Full text : Unser Schönes Samland

Liebe Regehner Heimatfreunde

I

einschließlich der Ortsteile Watzum,
Kalthof und Tolklauken,

zunächst möchte ich alle Heimatbriefleser
 um ihre Aufmerksamkeit bitten.
 Bei der Darstellung der Fundstellen
 aus der Vorzeit im Heimatbrief,
Folge 147, sind auf den Seiten 71 und
72 die Bedeutung der Signaturen irrtümlich
 unvollständig abgedruckt worden.
 Ich bitte, das zu entschuldigen.
Berichtigen/ergänzen Sie daher die
Seiten Ihres Heimatbriefes, indem Sie
die vollständig dargestellten Beschreibungen
 ausschneiden und an entsprechender
 Stelle überkleben. Sie befinden
 sich auf der rückwärtigen Titelseite
dieser Ausgabe.
„Wenn einer eine Reise tut“, so
heißt es in einem alten Sprichwort,
„dann kann er was erzählen!“
Einige von Ihnen waren zu unserem
alljährlichen Pinneberger Treffen wieder
 angereist und es gab, wie immer,
viel zu erzählen. Man sammelt wieder
neue Eindrücke und es entwickeln sich
viele Gespräche, meistens über Vergangenes.
 Dabei entstehen dann manchmal
auch neue Ideen für unsere zukünftige
Heimatarbeit, die sich nicht immer ganz
einfach gestaltet, so ist mein persönlicher
 Eindruck. Trotz allem wollen wir
zuversichtlich in die Zukunft blicken.
Danke, daß Sie gekommen sind!
In den letzten beiden Ausgaben
unseres Heimatbriefes hat Hans-Georg
Klemm sehr anschaulich und mit viel
Hintergrundwissen über unsere Samlandbahn
 berichtet. Hieran möchte ich
nun anknüpfen und ein wenig unseren
Bahnhof in Erinnerung bringen - und

Ihnen nach dem eingangs erwähnten
Sprichwort „was erzählen.“
Damals, in der ersten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts, als Motorfahrzeuge
 noch selten waren, gab es das
vielfältige Angebot an Reisemöglichkeiten
 natürlich noch nicht. Man konnte
 es sich sowieso gar nicht leisten.
Immerhin gab es aber schon die gute
alte Eisenbahn und den dazugehörigen
Omnibusverkehr als Zubringerdienst.
Wenn man also „verreisen“ wollte,
mußte man erstmal zum nächstgelegenen
 Bahnhof. Und das war für unser
großes Einzugsgebiet der Bahnhof
Watzum-Pobethen. Der Bahnhof selbst
mit seinen Gebäuden war verhältnismäßig
 großzügig angelegt. Neben dem
Hauptgleis waren ein Überhol/Ausweichgleis
 sowie zwei Nebenanschlüsse
vorhanden. Während der eine zur Verladerampe
 führte, ging der andere in
entgegengesetzter Richtung zur Anund
 Verkaufsgenossenschaft. Die Signal-
 und Weichenstellanlage wurde vom
Stellwerkhaus bedient. Während die
Vorrichtung zum Bedienen der Schranken
 einige Meter vor dem Stellwerksgebäude
 installiert war.
Arno Kirschke war der Bahnhofsvorsteher,
 sein Stellvertreter war Otto
Hinz. Helmut Kirschke versah die
Bahnhofsgaststätte. Der Omnibus hatte
seinen Standort in Pobethen. Er fuhr
von dort aus über die Ortschaften nach
Grünhoff und brachte die Fahrgäste
dann zum Bahnhof nach Watzum. Der
Fahrer war Flerr Gehrmann, und er

wohnte in Pobethen.
Sofern die Zeit es erlaubte waren
wir, die 10 bis 14jährigen Jungs am

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Bahnhof und haben uns dort nützlich
gemacht. Wir durften z.B. die Schranken
 bedienen, im Güterschuppen
Waren zuordnen, sortieren und bei
Bedarf auch ausgeben. Das Stellwerk
war allerdings tabu für uns. Den Bus
haben wir gewaschen wie die Weltmeister.
 Als Belohnung und mit Zustimmung
 von Herrn Gehrmann durften
 wir ihn ab und zu mal alleine -
etwa 100 m - bis zur Verladerampe
fahren. Natürlich unter Aufsicht. Das
war ein unbeschreibliches Glücksgefühl.
 Als Herr Gehrmann einmal verhindert
 war, wurde ein jüngerer Ersatzfahrer
 eingesetzt. Dieser hat uns der
Reihe nach erst mal ausgefragt. Alles
op Platt natürlich. „Wie heetst, wat
mokt dien Voder, wievel Geschwister
hest, hest ok e grot Schwester, wie old
best all?“ Als er mit uns allen fertig war,
simulierte er eine Weile und meinte
dann: „ Denn wat hier wohl emma
vel.J“ Die Originalworte möchte ich
Ihnen hier lieber ersparen. Sinngemäß
meinte er aber, daß unsere Eltern sich
in dieser Gegend wohl immer sehr lieb
haben, wohl wegen der vielen Kinderchen.
 Wir Jungs haben uns erstmal
ganz ernsthaft angeguckt und darauf
dann zustimmend genickt. Was sollten
wir auch sonst tun? Er meinte wohl, wir
wären noch eih bißchen hinterm
Mond. Irrtum!
Mein Bruder Richard und ich sind
noch eine Zeit lang - bis er Soldat
wurde - gemeinsam mit der Samlandbahn
 nach Königsberg gefahren. Der
Zug fuhr morgens um 6.28 Uhr ab. Etwa
100 m vor der Station, am Watzumer
Bahnhofsberg, machte die Hauptstraße

eine scharfe Linkskurve. Manchmal,
wenn wir noch viele Fahrteilnehmer
hinter uns sahen, fingen wir wie wild an
zu laufen, aber nur, bis wir hinter der
Kurve ihren Blicken entschwunden
waren. Oh je, das war ein Rennen hinter
 uns! „Erbarmung!“, denn keiner
wollte doch den Zug verpassen. - Ich
werd’s auch nicht mehr wieder tun!
Entschuldigung!
So verbindet uns manch heitere,
aber auch ernsthafte Erinnerung an
unseren schönen Bahnhof und seine
Menschen. Heutzutage gibt es ihn nicht
mehr. Sehr viele Schicksale haben von
hier aus ihren Lauf genommen. Es sieht
dort jetzt so unwirklich aus und man
hat das Gefühl, als wäre man amputiert
worden und hat dadurch seine Identität
verloren. Das schmerzt uns alle sehr.
Und eine plausible Antwort darauf
kann man nicht finden.
Einige nachhaltige Erlebnisse, die
auch unseren Bahnhof betreffen, möchte
 ich Ihnen auszugsweise aus der
Odyssee anfügen, die Klaus Graf von
Lehndorff, in seinen Tagebuchaufzeichnungen
 in der Zeit vom 9. bis 24.
April 1945 niedergeschrieben hat.
(Letzte Tage in Ostpreußen, Seite 144 -
186)

„Bald geht es wieder weiter, noch ein
Stück geradeaus bis zur Straße nach
Rauschen und auf dieser in entgegengesetzter
 Richtung auf den Ort Watzum zu,
den ich schon einmal passiert habe......
In dem langgestreckten Ort Watzum
herrscht ein wildes Treiben. Die Häuser
sind zerschossen, die Ruinen mit Russen
besetzt, einige brennen noch. Nach vielen
vergeblichen Versuchen, für unseren 79