Zum 90. Qeburtstag von Qeorg Sehmer
eine Lehre zur „Kolonialwarenverkäuferin"
zu beginnen.
„Danach habe ich aber bei der Eisenbahn
gearbeitet, da gab es viel mehr
Geld", erzählt die 100jährige. „Ich hatte
allerdings erst eine Prüfung zu bestehen.
Ich sollte einen Waggon an eine
Lokomotive ankoppeln." Die Tätigkeit
sei nicht ungefährlich gewesen: „Ich
mußte aufpassen, daß mich die Puffer
des Waggons nicht zerquetschen."
So hat auch ihr inzwischen verstorbener
Mann vor der Verlobung gefordert,
daß sie die Arbeit aufgeben solle.
Kennengelernt hat Erna Warth ihren
Zukünftigen, als er aus dem Krieg wiederkam
und zurück in sein Zimmer wollte,
das die damals 19-jährige inzwischen
gemietet hatte.
Im Jahr 1919 haben die beiden in
Pillau geheiratet. In Begleitung zwölf
offener Kutschen fuhr das Hochzeitspaar
in eine über 70 Jahre dauernde
Ehe.Mit dem Einmarsch der russischen
Truppen endete 1945 das Leben
zwischen Ostpreußen und Berlin. Von
Swinemünde aus flüchtete die Familie
nach Schleswig-Holstein. Über Fischerhude
und Hademarschen kamen die
Warths schließlich vor rund 30 Jahren im
Rentenalter nach Rendsburg, wo das
Ehepaar den gemeinsamen Lebensabend
begann.
„Meine Mutter hat sich durchs
Leben genascht", erzählt die einzige
Tochter, Ursula Selbmann. „Sie hat nie
Sport getrieben und kein Obst und Gemüse
gegessen, dafür immer viel Fisch
und Süßigkeiten." Die 100jährige sei
noch immer kerngesund. Sie bekomme
bisher keine Tabletten und habe sich
von jeder Krankheit immer schnell erholt.
„Sie ist ein regelrechtes Stehaufmännchen",
sagt die Tochter. Heute soll
der Geburtstag gebührend gefeiert werden.
„Bestimmt wird meine Mutter uns
noch ein kleines Ständchen bringen. Sie
kann kein Klavier sehen, ohne zu spielen."
Erna Warth hat ihr Leben lang leidenschaftlich
musiziert. „Leider kann sie
inzwischen schlecht sehen und keine
Noten mehr lesen. Deshalb singen wir
meistens nur noch, am liebsten Berliner
Lieder."
Ursula Selbmann, geb. Warth,
Scharnhorststraße 4, 09130 Chemnitz
Am 12. Januar 2000 kann der
Kreisälteste der Heimatkreisgemeinschaft
Landkreis Königsberg, Georg
Sehmer, seinen 90. Geburtstag feiern.
Landsleute und Weggefährten gratulieren
herzlich und sagen Dank für jahrzehntelange
Einsatzbereitschaft für die
verlorene Heimat und für die Heimatkreisgemeinschaft
in Minden.
Geboren wurde Georg Sehmer auf
dem Gut Carmitten im Samland. Dort
verbrachte er seine Kindheit, und dieses
Mustergut, von seinem Vater vorbildlich
geführt, prägte ihn lebenslang,
obwohl sein beruflicher Werdegang
zunächst eine andere Richtung nahm.
Das Abitur legte er 1930 als Internatsschüler
in Roßleben in Thüringen ab,
um dann in Kiel am Weltwirtschafts-Institut
zu studieren. Erfolgreich schloß
er sein Studium 1933 als Diplom-Volkswirt
ab. Nach einer einjährigen
Miiitärzeit arbeitete er als Praktikant
an einer Bank in England und in einer
Fleischwarenfabrik in Königsberg, eine
Reise nach Mittelamerika erweiterte
seinen Horizont - aber 1937 fiel die
Entscheidung für die Landwirtschaft.
In „Haus Beek“ bei Löhne in Westfalen
lernte er und bestand die Prüfungen
als Landwirt. Doch inzwischen war
das Jahr 1939 herangekommen, Georg
Sehmer wurde als Leutnant eingezogen,
nahm gleich am Polenfeldzug teil,
kam nach Frankreich und blieb sechs
Jahre an der Front. In Gefangenschaft
geriet er nicht, und zwar deshalb, weil
im Ruhrkessel seine Truppe aufgelöst
wurde. Er selbst zog zu Fuß bis in die
Nähe von Magdeburg, wo seine Frau
gelandet war.
WENN SIE EINEN HAUSHALT AUFLOSEN,
DENKEN SIE BITTE DARAN,
WIR BENÖTIGEN ALLES FÜR UNSER MUSEUM,
WAS AN UNSERE VERLORENE HEIMAT ERINNERT.
Das Jahr 1939 hatte Georg Sehmer
neben dem einschneidenden Eintritt in
den Krieg nämlich auch privates Glück
gebracht: am 30. Dezember 1939 heiratete
er Gundel Schäfer, die Tochter
eines Landwirts aus der Altmark. Vier
Kinder gingen aus der Ehe hervor. Die
Landsleute freuen sich, wenn sie in diesem
Jahr zur diamantenen Hochzeit
gratulieren können.
Durch die Vermittlung eines Kriegskameraden
fand Georg Sehmer nach
dem Krieg eine Stellung als Landwirt
bei Wolfenbüttel. Dann verwaltete er
zwei Jahre einen Hof bei Unna in Westfalen,
spezialisierte sich auf den Pflanzenschutz
und war in diesem Aufgabengebiet
in Münster für den Kreis Iserlohn
tätig. Nach einer Pachtzeit im Sauerland
verwaltete er 15 Jahre lang Gut Ruhrfeld
bei Schwerte in Westfalen. Von dort
zog er 1973 nach Scharbeutz in den
wohlverdienten Ruhestand.
Seine Mitwirkung in der Heimatkreisgemeinschaft
Landkreis' Königsberg
geht bis in die frühen sechziger
Jahre zurück. In dem von Dr. Paul
Gusovius herausgegebenen Buch „Der
Landkreis Samland“, das 1966 erschienen
ist, veröffentlichte er bereits einen
Artikel über Carmitten. Das väterliche
Gut wurde mehrmals von ihm zum
Thema für den Samlandbrief gemacht,
die „Carmitter Trachte“ im Heimatmuseum
in Minden ist eine Leihgabe
von Ilse Kosegarten, geb. Sehmer, die
Entstehung und Bedeutung der Carmitter
Tracht beschrieb Georg Sehmer
im Heimatbrief. Auch die letzten Tage
von Carmitten machte er den Lesern in
einem eindringlichen Zeitzeugnis zu-26
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