Full text : Unser Schönes Samland

Stuhl ist verrottet, die Nordwand des
Chores zerfällt.“
Dennoch gehört die Kirche von Kumehnen
 zu den ganz wenigen Kirchen
im Samland, bei denen ein Wiederaufbau
 im Moment noch möglich wäre.
Mittlerweile bestehen vielleicht sogar
 gute Chancen, daß dieses einzigartige
 mittelalterliche Baudenkmal gerettet
 wird. Warum das so ist und was zu
tun ist, möchte ich im folgenden schildern.

Ich selber bin 1939 in Königsberg
geboren. Mein bisheriges Leben litt ich
darunter, ein Mensch ohne real existierende
 Heimat zu sein. Als ich 1997 zum
ersten Mal seit Kriegsende wieder ostpreußischen
 Boden betrat, entdeckte
ich, daß meine Vergangenheit und die
meiner Familie ja tatsächlich real existierte,
 mit Händen anzufassen war.
Deutlich spürte ich dies auch, als ich
die Kirche in Kumehnen sah, in der
mein Urgroßvater Carl E. Lade vor 100
Jahren Pfarrer war. Gleichzeitig sah ich
- auch am Beispiel dieser Kirche - wie
die Menschen, die heute dort wohnen,
das Erbe, das sie dort übernommen
haben, bisher nicht respektieren. Daß
es ihnen materiell, aber offensichtlich
auch geistig spirituell schlecht geht,
steht für mich damit in einem Zusammenhang.

In seinem Buch „Fernes nahes Land.
Begegnungen in Ostpreußen“ druckt K.
Bednarz ein Interview mit Prof. Gilmanow
 von der Universität Kaliningrad
ab. Bednarz fragt dort Gilmanow, wie er
es sich erkläre, daß das Königsberger
Gebiet heute einen so heruntergekommenen
 Eindruck mache.

Ich möchte Gilmanows Antwort auf
diese Frage etwas ausführlicher zitieren,
weil sie genau das wiedergibt, was ich
empfinde angesichts des Zustands der
Kumehner Kirche:
„Natürlich gibt es Antworten, die
gleichermaßen auf der Hand liegen, vordergründige
 Antworten. Antworten
etwa, die ganz pragmatisch auf die ökonomischen
 Probleme verweisen oder
auf politische. Ich meine aber, man muß
tiefer gehen. Man muß in die Erklärungsversuche
 auch metaphysische Begriffe
 einführen wie Energie der Liebe
und Gefühl der Zugehörigkeit. (...) Sehen
Sie, alles, was von der Sonne der Liebe, der
Wärme, der Fürsorge beschienen wird\
erlangt Lebensfähigkeit und lebt. Und das,
was dieser Energien beraubt ist, gerät in der
Regel unter die schwarze Wolke des Todes.“'
Das trostlose Bild, das man jetzt in
unserem Land sieht, erklärt sich zu
einem großen Teil aus dem Fehlen des
Gefühls der geistig-kulturellen Zugehörigkeit
 zu diesem Raum. Denjenigen,
die nach dem Krieg in dieses Land
kamen, fanden hier nicht nur zerstörte
Städte und Dörfer vor, sondern auch
durchaus gepflegte Felder und eine
hoch entwickelte Landwirtschaft, auch
die meisten Dorfkirchen, oft wertvolle
Baudenkmäler aus der Ordenszeit, hatten
 den Krieg unversehrt überlebt. Aber
all das wurde nicht bewahrt, sondern
vergeudet, zerstört. Es wurde nicht
begriffen als Wert, der für das weitere
Leben dieser Region von Bedeutung ist.
Die Nachkriegsgeschichte des Könisgberger
Gebiets, so scheint mir, stand unter dem

1 Hervorhebung durch mich, F.F.

massiven Druck einer alles beherrschenden
Energie des Todes und der Zerstörung. '

Jetzt kommen andere Zeiten - Zeiten,
 in denen man seine Beziehungen zu
der hier seit Jahrhunderten gewachsenen
 Kultur neu überdenkt. Man versucht,
 direkt oder indirekt die Sinnzusammenhänge
 zu entdecken, die Außergewöhnlichkeit
 und die in die Zukunft
weisenden Perspektiven dieses Phänomens
 Ostpreußen. Und deshalb sind
nach meiner Überzeugung die rein wirtschaftlichen
 und politischen Überlegungen,
 wie die Situation des Landes verbessert
 werden könnte, eher sekundär.
Entscheidend ist, wie die innere Einstellung
 der Menschen zu diesem Lande
ist, in dem sie leben. Es ist an der Zeit,
daß sich die Menschen mit diesem
Land identifizieren, daß sie ihr Schicksal
 begreifen als Teil des Schicksals der
ganzen Region. Sie müssen begreifen,
daß die unmittelbarste Beziehung dieser
Region nicht nur die Beziehung zu
Rußland ist, sondern zu Rußland und
Deutschland.
„Ich bin davon überzeugt, daß jede
Region, jedes Land seine eigene historische
 Logik besitzt. Eine Logik, die
sich jeweils in ganz konkreten Formen
manifestiert. Die Logik dieser Region,
das habe ich begriffen, kann nur die
Logik einer grundsätzlichen Aussöhnung
 und einer gemeinsamen Verantwortung
 von Russen und Deutschen
sein. Davon hängt entscheidend die
Zukunft dieser Region ab. Mit dieser
Region sind die ganz konkreten und
lebendigen Schicksale von Menschen
verknüpft - von den Menschen, die

früher hier gelebt haben, und denen,
die jetzt hier leben.“
Soweit Herr Gilmanow. Wie könnte
man es besser ausdrücken? Wollen wir
nicht alle das, was uns möglich ist, dazu
beitragen, daß die „Sonne der Liebe,
der Wärme und der Fürsorge“ wieder
auf dieses Land scheint?
Als ich 1997 die Kirche in Kumehnen
 sah, beschloß ich spontan,
etwas für ihre Rettung zu tun. Die
anfängliche Euphorie war allerdings
schnell verflogen, als ich merkte, auf was
ich mich eingelassen hatte. Viele, auch
gut meinende, rieten mir ab. Ich legte
den Plan erst mal beiseite.
Es waren dann insbesondere ausländische
 Freunde aus der Schweiz, die mir
Mut machten (vermutlich, weil sie sich
die Schwierigkeiten noch weniger vorstellen
 konnten als ich). Ich erzählte die
Geschichte einer guten Freundin, Diana
Obinja, Künstlerin in Berlin, gebürtige
Russin, in den 70er Jahren nach
Deutschland emigriert. Ohne einen
Moment zu zögern, sagte sie ihre Unterstützung
 zu (ohne Dolmetscherin wäre
die ganze Sache sowieso ziemlich aussichtslos
 gewesen). Wir planten die
Reise für August dieses Jahres; eine weitere
 Freundin (Karin Krautschick)
schloß sich an.
So fuhren wir also mit dem Zug nach
Kaliningrad/Königsberg. Und von dort
gleich mit dem Taxi nach Kumatschowo/Kumehnen
 - ohne Adresse
oder Ansprechpartner vor Ort, „nur“
mit einer Vision im Kopf: die Menschen,
die heute in dem Dorf wohnen, fiir die Idee
zu gewinnen, die langsam verfallende
Kirche in ihre Obhut zu nehmen und als