Fuchsberg
Über unseren Heimatort ist mir in
den letzten Monaten nichts Neues
zugetragen worden. - Der Agrarring
Koreng wußte dagegen von einem Besuch
im November 1998 bei Frau
Trautmann zu berichten. Sie will
neben ihrer Viehhaltung einige hundert
Hektar Ackerfläche hinzupachten,
wovon dort genügend brach liegt
und sehr günstig angeboten wird.
Ihren beabsichtigten Umzug von Pronitten
nach Annenhof hat sie noch
nicht in die Tat umgesetzt. Bei diesem
Besuch traf Herr Koreng auch einen
Es war im Winter 1945/46 in
Palmnicken. Die Abende waren lang
und vor allen Dingen dunkel, denn es
gab kaum einmal elektrisches Licht.
Man lebte bei einfachen Tranfunzeln,
die schrecklich räucherten und kaum
Helligkeit verbreiteten. Im Dunkeln lag
auch unsere Zukunft, denn was in der
Welt geschah erfuhren wir nicht. Das
Radio hatte man uns weggenommen
und Zeitungen gab es auch nicht. Selbst
Post aus dem "Reich" kam nicht an. Uns
plagte die Ungewißheit über unsere
Angehörigen. Wer hatte das Kriegsende
nach Flucht und Gefangenschaft überlebt?
Da geschah es! Mein Tantchen, die
mit ihrer Familie bei uns untergekommen
war, erzählte immer wieder vom
„Tischchenrücken“. Schon während des
gebürtigen Ostpreußen an, der sich in
der Nähe von Labiau eine „Datscha“
eingerichtet hat und dort auch in der
wärmeren Jahreszeit (...in der alten
Heimat) wohnt. Das Beispiel Trautmann
scheint Schule zu machen. Udo
Felgendreher macht in Köllmisch
Damerau ebenfalls weiter, auch wenn
die letzte Ernte sehr verregnet war, wie
im gesamten nördlichen Ostpreußen.
Klaus Wulff,
Kühner Straße 20 a, 32602 Vlotho,
Telefon: 052 28-7183
Ersten Weltkrieges wurde es veranstaltet,
um etwas über Leben und Tod der
Soldaten zu erfahren. Wir Jüngeren in
unserer damaligen „Wohngemeinschaft“
hätten es gerne einmal ausprobiert, aber
meine Mutter war strikt dagegen. „Nicht
in meiner Wohnung!“ sagte sie - und
damit hatte sich das.
Eines Abends gab es plötzlich und
unerwartet Strom. Muttchen und Opa
Schönfeld beschlossen zu Mehlfelds zu
gehen, denn die hatten ein Radio gerettet
und gut versteckt. Vielleicht konnte
man über irgendeinen Sender etwas zur
Lage der Nation erfahren? Es klappte
nicht! Kein deutscher Sender war ohne
Antenne zu empfangen.
Für uns war es die Gelegenheit!
Tantchen ergriff sofort die Initiative.
Der Nähtisch wurde aus der Ecke geholt,
die Schubladen mußten ’raus, am
Tisch durfte kein Metall sein. Zu viert
setzten wir uns um den Tisch, legten die
Hände auf die Tischplatte und nun war
Ruhe und Konzentration gefordert.
Aber - an folgendes hatten wir nicht gedacht.
Zu unserer „Wohngemeinschaft“
gehörte eine Oma aus Masuren. Eine
gottesfürchtige Frau, die täglich halblaut
in der Bibel las. Wenn russische Soldaten
durch die Wohnung streiften,
schlug sie die Bibel auf, fing an zu lesen
und flüsterte zwischendurch „Hunde,
niederträchtige“. Hatten sie ihr doch
den Koffer mit ihrem Hab und Gut
genommen. Außer der Bibel war ihr
nur der Plüschmantel geblieben, der
unter ihrem Dubbs auf dem Stuhl lag
und so bewacht wurde.
Oma Koletzki sah unserem Treiben
mit gemischten Gefühlen zu, entschloß
sich, die Bibel aufzuschlagen und halblaut
zu beten und wir zu quiddern. „So
geht das nicht“, sagte Tantchen. „Wenn
Oma in der Bibel liest klappt es nie.“
Also zogen wir vier in die Küche und da
begann die Prozedur von vorn. Tantchen
fragte in Abständen: „Tischchen
bist du fertig?“ Es schien eine Ewigkeit
zu dauern, dann war es soweit. Das
Tischchen hob zwei Beine und klopfte.
Wir waren sehr erschrocken, zogen die
Hände von der Platte und starrten uns
an. Wer hatte den Tisch manipuliert?
Alle hatten ein reines Gewissen. Nun
ging auch noch das Licht aus. Beim
Schein der Tranfunzel wurde die Sache
etwas gespentisch - aber da mußten wir
durch. Der zweite Versuch gelang viel
schneller. Tantchen schloß mit dem
Tischgeist ein Abkommen. Einmal
klopfen bedeutete ,ja“, zweimal „nein“.
Zuerst fragten wir nun nach unserem
Alter, hier konnte das Tischchen nicht
mogeln. Klopf, klopf drang es durch die
schummrige Küche. Es stimmte also!
Nun begann die Fragerei nach unseren
Angehörigen. Das Tischchen klopfte
fleißig. Inzwischen kamen Muttchen
und Opa nach Hause, waren tief beeindruckt
und schauten zu. Langer Rede -
kurzer Sintn: Das Tischchenrücken trug
ab nun zu unserer abendlichen Unterhaltung
bei. Wir wurden sogar hier und
da eingeladen oder man kam zu uns
und bald klopften im ganzen Dorf die
Tische.
Natürlich blieb Pfarrer Jänicke das
gottlose Treiben nicht verborgen. In der
Baptistenkapelle wurde eine Versammlung
einberufen. Pfarrer Jänicke zitierte
die Bibel. Wir bekamen die Geschichte
von König Saul zu hören, der zur Wahrsagerin
gegangen war um den Ausgang
seines Krieges zu hören. Ihm wurde sein
Tod prophezeit. Er kam in der Schlacht
am anderen Tag um’s Leben.
Aus der anschließend geplanten
Diskussion wurde nichts, weil keiner
von uns Tischerückern den Mund aufmachte.
Wir aber machten weiter bis die
erste Post unser Dorf erreichte. Die
Überraschung war groß! Es stellte sich
nämlich heraus, der Geist, der aus dem
Tischchen sprach, hatte uns schlicht
und einfach belogen. Seine Aussagen
stimmten nur, wenn einer der Anwesenden
die Antwort wußte. Alle anderen
Weissagungen stimmten nicht mit der
Wirklichkeit überein. Unser Interesse
erlosch damit von alleine. Nur manchmal
holten wir den Nähtisch wieder
Tischchen rücken in Palmnicken.
52 53