Zum Weihnachtsfest 1999
In Vergessenheit geraten - für
immer vergessen?
Fürchte Dich nicht, du armer Haufe
Israel, ich helfe Dir, spricht der Herr
und Dein Erlöser ist der Heilige
Israels. Jesaja 41, Vers 14.
Sommer 1999: Einweihung des Qutsfriedhofes auf
der Begüterung Albinus in Waldhausen/Fuchsberg,
v.l.: Dolmetscherin, Pfarrer i.R. Klaus Schulz-Sandhof
Liebe Leser!
Wir haben über 50 Jahre des
Friedens und der Freiheit erlebt.
Keiner von uns hat das 1945 für möglich
gehalten. Dann und wann erreichen
mich Anrufe oder Briefe, in
denen mir geschildert wird, was Menschen
in den bitteren Jahren 1945-48
in Ostpreußen unter den Russen und
Polen ausgehalten haben. Noch immer
bestimmen diese Erinnerungen das
Leben vieler Menschen. Die sensationellen
Nachrichten, die uns jetzt aus
dem Kosovo angeboten Werden, verblassen
hinter dem Schicksal dieser
Landsleute. Ihnen gehört unser Respekt.
Wir Christen erleben jedes Weihnachten
nach 1945 deshalb mit dankbarem
Herzen. Das ist mehr als eine
reine Gemütsstimmung. Mit dem Herzen
und mit unserem Glauben hören
wir die Weihnachtsbotschaft. Die Bibel
sagt uns im Buch Jesaja 41 in Vers 8,
daß dem kleinen Haus Israel Gottes
Zuwendung gilt. Die Geschichte Gottes
mit den Menschen und auch mit uns
Ostpreußen ist noch nicht zu Ende
geschrieben.
Mancher unter unseren Landsleuten
rechnet sich zu dem kleinen Haufen der
Verlorenen, dessen Lebenserfahrung
und geschichtliches Urteil in der politischen
und kirchlichen Öffentlichkeit
nicht gehört wird. Er schweigt über
seine Erfahrungen, um nicht als Störenfried
in dieser Gesellschaft angesehen
zu werden: „Erst hat man uns die I
Heimat genommen, jetzt stiehlt man I
uns auch noch unsere Geschichte.“
Diese „zweite“ Vertreibung ist eine bittere
Erfahrung, die jeder von uns
macht, dessen Herz an seiner ostpreußischen
Heimat hängt.
Mit der Weihnachtsbotschaft im
Rücken können wir unseren Blick entschlossen
nach vorn richten. Wir können
mit neuen Anfängen rechnen.
Gottes Erwählung und Zusage gilt
gegenwärtig und sie richtet sich an alle
Glieder seines Volkes. Er will unser
Erlöser sein, uns an die rechte Hand
nehmen und neu ins Leben hineinführen.
Ja, auch wir Ostpreußen werden
uns darüber freuen und wundern.
Auch wenn schwere Schatten über
manchen Leben liegen, so wird das
morgen nichts mehr sein. Gott wird
alle Lasten überwinden, die uns das
Leben sauer machen. Durch unsere
Zugehörigkeit zur Gemeinde Jesu
Christi sind wir Erwählte und gehören
zum Herrn, der Himmel und Erde
gemacht hat. Wir dürfen sicher sein,
daß Gottes Zuwendung den Kleinen
gilt, den Erstlingen. Gott will daraus
eine neue Welt machen. Daran glauben
wir, auch wenn wir das rechtswidrige
Schicksal der Vertreibung nicht
vergessen können.
Wir haben seit dem Weihnachtsfest
1945 immer wieder Gottes Wunder in
der Geschichte erlebt. Zuletzt 1989 bei
der Wiedervereinigung. Warum sollten
wir daran zweifeln. Wir sind mit unserer
Geschichte nicht allein gelassen. Er
will sich unseres kleinen Haufens
annehmen. Darauf können wir auch in
diesem Jahr dankend vertrauen.
Klaus Schulz-Sandhof
Pastor i. R., Vorstandsmitglied der
Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen,
An der Elbe 4-6, 29490 Drethem,
Telefon: (05858) 332
Die Pfarrkirche in Kumehnen -
Sie ist noch zu retten!
In der Ausgabe 11/99 dieser Zeitschrift
stand ein Artikel von Karl Willamowius
aus Braunschweig mit dem
Titel „Die Pfarrkirche in Kumehnen -
Ist sie noch zu retten?“ Ein Urahn des
Autors war dort vor 300 Jahren Pfarrer
gewesen. Der Artikel schildert die
Architektur der spätgotischen Kirche
aus dem 14. Jahrhundert und ihre reichhaltigen
Kunstschätze, von denen heute
nichts mehr übrig ist (nur das Taufbecken
aus der Ordenszeit soll noch in
i einem Garten des Dorfes stehen). Der
Autor zitiert den russischen Archivar A.
Bachtin, der in seinem Buch „Vergessene
Kultur - die Kirchen in Nord-Ostpreußen“
schreibt: „Die Kirche wurde
von der Landwirtschaft als Lagerhalle
genutzt. Der Turm befindet sich in
einem katastrophalen Zustand. Der südwestliche
Anbau ist zerstört. In den
Ostteil des Chores wurde eine qudratische
Toreinfahrt für Lkw gebrochen.
Die Vorhalle im Norden ist abgerissen,
die schöne Tür vermauert... An vielen
Stellen fehlen Dachziegel, der Dach-30
31