Full text : Unser Schönes Samland

sagte der Weihnachtsmann, „seid ihr
denn ganz allein heute am Heiligen
Abend?““—“„Oh“, sagte das Altchen,
„ist es denn schon soweit? Oh Herr, uns
ist das Öl für die Lampe ausgegangen,
der Kienspan ist zugestiemt, uns leuchtete
 nur das Herdfeuer, somit hatten wir
es fast Tag und Nacht dunkel. Ich konnte
 die Stunden nicht mehr so genau
zählen. So wußten wir nicht, ob bereits
heute oder erst morgen Weihnachten
ist. Aber nun, da Ihr hier seid, wird es
wohl so sein.“
Ohne Umschweife machte sie sich
jetzt an der Ofenröhre zu schaffen.
Johanna stellte Teller auf den Tisch,
und sie luden den freundlichen Herrn
zum Abendbrot ein. Der Duft, es waren
wirklich Bratkartoffeln, ließ ihn wankelmütig
 werden, und er dachte bei
sich: Einmal ist keinmal! Gewiß, es sei
kein Weihnachtsessen, wie es andere in
diesen Tagen zu sich nehmen, meinte
das Altchen, aber es mundete allen
ganz köstlich.

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Danach ging er zu seinem Schlitten
und kramte lange in Schachteln und
Säcken und kam mit einer Schlafaugenpuppe
 mit Lockenhaar und Lackschuhen
 wieder. Dazu brachte er Hausschuhe,
 Lampenoel, Schals und Mäntel.
Über seiner Schulter hingen Säckchen
mit weißem Kuchenmehl, Zucker, Rosinen,
 Grütze, Pfefferkuchen und einem
ganzen Brot. Dann gebrauchte er noch
einmal seine Himmelsmacht, und daraufhin
 stand draußen ein Stall mit zwei
milchgebenden Ziegen - und Futter

dazu.
Oma Markinat wollte es nicht glauben.
 Das konnte doch nicht mit rechten
Dingen zugehen! Sollte das der liebe
Gott womöglich selber sein? Aber der
Weihnachtsmann schmunzelte nur und
sagte, daß dies nicht so sei, ihre
Gedanken aber richtig seien und zu
ihm dort oben führten, denn von ihm

komme alles.
Als er dann weiter durch den tief
verschneiten Tannenwald fuhr, tief herabhängende
 und schneebeladene Äste
ihre weiße Pracht wie Puderzucker über
ihn stäubten, da lachte er laut in seinen
Bart hinein: Hoho, hahaha! Dieser
Besuch war auch für ihn ein ganz
besonderes Erlebnis gewesen. Oma
Markinat und Johanna aber begannen
jetzt erst richtig zu begreifen, was
geschehen war, und sich an den Gaben
zu erfreuen, und dabei spürten sie, daß
Gottes Segen sie umfing.

Eva Pultke-Sradnick,
Benzstraße 45, 73614 Schorndorf,
Telefon/Fax: 0 7181-6 28 43

„Oh selig, oh selig ein Kind noch zu sein!"

Endlich ist es also soweit - der von
allen Kindern lang’ ersehnte Tag - der
heilige Abend - ist angebrochen. Alle
sind beschäftigt: Vater im Laden durch
die letzten Kleckerkunden, wie er sagt;
zwischendurch bringt er Weihnachtsgeschenke
 und Süßigkeiten für die
bunten Teller zu den Familien von
Hans, Manfred und Trudchen. Mutter,
Hildchen und Christel wirtschaften in
der Küche während wir, Heinz und
ich, uns, wie Mutter sagt, von der
Ungeduld plagen lassen! Also: „Geht
raus und spielt, aber passt auf, dass ihr
bis mittags nicht wieder voll Schnee
und nachher durch nass seid!“ Als
Mittagessen gibt es nur einen Teller
Klunkermus (Mehlklöße in Milch
gekocht).
Danach verschwindet Mutter in
der Wohnstube, es ist der einzige Tag
im ganzen Jahr an dem sie die Türen
hinter sich zu schließt! Wir versuchen
durch die Schlüssellöcher zu erspähen
was da drinnen geschieht - aber is’
nicht - die Schlüssel stecken so, dass
nichts zu sehen ist!
Um fünf Uhr, draußen ist es dunkel
geworden, haben Christel und Hildchen
 in der Küche für uns alle den
Tisch zum Abendbrot gedeckt. Walter
hat über Weihnachten Urlaub, er ist
bei sich zu Hause, in der Gegend von
Gerdauen. Wie in jedem Jahr gibt es
am heiligen Abend bei uns Kartoffelsalat
 und Würstchen. Nicht gerade
mein Leibgericht, aber um die Weihnachtsstimmung
 nicht zu verderben
esse ich meine, von Hildchen mir zugeteilte,
 Portion und ein Würstchen.
Heinz würde gern auch vier Würstchen

 verdrücken aber mehr als drei
gibt es nicht! Nach dem Essen
waschen Christel und Hildchen in der
Küche ab. Heinz und ich gehen nach
oben in unsere Stube und ziehen unsere
 Sonntagssachen an; bei mir ist es
der Matrosenanzug. Heinz möchte am
liebsten seine Uniform anziehen, aber
Vater sagte ihm schon beim Essen:
„Zu Weihnachten passt das nicht,
nimm man heute deinen guten
Schulanzug!“
Nach einer, für mich unendlich langen,
 Stunde sind wir wieder, jetzt alle
festlich gekleidet, in der Küche. Nur
Vater richtet im Laden auf dem großen
 Tablett was zum Trinken für den
heiligen Abend her. Wir warten, dass
Mutter endlich mit der, von Heinz
extra blank geputzten, kleinen Schlittenklingel
 das Zeichen zum Eintreten
in die Wohnstube gibt! Statt dessen -
ein Poltern mit Klingelgeläut an der
Ladentür! Vater öffnet zunächst die
Tür von der Küche zum Laden und
winkt uns zu sich heran. Dann erscheint,
 nachdem er auch die große
Ladentür geöffnet hat, der leibhaftige
Weihnachtsmann: Eine graue Pelzmütze
 auf dem Kopf. Ein weißer Bart
bedeckt das ganze Gesicht und der
langhaarige helle Pelzmantel reicht bis
zu den schneebehafteten Stiefeln.
Während er mit einer Hand die Rute,
eine Art Strauchbesen, in bedrohlicher
 Haltung gegen uns richtet läßt
er mit der anderen den Sack unsanft
vom Buckel auf den Boden fallen.
Dabei spricht er mein Weihnachtsgedicht!
 „Oh je - was er wohl sagen wird
wenn ich ein Gedicht aufsagen soll