Wiederbegegnung mit Ostpreußen
(Erinnerungen eines russischen Reiseleiters)
Zehn Jahre sind nun schon vergangen,
seitdem Reisegruppen deutscher
Touristen, zu denen vorwiegend ehemalige
Bewohner Ostpreußens gehören,
das Königsberger Gebiet (Kaliningradskaja
oblast) besuchen können.
All diese Jahre war ich als Reiseleiter
- der Begriff „Fremdenführer“
scheint mir in diesem Zusammenhang
schlecht zu passen - bei der Betreuung
dieser Menschen tätig.
Dabei habe ich viel Interessantes,
Trauriges und auch Schönes erlebt und
diese Erlebnisse haben mein Wesen und
meine Lebensauffassung stark beeinflußt.
Es war eine Zeit vieler neuer
Einblicke und der Aneignung eines
neuen umfangreichen und kostbaren
Wissens.
An den Anfang meiner Reiseleitertätigkeit
erinnere ich mich noch sehr gut
wegen der damit verbundenen dramatischen
Ereignisse. Ich arbeitete damals
für das Reisebüro „Greif-Reisen-Manthey“
und war für die Gäste, die nach
Rauschen kamen, zuständig.
Es war der 9. Mai 1991. Zwei Busse
standen am Hotel „Kaliningrad“ in voller
Bereitschaft, die erste Reisegruppe
vom Königsberger Flugplatz Chabrowo
- Powunden abzuholen. Die zwei Dolmetscherinnen
Nadja, Katja und ich -
also die gesamte Reiseleitung - waren
dabei. Unsere Aufregung war kaum zu
beschreiben: - bald werden wir die ehemaligen
Bewohner Ostpreußens sehen!
Wir freuten uns auf die bevorstehende
Arbeit und zugleich fürchteten wir sie.
Wie werden diese Menschen uns begegnen?
Werden sie uns wegen der schlimmen
Ereignisse der Vergangenheit böse
sein? Werden wir uns mit unseren
Deutschkenntnissen blamieren? Solche
und ähnliche Fragen schwirrten durch
unsere Köpfe.
In dieser Spannung warteten wir
eine ganze Zeit. - Plötzlich erblickten
wir Herrn Manthey, den Chef von
„Greif-Reisen“, wie er sich mit einem
Schriftstück in der Hand uns in schnellem
Schritt näherte. - „Hier, lesen Sie!“
- er war außer Atem und konnte kaum
sprechen. Er reichte uns das Blatt: ein
kurz vorher eingetroffenes Telex aus seinem
Büro in Deutschland. Wir lasen
und konnten es kaum glauben: darin
stand, daß die Landung der von ihm
gecharterten Aeroflot-Maschine auf
dem Kaliningrader Flughafen Chabrowo
amtlicherseits verboten worden sei.
Zu dieser Zeit stand die erste Reisegruppe
bereits auf dem Flughafen
Hannover und es war ein Vertrag abgeschlossen,
demzufolge bis Ende August
jede Woche eine Reisegruppe nach
Kaliningrad direkt hin- und zurückfliegen
sollte. Es stand also alles auf dem
Spiel. Mußten alle Reisen storniert werden?
Es mußte also dringend etwas
unternommen werden. Nach langen
Telefongesprächen mit allen möglichen
Behörden und Privatpersonen bot sich
nur die eine Chance: Polangen! Diese
Entscheidung lag bei einer höheren
Dienststelle in Minsk.
Ohne langes Zögern begann für
Herrn Manthey, seine russische Geschäftspartnerin
und mich eine abenteuerliche
Fahrt nach Minsk. Völlig
erschöpft, aber mit der Zusage, daß
gegen die Landung der Charterflugzeuge
in Polangen nichts einzuwenden
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sei, erreichten wir am nächsten Abend
Kaliningrad. Die Mühe hatte sich also
gelohnt
Eine weitere Begebenheit aus der
Anfangszeit meiner Reiseleitertätigkeit
hat sich besonders tief in mein Gedächtnis
eingeprägt.
Wir hatten eine Reisegruppe von
Polangen (lit.: Polanga, etwa 30 km
nördlich von Memel) abgeholt und nach
dem Abendessen in Memel mit der
Fähre auf die Kurische Nehrung übergesetzt.
Nun führen wir mit zwei Bussen
auf der Nehrung dem Reiseziel Königsberg
zu. Die zwei „Klapperkästen“, vollbeladen
mit Menschen und Gepäck,
arbeiteten sich mühsam durch die
Gegend. Die Passagiere, die zum Teil
auf ihrem Gepäck sitzen mußten, nahmen
keine Notiz von den fast unzumutbaren
Zuständen. Selbst als sich die
Kofferraumklappe des vorderen Busses
plötzlich öffnete und zwei Koffer auf die
Straße fielen — Gott sei Dank passierte
das nicht dem hinteren Bus -, gab es
kein Wort der Empörung, Klage oder
Schimpfen. Schweigend wurden die
Koffer wieder eingeladen, die Klappe
geschlossen und - pojechali - weiter
ging die Fahrt.
Die Menschen in den Bussen
beschäftigte etwas ganz anderes: jeder
von ihnen war im Dialog mit dem
Heimatland.
Man hatte die Reiseleiter gebeten
die Namen der Ortschaften anzusagen,
die durchfahren wurden, und wir hörten
den Flüsterchor, der jeden Namen wiederholte.
Dieses Wiederholen der altvertrauten
Namen, leise wie ein Windhauch,
werde ich nie vergessen: Schwarzort,
Nidden, Rossitten, Sarkau und dann
Cranz. Hier nahm die Erregung zu und 1
ließ nicht nach bis die Busse einen letzten
Bogen an dem vom Mond beschienenen
monströsen „Rätehaus“ in
Königsberg machten und am Hotel
„Kaliningrad“ hielten.
Sehr genau erinnere ich mich an die
erste deutsche Bus-Reisegruppe, die
nach stundenlangem Warten an der polnisch-russischen
Grenze endlich
Königsberg erreichte. Die Gruppe umfaßte
ungefähr 30 Personen. Einige
Namen sind mir im Gedächtnis geblieben:
Horst Schmidtke aus Wehlau mit
seiner Tochter Karin, Klaus Schräge aus
Georgenburg und Herr Rauchfuß -
wenn ich mich recht erinnere - aus
Königsberg.
Herr Schmidtke hat inzwischen mindestens
fünfzehn mal seine Heimatstadt
besucht und sehr oft war ich auch dabei.
Dabei ergaben sich wunderbare freundschaftliche
Beziehungen. Die allerersten
Touristen aus dieser Reisegruppe, die
ich zu betreuen hatte, waren das Ehepaar
Fabrizius aus Elmshorn. Irmgard
Fabrizius stammt aus dem Dorf Sankt
Lorenz in der nächsten Umgebung von
Rauschen. Leider konnte ich sie 1991,
bei ihrer ersten Wiederbegegnung mit
ihrem Heimatort Sankt Lorenz, nicht
begleiten. Es besteht aber bis heute
Kontakt zwischen dem Ehepaar
Fabrizius und meiner Familie. Diese
Beziehung hat sich mit den Jahren zu
einer echten Freundschaft entwickelt.
Nach zehn Jahren gibt es in fast allen
Teilen Deutschlands Menschen, mit
denen meine Familie freundschaftliche 65