„Monopol“ sollte der Gottesdienst
stattfinden. Die Kirche war Pferdestall.
Viele kamen, um in ihrer Not Zuspruch,
Kraft und Halt im Wort Gottes
zu finden. Meine Mutter war auch
unter den Gottesdienstbesuchern. Betrunkene
russische Soldaten bedrohten
Pfarrer Jänicke und die Teilnehmer
mit ihren Waffen und trieben sie auseinander.
Es brach Panik aus. Verstört
und verängsigt kam meine Mutter nach
Hause. Dieses war der letzte Gottesdienst
nach dem Kriege in Cranz.
Am 24. Februar 2000 konnte ich,
gemeinsam mit Propst Wolfram aus
Königsberg/Kaliningrad, wieder einen
evangelischen Gottesdienst in Cranz
halten. Dieses war für mich ein bewegendes
Ereignis. Wir trafen uns mit 15
Personen in der Wohnstube einer vor
einem Jahr nach Cranz, heute Selenogradsk,
zugezogenen rußlanddeutschen
Familie. Familie Kistner ist, wie viele
andere rußlanddeutsche Familien aus
Kasachstan in das frühere Nordostpreußen,
der heutigen Oblast (Gebiet)
Kaliningrad umgesiedelt. Sie baten um
regelmäßige Gottesdienste und luden
die in Cranz und Umgebung lebenden
Rußlanddeutschen ein. Ihr kleines
Haus steht unweit der Kirche. Die
Cranzer Kirche ist eine der ganz wenigen,
erhaltenen Kirchen in Nordostpreußen.
Trotzdem können die Evangelischen
Gemeinden sie nicht nutzen.
Lange war sie Turnhalle. Inzwischen
wurde sie der Russisch-Orthodoxen
Kirche übergeben. Zwar prangt auf
dem Kirchturm ein vergoldetes, orthodoxes
Kreuz mit schrägstehendem
unteren Querbalken, genutzt wird sie
aber offensichtlich nicht. Unter den
Gottesdienstbesuchern war verständlicherweise
kein ehemaliger Ostpreuße.
Ich war der einzige.
Als Predigttext hatte ich Jesaja 43,
18-19 gewählt: „Gedenket nicht an das
Frühere und achtet nicht auf das
Vorige. Denn siehe, ich will ein Neues
schaffen“. So war mir ein Rückblick
ohne Zorn trotz schmerzlicher Erinnerungen
möglich, und ich konnte
Mut zur Hoffnung machen, im Blick
auf das Neue, das Gott beginnen will.
Das Neue hat begonnen. Zwar noch
nicht in wirtschaftlicher und sozialer
Hinsicht. Not und Armut sind groß.
Industrie und Landwirtschaft liegen
brach. Die Umsiedler aus Mittelasien
und Sibirien kommen oft mittellos
an und wollen sich hier eine neue
Existenz aufbauen. Aber sie haben aufgrund
der hohen Arbeitslosigkeit und
einer schwerfälligen, hemmenden Bürokratie
sowie gängiger Korruption kaum
Erwerbsmöglichkeiten. Hoffnungsvolle
Perspektiven sind nicht zu erkennen.
So kann ich mich im Blick auf die heutige
Situation der Aussage von Bischof
Johannes Jänicke nicht anschließen.
Aber nach fast 50jähriger atheistischer
Herrschaft ist kirchliche Arbeit
wieder möglich. 1990 wurde die erste
Evangelisch-lutherische Gemeinde in
Königsberg gegründet. Inzwischen hat
sie mehrere hundert Mitglieder und ein
schönes, eindrucksvolles Gemeindezentrum.
Neben der Königsberger Gemeinde
gibt es 36 weitere, davon drei im
Samland: Cranz/Selenogradsk, Schaaken/Nekrassewo
und Uggehnen/Matrosowo.
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Da vermehrt Rußlanddeutsche sich
in Nordostpreußen ansiedeln, besteht
verstärkt der Wunsch, neue Gemeinden
zu gründen. Vermehrt besuchen auch
russische Bewohner unsere Gottesdienste,
zumal viele Familien nationale
Mischfamilien sind. So werden die Gottesdienste
immer zweisprachig gehalten.
Viele Rußlanddeutsche beherrschen
nur noch sehr begrenzt oder gar nicht
mehr die deutsche Sprache. Auch verschiedene
Freikirchen sind in unserem
Gebiet aktiv. Wo christliche Gemeinde
lebt, können von veränderten Menschen
auch Veränderungen ausgehen. Das ist
meine Hoffnung auf einen neuen
Anfang für das frühere Nordostpreußen,
die heutige Oblast Kaliningrad.
Auch während der Kriegsjahre
ließen wir Königsberger uns eine Fahrt
nach Cranz, an die „große Badewanne“,
nicht vermiesen. An einem schönen
Sonntag ging es mit der Cranzer
Bahn an die See. Am Nordbahnhof
wurden meine Mutter, Großmutter,
Tante und ich von meinem Vater auf
dem Bahnsteig verabschiedet.
Als sich dann die gute 38er Lok
dampfend und schnaubend in Bewegung
setzte, startete mein Vater mit
seiner blauen Diamant-Rennmaschine
ebenfalls nach Cranz.
Auf dem Bahnhof Groß Raum im
Fritzener Forst mußten wir halten und
auf den Gegenzug warten. Hier stiegen
Schließlich ein paar Worte zu meiner
Person. Ich bin 1934 in Cranz
geboren und habe meine Kindheit
dort bis 1947 verlebt. Nach über 40
Jahren im kirchlichen Dienst, von
1959 bis 1991 in der ehemaligen
DDR, habe ich mich nach meinem
Eintritt in den Ruhestand zur Mitarbeit
in der Propstei Kaliningrad der
Evangelisch-lutherischen Kirche in
Rußland und anderen Staaten
(ELKRAS) bereit erklärt und arbeite
für begrenzte Zeit ehrenamtlich als
Pastor hier mit.
Alfred Scherlies,
Herderstraße 3, 34246 Vellmar,
Telefon: 05 61-82 48 30
„Hamburger Spickbraten" —
die Pilzsammler aus und wir dampften
nach passieren des Gegenzuges weiter.
Groß war die Freude, als der Vater uns
in Cranz bereits am Bahnsteig erwartete.
Er hatte also die Zugfahrzeit von ca.
45 Minuten auf den 32 Kilometern
Landstraße mit seiner Rennmaschine
knapp unterboten. Das war eine Durchschnittsgeschwindigkeit
von 42,7 km/h.
Leider war es an diesem Tag zum
Baden schon zu kühl und so promenierten
wir den Corso rauf und runter,
an teils geschlossenen und teils zu Lazaretten
umgewandelten Hotels vorbei.
Da die Seeluft bekanntlich hungrig
macht, suchten wir nach einer geöffneten
Gaststätte und fanden in Richtung 33