Full text : Unser Schönes Samland

Drebnau

Es begann 1947 und endete 1999.

Den schrecklichen Hungerwinter
1946/47 hatten wir, bis auf Haut und
Knochen abgemagert, überstanden. Nun
hofften wir weiterleben zu dürfen, denn
die Natur schenkte uns viel Grünes
womit wir unsere Rübenschnitzel, die
wir über Winter gegessen hatten, verfeinern
 konnten. Außerdem gab es Brennnesseln,
 Melde und verschiedene
Beeren.
Zur Erntezeit wurden wir dann von
den Russen auf der Kolchose Gr. Drebnau
 zur Arbeit eingeteilt. Einerseits
waren wir froh, bekamen wir doch täglich
 wieder eine warme Suppe und Brot,
aber wie sollten wir, vom Winter entkräftet,
 die schwere Landarbeit schaffen?
 Darum waren wir angenehm überrascht,
 daß der russische Brigadier immer
 wieder Rücksicht auf uns nahm und
uns Arbeit zuteilte, die meine Mutter
und ich zunächst schaffen konnten.
Eines Tages rief der Brigadier mich
zu sich, und was ich da hören sollte hat
mich sehr erstaunt und gleichzeitig
erfreut. Ab sofort bekam ich 600 g Brot
pro Tag. Den Grund kenne ich bis heute
nicht. Der Neid unter den deutschen
Mitarbeitern war groß, das Getuschel
hinter meinem Rücken noch größer. Es
störte mich nicht, denn es gab keinen
Grund dafür. Jeder an meiner Stelle
hätte die 200 g Brot mehr pro Tag
genommen, denn der Hunger war groß.
Allmählich kam ich wieder zu
Kräften und wurde im Herbst zur
Kartoffelernte eingesetzt. Den ganzen
Tag mußten wir hinter dem Kartoffelruffer
 die ausgeworfenen Kartoffeln einsammeln,
 die dann am Abend per
Pferdewagen abgeholt wurden.

Eines Abends, als ich auf den Wagen
wartete, zog plötzlich dicker Nebel auf,
so daß man nur wenige Meter sehen
konnte. Das brachte mich auf die Idee,
eine Extraportion Kartoffeln unter dem
Gurtband meiner Jacke zu verstecken,
denn bei dem Wetter würde der als
Aufseher für sämtliche Kolchosen zuständige
 Pole sicher nicht auftauchen.
Doch es kam anders als ich dachte,
denn schon hörte ich die Stimme unseres
 „Alten“ - so wurde der Brigadier von
uns genannt - : „Katja, wo bist Du?“
Nun würde das Unglück seinen Lauf
nehmen, so dachte ich, denn mit sicherem
 Blick war mein ,Kartoffelversteck1
entdeckt. „Katja, was Du Kartoschki
zappzarapp?“ ertönte seine Stimme.
Leugnen nützte nichts und so versuchte
ich es mit einer Erklärung. Tag für Tag
die Arbeit hinter der Maschine macht
nicht nur müde sondern auch hungrig.
Ich wollte einmal Kartoffeln satt essen.
Was dann folgte wundert mich heute
noch, als dieser russische Brigadier zu
mir sagte: „Katja, nicht so! Nimm
Kartoffeln in den Korb und bringe sie in
die Wiese neben dem Kartoffelacker.
Und wenn Du nach Hause gehst, gehe
außen herum um die Häuser und esse
genug Kartoffeln!“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen
und brachte den Korb mit Inhalt sofort
in Sicherheit. Nachdem nun die
Tagesernte aufgeladen war, machte ich
mich auf die Suche nach meinem Korb.
Es war schwierig, aber nicht zu schwierig,
 den Korb im dichten Nebel in der
inzwischen fast dunklen Nacht zu finden.
 Auf allen Vieren robbte ich durch
das hohe Gras und mußte dabei noch

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ein unfreiwilliges Vollbad nehmen.
Stehlen war aufregend, trotz Hunger.
Glücklich schlich ich mit dem wiedergefundenen
 Korb um die Häuser. Vor dem
Haus, in dem wir damals wohnten, versteckte
 ich den Korb nochmals im
hohen Kraut, um nachzusehen ob mich
keiner gesehen hatte. Alles verlief gut,
meine Mutter kochte die Kartoffeln
sofort, und an diesem Abend gab es für
uns etwas ganz Besonderes: Kartoffeln
mit Salz zum Sattessen!
Neben dem Brigadier gab es noch
einen Russen namens Nicolay. Er war
ein sehr angenehmer und ruhiger
Mensch und zur Unterstützung des
Brigadiers eingesetzt.
Eines Tages, als es bereits die ersten
Nachtfröste gab, waren wir mit mehreren
 Frauen damit beschäftigt, die bereits
mit Stroh abgedeckten Kartoffelmieten
zusätzlich mit Erde zu bedecken. Als wir
bis zum Feierabend noch nicht fertig
waren, bat Nicolay drei Frauen und
mich, die Arbeit zu beenden. Dafür sollten
 wir uns ein paar kleine Kartoffeln
mitnehmen. Worauf ich antwortete:
„Jetzt nehmen wir Kartoffeln und wenn
wir nach Hause gehen steht hinter der
Hecke der polnische Aufseher und
bestraft uns.“ Aber Nicolay antwortete:
„Nix Pollack!“ Doch meine Befürchtung
trat ein. Als wir heimgehen wollten,
stand plötzlich der Pole hinter der
Hecke. Meine Erklärungen nützten
nichts und über mir sah ich bereits den
Gummiknüppel, als Nicolay plötzlich
querfeldein erschien und die Situation
in letzter Sekunde rettete. Wir setzten
unseren Heimweg mit den verdienten
Kartoffeln fort und hörten noch eine

Weile die Auseinandersetzung zwischen
beiden. Mit dieser Entscheidung hatte
Nicolay nicht nur uns vor ziemlichen
Unannehmlichkeiten gerettet, sondern
auch sich in große Gefahr gebracht.
Aber alles ging gut und so gab es bei
unserer Ausweisung, nach den harten
Jahren bis 1947, Tränen bei einigen
Russen.
Soviel zu 1947 in Drebnau; es ist
lange her.
Als nun ab 1991 die Grenzen für
Reisen nach Nordostpreußen geöffnet
wurden, machte auch ich mich auf den
Weg nach Hause. Die Fahrt mit dem
Bus war eine einzige Strapaze, aber die
Vorfreude war größer. Mein erster Weg
führte mich nach Drebnau, wo ich überraschender
 Weise eine Russin antraf,
mit der ich in der schweren Zeit 1947
ein gutes Verhältnis hatte. Sie hätte mich
vor Freude fast erdrückt. Was ich bei
diesem Wiedersehen nicht erfuhr, sollte
ich erst von meinem Schulfreund Walter
F. erfahren, als der von seiner Reise aus
Drebnau zurück kam. Nicolay, unser
Beschützer von damals, lebt ebenfalls in
Drebnau und ist mit der mir befreundeten
 Russin verheiratet. All das war bei
meinem ersten Besuch nach fast 45
Jahren, in denen wir uns alle verändert
haben, untergegangen.
Nun fuhr ich wieder nach Ostpreußen,
 um den Mann zu treffen, der
sich in der schweren Zeit für uns eingesetzt
 hatte. Es gab ein freudiges Wiedersehen
 und Nicolay freute sich auf seine
Weise. Er ging in ein Nebenzimmer und
kam schick angezogen wieder zu uns.
Und nun kam ich aus dem Staunen
nicht heraus. Nicolay kannte noch den 37