Metadata : Unser Schönes Samland

und er dann seinen Knecht Ruprecht,
als Gedicht von mir hört?!“ Zu weiterem
 Nachdenken komme ich nicht.
Während Hildchen, hinter mir stehend,
beide Hände auf meinen Schultern hält
kommt er auf mich zu und mit den
Worten: „Hast du auch was gelernt?“,
fordert er mich zum Aufsagen auf. Wie
im Traum höre ich meine Stimme: „Von
draußen vom Walde da komm’ ich her
am Ende der ersten Strophe, bei:
denn es soll wieder Weihnachten werden!“,
 nickt er mit dem Kopf, legt seine
Hand auf Hildchen's Hand, die immer
noch auf meiner Schulter ruht und mit
einem: „Brav - brav!“, bin ich, jetzt
nass von Angstschweiß, erlöst! Was
danach noch im Laden abläuft nehme
ich nicht mehr wahr. Erst als Vater uns
auffordert: „Nun geht man alle in de'
Küch’, ich muß dem Weihnachtsmann
erst mal e’ Bittern zum Aufwärmen einschenken!“,
 komme ich wieder zu mir!
In der Küche quiddern (unterdrücktes
 lachen) Christel und Hildchen
 vor sich hin. Derweil versucht
Heinz scheinbar mit dem Kopf durch
das Schlüsselloch in der Tür, zum
Laden zu kriechen! Aber: „Nuscht zu
machen, der Schlüssel steckt mit dem
Bart nach unten - kannst nuscht
sehen!“, läßt er seine Enttäuschung
hören! Ich grüble: „War das der richtige
 Weihnachtsmann?“ Gustav, Hans
und Manfred sagen: „Es gibt keinen
richtigen Weihnachtsmann, in Geidau
is’ das immer der Fritz Barkmann,
unser Alleskönner!“ - aber der hat
doch keinen Bart! So e’ langen Pelzmantel
 hat er ja, aber bei dem is’ das
Fell nach innen!“

Das Läuten der kleinen Schlittenklingel
 unterbricht meine Gedanken.
Die Wohnstubentür öffnet sich. Auf
dem ausgezogenen Esstisch stehen,
auf schneeweißem Tischtuch, die
Bunten Teller, mit Namensschildern.
Daneben liegen die eingepackten
Geschenke. Beiderseits des oberen
Tischendes ist für Vater und Mutter je
einer der beiden Sessel rann geschoben.
 Links sitzt Mutter mit Klaus,
daneben die Plätze sind für Christel
und Hildchen. Vater hat den Sessel auf
der rechten Seite gewählt, hier stehen
auch die bunten Teller für Heinz und
für mich. Während die Erwachsenen
sich an den Tisch setzen bleiben
Heinz und ich vorn in der Stube stehen.
 Rechts in der Ecke steht, wie
jedes Jahr, der Tannenbaum. Die silberne
 sternförmige Spitze berührt die
Zimmerdecke. In den bunten Kugeln
spiegelt sich der Schein der auf den
Zweigen sitzenden, brennenden Kerzen.
 Funkensprühende Wunderkerzen
hängen dazwischen. Heinz tritt als
erster von uns beiden vor den Baum
und sagt, mit Blick zum Baum, seine
„Hohe Nacht der klaren Sterne...“,
ohne stocken auf. „Hast gut gelernt
Heinzche“, lobt Vater und nickt wie
zustimmend mit dem Kopf; und
Mutter: „Ich finde dein neues Gedicht
recht nett, es passt gerade dieses Jahr
zu dem schönen Weihnachtswetter!“
Während Heinz sich auf seinen Platz
setzt trete ich, mit schweißnassen
Händen, vor den Baum und beginne
mein: „Von draußen vom Walde...“.
Als ich, ohne stecken bleiben, mit „...
nun schlafet sanft, habt gute Nacht!“,

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ende ist Mutter aufgestanden und bei
mir. Mit den Worten: „Das hätte ich
nicht geglaubt!“, streicht sie über
meine kurz geschnittenen Haare.
Dann geht sie zu Hildchen, nimmt sie,
was ich noch nie gesehen habe, in die
Arme und bedankt sich mit: „Das hast
du aber sehr schön mit ihm eingeübt,
dank’ dir“! Hildchen hat einen puterroten
 Kopf und ihre Augen glänzen
feucht. Nach dem Gedichtaufsagen
singen wir alle zusammen das Weihnachtslied
 von der stillen und heiligen
Nacht. Danach - endlich - darf jeder
seine Geschenke auspacken. Die Erwachsenen
 bekommen einfache, praktische
 Sachen, meist was zum Anziehen.
 Bei uns ist es noch üblich, dass
Vater und Mutter keine Geschenke
bekommen; sie sind, und wollen das
auch so, nur die Gebenden! Ich taste
meine recht zahlreichen Geschenkpakete
 ab - nach was „Hartem“ -
(Spielsachen). Unterm Tannenbaum
finde ich einen Karton. „Horst“ steht
auf dem Schild! Beim Auspacken
kommen ein Paar hohe Schnürschuhe
zum Vorschein, richtig mit Haken zum
Schnüren! Ganz schön - aber - nichts
zum Spielen. Auch in allen anderen
Paketen die ich auspacke, inzwischen
habe ich mich auf die andere Tischseite
 zu Hildchen gedrängelt, keine
Spielsachen! Da ist eine große Aktentasche,
 wie Heinz eine für die Schule
hat, Ösenhandschuhe (doppelt gestrickte
 Handschuhe mit Schlaufen auf
der Innenseite) von Oma Schwarz
gestrickt, ein Lodenmantel, ’ne neue
Pudelmütze und ein braunmelierter
Bleyleanzug! Von ihm ist Hildchen

ganz begeistert: „Damit wirst du aber
ganz schick aussehen wenn du auf die
andere Schule gehst“! Au - das hätte
nicht kommen dürfen - und schon gar
nicht von ihr! Ich rutsche von ihrem
Schoß, auf den ich inzwischen gekrochen
 war und mit: „Ich will ja gar nicht
auf die andere Schule!“, eröffne ich
mein leidiges Problem! Hildchen zieht
mich, jetzt mit festem Griff, wieder zu
sich auf den Schoß zurück und redet,
wie Vater oft sagt, mit Engelszungen
auf mich ein. Vater und Mutter
stecken ihre Köpfe zusammen und
schielen zu uns hinüber. Wie zufällig
entdeckt Hildchen zwischen dem herumliegenden
 Weihnachtspapier noch
ein Päckchen mit der Aufschrift: „Für
Horst“. Ein Trix-Baukasten - Grundkasten
 I kommt zum Vorschein. Mit
einem Mal ist die Welt wieder in
Ordnung und das leidige Problem vergessen!
 Jetzt erst sehe ich, dass Heinz
neben anderem, eine neue Skihose für
seine Uniform bekommen hat. „Die
alte ist zwar noch gut aber zu eng“,
höre ich Mutter, „die kann Frau
Federmann für Horst passend machen
dann hat er auch ne’ lange Hose“ Das
höre ich gern.
Vater geht am Tisch entlang und
schenkt in die Gläser von Mutter,
Christel und Hildchen Portwein nach.
Ich blinzele Hildchen an, sie blinzelt
mich an, und zum großen Kachelofen,
in der Ecke gegenüber vom Tannenbaum,
 gewandt, hält sie ihr Glas an
meine Lippen. Natürlich hat Vater
alles genau beobachtet und schwingt
den ausgestreckten Zeigefinger seiner
rechten Hand ablehnend hin und her! 95