ich Mutti helfen dürfen. Sorgfältig hatten
wir die Herzchen mit einer glühendgemachten
Stricknadel verziert. Der
grüne Kachelofen an der Wand verbreitete
wohlige Wärme. Der nach frischem
Tann und Harz duftende Adventskranz
hing in seinem Ständer unter der
Lampe. Vater stieg auf einen Stuhl und
zündete das erste Kerzlein an. „Advent,
Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins,
dann zwei, dann drei, dann vier - dann
steht das Christkindlein vor der Tür.“
Aber bis dahin war es noch lange hin
- unendlich lange, so schien es mir.
Es wurde ein schöner Nachmittag.
Aber allein meine Worte konnten den
ostpreußischen Advent nicht in dieses
Zimmer am Mittelmeer zaubern. Er
blieb ein Geheimnis für meine Gäste.
Nur die kleine, rote Adventskerze
schien jetzt besonders strahlend zu
leuchten.
Marlies Stern, geb. Klein,
Via 2 7 Marzo, 65,
1-19122 La Spezia,
Tel.:0039-0187-70412
Weihnachtsmann auf Abwegen
Das war noch damals, als der heilige
Nikolaus in der Weihnachtszeit zu den
Menschen auf die Erde ging, um mit
ihnen zu beten, sie für ihre guten Taten
zu belohnen und für schlechte zu
bestrafen. Bald war für dieses Jahr seine
Mission beendet. Jetzt hatte er nur
noch dieses kleine Land Ostpreußen
vor sich, das da oben am Baltischen
Meer lag. Dort hatte es ihm immer
besonders gut gefallen, gab es doch
ganz große Forsten und ganz viele Seen,
die durch lange Wasserarme miteinander
verbunden waren. Die beiden
Nehrungen mit ihren Haffen, dem Kurischen
und dem Frischen, sie schmiegten
sich als Besonderheit in das Land
ein. Dort hätte er, wenn er nicht heilig
geworden wäre, auch gerne seinen
Lebensabend verbracht. So dachte er
gerade und freute sich, zu diesen
Menschen zu kommen.
Die Ostpreußen allerdings waren
schon ein besonderes Völkchen. Bei
ihnen mußte er bei der Abwägung ihrer
Taten oftmals nicht nur ein Auge kräftig
zudrücken. Warum? Nun, sie waren einfach
nicht so fromm, wie er sie gerne
gehabt hätte. Natürlich waren sie gottesfürchtig,
Gute und Schlechte gab es
überall. Aber mit der Heiligkeit, da
nahmen sie es nicht so genau. Darum
nannten sie ihn auch nur schlicht „ihren
Weihnachtsmann“ - und er gestattete es
ihnen. Sie wollten aber auch keine Rentiere
wie die Norweger und Lappen,
sondern braune Kutschpferdchen mit
Klingerschlitten. Dabei war dieses
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Land im Winter so voller Schnee, oft
sogar zugestiemt, daß er hätte vierspännig
fahren müssen.
Aber er hatte in seinem langen
Dasein schon so viel erlebt, daß er beschloß,
diesem gutmütigen Menschenschlag,
der immer wieder heidnische
Bräuche in sein Christentum schmuggelte,
es aber dabei gar nicht mal zu
bemerken schien, seine Lebensart zu
belassen. Denn es schadete ja keinem,
und sie waren treu, tapfer, fleißig und
arbeitsam. Dabei klug und umsichtig,
immer hilfsbereit, und mit einem aus
dem Herzen kommenden Humor gesegnet.
Na ja, der liebe Gott wird es
wohl so gewollt haben, sagte sich darum
der Nikolaus.
Wieder mal war er nun in eine
Gegend geraten, die er noch nicht
kannte und die völlig zugeweht und verstiemt
war. Na, er strich den Pferdchen
noch mal sanft mit der Peitsche über
den Rücken, und sie faßten wieder
Tritt. Aber was dann kam, überstieg alle
seine Erwartungen. „Erbarrrmung“,
konnte er da nur fassungslos sagen,
„Erbarmung.“ Da dieses Wort ein
äußerst frommes Wort war, genierte er
sich nicht, es in dieser heiklen Situation
mehrfach und in seiner ostpreußischen
Urfassung zu gebrauchen.
Da stand er doch mit seinem
Gespann vor einer haushohen Schneewehe
und weit und breit sah er weder
Baum noch Strauch, weder Mensch
noch Tier. Aber eigenartigerweise roch
es ein wenig nach Rauch, vielleicht gar
nach diesen so verführerischen Bratkartoffeln
mit Schweinespeck. Als Weihnachtsmann
gingen ihn solche Düfte
wohl nichts an, denn ein Nikolaus hatte
ja keine irdischen Bedürfnisse. Wie er
jetzt aber älter wurde, sah er das nicht
mehr so streng an, in Ostpreußen war ja
sowieso alles ein bißchen anders.
Er verspürte so etwas wie Appetit.
Gleich darauf bemerkte er eine kleine
Rauchsäule, nicht viel dicker als ein
dünner Faden. Sie kam hinter der
Schneewand hervor und stieg kerzengerade
in den Himmel. Er kratzte sich mit
dem Peitschenstiel ein bißchen unter
seiner Pelzmütze und überlegte, ob er
seine Sonderfunktion, die ihm der liebe
Gott in ganz dringenden Fällen erteilt
hatte, benutzen sollte. Um dieses zu
verstehen, muß gesagt werden, daß der
Herrgott dem Nikolaus erlaubt hatte, in
wirklichen Notfällen kleine Wunder zu
vollbringen.
Allein aber, kraft seiner Gedanken,
war dieses schon geschehen. Die
Schneewand war verschwunden, und
vor ihm lag ein kleines Haus, mehr eine
Kate, und drinnen hörte er es mit einer
Altchenstimme singen: „Vom Himmel
hoch Ihr Englein kommt.“ Das gefiel
ihm, und er klopfte an. Ein kleines
Mädchen machte ihm die Tür auf, und
es wunderte sich überhaupt nicht. Nun
war der Weihnachtsmann doch noch
gekommen, sie hatte es ja gewußt! Es
war Johanna, die Enkeltochter der
Köhlerswitwe Markinat. Diese war
natürlich sehr erschrocken, denn wie
war er nur durch die hohe Schneewand
gekommen, die ihnen doch seit Tagen
den Weg zum Dorf abschnitt?
In der Ecke stand ein kleines
Bäumchen, geschmückt mit Glitzerzeug
und selbstgezogenen Kerzen. „So, so“, 91