Das Pestalozzi-Haus in Rauschen im Jahre 1993. Das ehedem schöne Fachwerk ist überputzt und die
nun geschlossenen Baikone veränderten den Qesamteindruck des Hauses negativ. Foto: priv.
sammeln. Plötzlich knackte es hinter uns
im Dickicht und jemand brüllte: „Stoi!“
Es folgte eine Warnschuss-Salve. Entsetzt
blickten wir auf zwei maschinen-pistolenbewaffhete
Russen, die uns schimpfend
und fluchend in Richtung Wohnhaus im
Hintergrund des Waldstückes drängten.
Mit angstschlottem-den Knien und zitternden
Händen zogen wir unseren kleinen
Wagen mit dem Holz dorthin.
Das Wohnhaus erwies sich als festes
Gebäude im typisch Rauschener Villenstil.
Etwas abseits des Hauses tuckerte ein
Stromaggregat. Nach den nun schon beleuchteten
Fenstern zu urteilen, war das
ganze Haus mit russischen. Soldaten belegt.
Während einer der beiden Posten mit
unserem Wägelchen verschwand, beförderte
uns der andere mit „Spickfüßen“
ins Haus und in den Keller, dessen Tür
von außen verriegelt wurde. Durch das
kleine Kellerfenster konnten wir erkennen,
dass draußen schon die Dunkelheit
hereinbrach. Vor Angst klammerte ich
mich fest an meine Mutter, die mich zu
beruhigen versuchte. Was wartete auf
uns? Nach etwa einer Stunde, die uns wie
eine Ewigkeit vorkam und in der wir bei
jedem Geräusch zusammenzuckten, wurden
wir in ein Zimmer im Erdgeschoss
gebracht. Ein Offizier schrie uns an. Alles
was wir verstanden, war der Ausdruck
„Spion“! Bald erschien eine Soldatin,
welche die Beschuldigungen, Fragen und
unsere Antworten übersetzte. Erst als wir
sagten, dass wir in der Nähe wohnten,
beruhigte sich der wütende Offizier etwas.
Wir bekamen den Befehl, zur Strafe
für unseren „Diebstahl“ das auf dem
Hof liegende Holz zu sägen. Es handelte
sich um einen großen Berg trockener
Stämme unterschiedlicher Länge und
Stärke. Dazu gab uns ein Posten eine
Schrotsäge und sagte: „Wenn Cholz
kapuut, dann damoi.“
Mit dem Mut der Verzweiflung machten
wir uns an die Arbeit. Wie lange
würden unsere Kräfte ausreichen und was
würde Vater tun, da wir nicht zurückka64
men? Der Mond lieferte die notwendige
Beleuchtung. Einige Soldaten auf dem
Hof sahen unserem Tun feixend zu und
machten durch geradebrechte Eindeutigkeiten
klar, was meine Mutter später zu
erwarten hätte. Wenn sich unser Arbeitstempo
verlangsamte oder wir verpusten
wollten, ertönte sofort das „Dawai, dawai,
bisträje“ (los, los, schneller) des Postens,
welches mit entsprechenden Bewegungen
mit einem Knüppel unterstrichen
wurde. Die ersten Stämme zersägten wir
vollständig. Dann flüsterte mir Mutter
zu, dass wir die weiteren Hölzer nur ansägen
und dann mit den schon vorhandenen
Abschnitten kaschieren wollten.
Endlich wurde der erste Posten abgelöst.
Sein Nachfolger war ein älterer Rotarmist
mit gutmütigem Gesicht. Wir arbeiteten
noch eine Weile weiter, dann bedeutete
uns der Posten, dass wir weglaufen
sollten. Aus dem Haus hörten wir
Musik und den Lärm der nun betrunkenen
Soldaten. Als wir das schützende
Dickicht am Rande des Grundstücks erreicht
hatten, schoss der Posten. So wollte
er sich wohl ein Alibi bei unserem Verschwinden
verschaffen. Wir liefen so
schnell uns unsere Beine trugen und der
Atem reichte. Unser Quartier erreichten
wir, als es wohl schon lange nach Mitternacht
war. Meinen Vater fanden wir
völlig verzweifelt vor. Er hatte befürchtet,
dass er uns nie wieder sehen würde.
In den nächsten Tagen versteckten wir
uns bei Landsleuten, die in einem anderen
Hause lebten. Wir waren noch einmal
davongekommen. Später erlebten wir in
Plompen, dass hungernde Deutsche wegen
einer mitgenommenen Futterrübe für
mehrere Jahre in ein Straflager kamen.
Hans-Georg Balzer
Landhausstraße 33
15746 Groß Köris
Tel.: 033766 - 631 91
Weihnachtsfeier in Villa Rosenthal
AftAeine Kinder- und Schulzeit ver-»11
brachte ich auf dem großen Rit-Vtergut
Kallen v. der Goltz. Auch
damals hatten wir Vereinsfeste. Mein Vater
und noch andere Bewohner hatten sich
einem Krieger-Verein angeschlossen,
heute sind das die Schützenfeste.
So freuten wir uns als 12- bis 14-jährige
Kinder schon immer auf die große
vorweihnachtliche Adventsfeier in Fischhausen
in der schönen „Villa Rosenthal“.
Je nachdem ob im Dezember schon
Schnee gefallen war, fuhren wir um 15
Uhr am zweiten oder dritten Adventssamstag
mit einem vollbesetzten Leiterwagen
oder einem Schlitten los, der Kälte
wegen in warme Decken gehüllt.
Wir konnten die Stunde der weihnachtlichen
Bescherung kaum erwarten. Sie
fand im größten, im weihnachtlichen
Glanz strahlenden Saal statt. Die Feier
begann mit den bekannten Liedern „Vom
Himmel hoch..“, „Oh, Tannenbaum“ —
zwischendurch wurden auch einige Gedichte
von den Schülern vorgetragen und
für die kleineren Kinder gab es ein Weihnachtsmärchen!
Dann erschien endlich
der Weihnachtsmann mit einem großen
Sack voller Tüten, die durften wir uns 65