römischen
 Reiches des Mittelalters, nur mit dem Unterschied,
das das antike Heidentum überwunden worden war und dieses
neue Reich nun christlich war. Daher stammt der Zusatz
„heiliges“ Römisches Reich.
Der Kaiser verstand sich als Vertreter Gottes auf Erden. Der
Papst dagegen sah im Kaiser nur den weltlichen Vertreter und
sich selbst als das religiöse Oberhaupt der Christenheit. Der
daraus resultierende Konflikt prägte das Hochmittelalter.

Weit wichtiger aber als dieser sogenannte Investiturstreit waren
 die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen,
 die das Hochmittelalter zu einer besonderen Blütezeit jener
 Jahrhunderte machte.
Im 10./11. Jahrhundert fand in Zentraleuropa ein wirtschaftlicher
 Wandel von enormer Schubkraft statt. Es begann in der
Landwirtschaft: neue Techniken wurden entwickelt, der Eisenpflug
 wurde gebräuchlich und man ging von der Zweifelderwirtschaft
 zur Dreifelderwirtschaft über. Dadurch konnte
der Ertrag um fast 17 % gesteigert werden. Hinzu kamen neue
Feldfrüchte und eine Zeit besonders günstigen Klimas. Die
Folge war ein enormes Bevölkerungswachstum. Schon bald
reichten die Ernten nicht mehr aus. Man begann neue Gebiete,
vor allem im bis dahin unwirtschaftlichen Mittelgebirge, zu
roden. Der Landesausbau war im 11. und 12. Jahrhundert im
vollen Gange.

Eine weitere Entwicklung dieses Landesausbaus war die
Entwicklung der Städte. Die hohe Bevölkerungszahl machte 35