Pfarrhaus St. Lorenz nach 1920 (Samml. Klemm)
das Küster-Haus stand. Die Grabstätten
auf dem Friedhof waren teilweise alt und
sehr gut gestaltet. In der Literatur wird
besonders die Grabstätte des Gutsbesitzers
von Plinken, Frh. Rudolph von Printz genannt.
Er war Bildhauer und sein Neffe
hat sein Bildnis als Medaillon in Marmor
abgebildet.
Manche Orte hatten als Gutsbezirk bis
1928 einen eigenen Friedhof, so z.B.
Obrotten.
Zur Kirche gehörte seit etwa 1700 eine
zweiklassige Schule. Ein Neubau wurde
1874 errichtet, der 1926 in das uns bekannte
Schulhaus mit 3 Klassen umgebaut
wurde.
Der letzte Gottesdienst in der Kirche
fand an einem Sonntag im März 1945
statt. Hauptlehrer Matthae berichtet, dass
im Februar 1945 in St. Lorenz der Stab
einer Division untergebracht war, die im
Raum Neukuhren-Pobethen kämpfte. Es
wurde ein Divisionsgottesdienst gehalten,
an dem auch die in der Heimat gebliebenen
Dorfbewohner teilnahmen. Die Kirche
wäre sehr voll gewesen.
Als Kantor spielte er die
Orgel zum Gottesdienst, die
somit zum letzten Male erklang.
Am darauf folgenden
Montag wurde die Orgel
durch einen Bombenblindgängerzerstört.
In dieser
Zeit schlug auch eine
Granate den Turm ein.
Am 14. April 1945 wurde
St. Lorenz von der Roten
Armee kampflos eingenommen.
Für die restlichen Einwohner
begann eine schreckliche
Zeit wie in den anderen
Orten auch. Wie viele
andere auch starb die Pfarrwitwe
Siebert und hinterließ zwei kleine
Kinder, die bis zur Vertreibung von
Verwandten aufgenommen und betreut
wurden.
Durch die kampflose Einnahme von
St. Lorenz hatte auch die Kirche keinen
weiteren Schaden genommen. Die Sowjets
nutzten das Kirchenschiff zur Lagerung
von landwirtschaftlichen Geräten
der Kolchose. Dafür wurde in den Westgiebel
eine große Öffnung gebrochen.
Bei meinem ersten Besuch 1991 waren
noch beide Giebel erhalten; vom
Dach war nur noch das Gebälk vorhanden
und der Turm war bis auf etwa halbe
Höhe abgetragen. Auf einer Ecke des
Turms befand sich ein besetztes
Storchennest. 1993 fehlte das Dachgebälk
und der Turm war etwas niedriger
geworden. In diesem Jahr soll noch
der Westgiebel eingestürzt sein. Im Sommer
2004 ist nur noch der Stumpf des
Turmes, aber immer noch mit Storchennest,
und der Ostgiebel vorhanden. An
die Außenseite des Giebels hat ein Bewohner
einen baufälligen Schuppen angebaut
und verhindert wohl damit den
Abbruch.
Zum Gedenken an die Toten von St.
Lorenz haben die Töchter der Familie
Heise 2002 an der Innenwand der Kirche
ein Blumengebinde mit Schleife angebracht
(siehe Foto auf Seite 37).
Bis 1929 war Rauschen in diese Kirchengemeinde
eingebunden, auch wenn
seit dem Bau der Kirche im Jahre 1907
dort schon eigene Gottesdienste mit Gastpfarrem
gefeiert wurden. Über die Entstehung
und Entwicklung der Kirchengemeinde
in Rauschen werde ich im
nächsten Heimatbrief berichten.
Mit den besten Wünschen für eine
schöne Sommerzeit verbleiben mit heimatlichen
Grüßen
Euer Hans-Georg Klemm
Sudetenstr. 11
91080 Uttenreuth
Tel.: 09131-58489
und in alter Verbundenheit
auch Eure Dorle Billjött
Anmerkungen
1 Oskar Schlicht: Das westliche Samland Bd. 2 (ND), Seite 123
2 Walter Dignath/Herbert Ziesmann: Die Kirchen im Samland, Seite 206, Leer 1987
3 Adolf Boetticher: Die Bau- und Kunstdenkmäler der Provinz Ostpreußen, Heft 1: Das Samland (ND),
Seite 82
4 Walter Dignath/Herbert Ziesmann: Die Kirchen im Samland, Seite 206, Leer 1987
5 Alfred Matthae: Bemsteingebete in der Kirche zu St. Lorenz, Hbr. 49. Folge
Report aus Cranz/Selenogradsk 11/2005
Unsere
erste Fahrt in die Heimat in
diesem Jahr Mitte Januar fand unter
teilweise winterlichen Verhältnissen statt,
obwohl der richtige ostpreußische Winter
doch nicht Einzug hielt. Die Temperaturen
bewegten sich meist nur nachts
bis minus 10° C. Bei unserer zweiten
Fahrt (über Ostern) sah es kaum anders
aus. Zwar schien fast immer die Sonne,
doch es wehte ein scharfer und eisiger
Nordostwind.
Die im Herbst großflächig überschwemmten
Wiesen und Äcker hatten
sich in riesige Eisflächen verwandelt, die
so nach und nach bei den etwas ansteigenden
Tagestemperaturen riesige Seen
bildeten. Zwischen Bledau und Cranz
konnte man fast sagen: „Land unter!“ Es
hatte den Anschein, als ob sich das Haff
wieder seine ehemalige Fläche bis zur
Bahnlinie nach Königsberg einverleiben
wollte.
Ganz anders sah es nach den Neuwahlen
und Stichwahlen in der politischen
Landschaft aus. In Cranz/Selenogradsk
war, wie ich schon berichtete, die alte
Führungsspitze abgewählt, das Umfeld
jedoch nur teilweise ausgetauscht worden.
Negativ macht sich natürlich bemerkbar,
dass verschiedene Posten mit
Leuten besetzt wurden, die nicht aus der
Stadt stammen und dadurch, mangels
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