Liebe Fischhäuser,
ich habe schon lange nuscht von mir
hören lassen und so hab’ ich gedacht,
huck dich hin und schreibe bißche.
Zu unserem Kreistreffen 1998 in
Pinneberg war ich ja da. Die Freude war
groß und das Wiedersehen sehr schön.
Am Samstag wurde geschabbert und
getanzt bis in die Nacht; es wollte gar
kein Ende nehmen. Leider habe ich
viele vermißt, auch die, die in der Nähe
von Hamburg wohnen. Habt Ihr Eure
schöne Heimat schon vergessen? Gebt
doch Euch und Eurem Herzen einen
Stoß und kommt zu unserem Treffen
nach Pinneberg! Ihr werdet es nicht
bereuen. Ich reise extra aus dem
Rheinland an, um im Kreise alter
Heimatfreunde zu schabbern, z. B. über
unsere Fischhäuser Originale. Da war
die Kartenlegerin, genannt „Rokemohl“.
So mancher hat sich für fünf Dittchen
die Zukunft Voraussagen lassen. Auch
ich ließ mich einmal verleiten. Ich war
16 oder 17 Jahre alt und hatte in Palmnicken
einen Schmisser kennengelernt.
Aus ihren Karten las „Rokemohl“,
daß meine Liebe zweifelhaft wäre. Sie
hatte recht, der Krät hatte schon eine
Marjell, da hab’ ich ihn laufen lassen.
Zum Schluß sagte sie mir noch, daß ich
mein Leben in Wohlstand beschließen
werde - und gut geht’s mir heute ja
auch, aber die Hauptsache ist die Gesundheit.
Da fällt mir noch Frau Mannke ein,
genannt die „Sabbermansche“. Sie wußte
stets das Neueste aus unserer Kleinstadt
zu erzählen. Frau Mannke, die alte
Frau Allenberg, Frau Keyer sowie
„Rokemohl“ standen bei Hochzeiten
stets an der Kirche und bekamen von so
manchem Brautpaar Dittchen in die
Hand gedrückt.
Unseren „Gummibiedel“ und Lehrer
Graf darf man nicht vergessen, aber
über beide wurde im Heimatbrief schon
einmal berichtet.
Und - die alten weißhaarigen
Damen, die neben Fleischer Schwarz
wohnten, werde ich zeitlebens nicht vergessen.
Meine Schwester Ella, noch zwei I
Mädchen und ich waren nach Rosenthal
spaziert und wurden auf dem Heimweg
von einem Gewitter mit strömenden
Regen überrascht. Pudelnaß stellten wir
uns auf einer überdachten Treppe vor
der Haustür der genannten Damen
unter. Als uns nach längerer Zeit ein
menschliches Bedürfnis ereilte, kamen
wir in arge Bedrängnis. Plötzlich wurde
die Tür aufgerissen, und ich, am nächsten
dran, bekam eine schallende Ohrfeige.
„Rokedonst“ ist mir auch in Erin
nerung, nur weiß ich nicht, ist das der
Ehemann von „Rokemohl“?
Na, und die lieben Fischer, da war
doch jeder ein Original für sich. Was sie
nachts an Fisch gefangen hatten, mußten
die Frauen am nächsten Morgen
verkaufen. Zu uns kam immer eine Frau
Lina Kristant. Für fünf Dittchen knallte
sie eine Portion Fisch auf den Tisch, die
zwar gut schmeckten, aber die billigsten
hatten zum Teil unverschämt viele
Gräten.
Außerdem fällt mir noch der
Schneider Glaus ein, der seinen Bauch
immer so rausstremmte.
Nicht zu vergessen den Totengräber
aus der Gartenstraße mit seinen gruseligen
Geschichten. Sein Name ist mir entfallen.
Nun weiß ich nuscht mehr. Vielleicht
fällt Euch ja mehr ein, dann schreibt
doch bitte an den Samlandbrief.
Bleibt alle schön gesund und denkt
an das Kreistreffen im September in
Pinneberg. Heimatverbunden grüßt
Euch herzlich Eure
Anni ()nasch, geb. Büchner
aus Fischhausen, jetzt Lotharstraße 11,
47443 Moers
Neues vom Luisenstein in
Fuchshöfen, Landkreis Königsberg
Schon bald nach Öffnung der Grenzen
zu unserer Heimat galten die ersten
Besuche den Haus- und Hofstellen und
weiteren Stätten der Erinnerung, Schulen,
Kirchen und Friedhöfen. Alsbald
stellte sich unter ehemaligen Schülern
der Fuchshöfer Schule die Frage nach
dem Verbleib des früher im Gutspark
von Fuchshöfen auf dem Luisenhügel
positionierten Luisensteines.
Auf mündliches, telefonisches und
schriftliches Befragen untereinander
lautete stets die Antwort: „er liegt dort
noch. Die Russen haben den nur umgekippt,
die Inschrift liegt jetzt unten“.
So habe ich dann im Sommer 1998
erstmalig im Gutspark Fuchshöfen gezielt
nach dem Luisenstein gesucht.
Leider vergeblich. Gefunden habe ich
lediglich einen Findling, dessen Kuppe
circa 10 Zentimeter aus dem Erdreich
herausragte. Mit viel Rubel und einigem
Wodka habe ich dann diesen
Findling freilegen lassen und siehe da,
die glatte Seite desselben war ohne
Inschrift, die Aktion also vergeblich.
Bekannt war mir, daß bei den Russen
etwa um 1980 eine amtliche Aktion
zur Beseitigung aller deutschen Inschriften,
zum Beispiel auf Grabsteinen,
durchgeführt wurde. So ist kein
Grabstein von den Königsberger Friedhöfen
an der alten Pillauer Landstraße
mehr vorhanden. Man konnte also
davon ausgehen, daß auch dieser Gedenkstein
der Aktion zum Opfer gefallen
war. Und so ist es wohl auch gewesen.
Es sollten damals alle Zeugnisse
deutscher Vergangenheit beseitigt werden.
Erst beim diesjährigen Heimattreffen
in Leipzig konnte Näheres über den
Verbleib des Steines in Erfahrung gebracht
werden.
Welche Bedeutung hatte der Luisenstein?
Während des unglücklichen Krieges
1806 - 1814 flüchtete die königliche
Familie bekanntlich vor den
napoleonischen Truppen bis in den
äußersten Winkel Preußens in die ostpreußische
Stadt Memel. In Königsberg,
das nicht von Napoleon erobert
wurde, machte man Station. Während
dieses Aufenthaltes hat die Königin
Luise der Familie des damaligen
Besitzers des Gutes Fuchshöfen einen
Besuch abgestattet. Sie verweilte so
auch auf dem später nach ihr benannten
Luisenhügel im Kreise ihrer Gesell- 41