Trinkbarem wurden auch Lebensmittel
und Kurzwaren verkauft.
Der Lehrer der einklassigen Dorfschule
hatte seine Dienstwohnung und
natürlich auch seinen Stall für einige
Tiere; wie das bei allen hier Lebenden
der Fall war.
Zurück zu dem Hof Pojerstieten Nr.
7, der für viele Menschen Sicherheit
und Auskommen bedeutete. Niemand
mußte um seinen Arbeitsplatz fürchten,
im Alter und Krankheitsfall wurde
jeder versorgt. Zum Besitzer hatte man
ein gutes Verhältnis, man war aufeinander
angewiesen.
Der Hof bestand aus etlichen Gebäuden:
ein langgestreckter Kuhstall
nebst zwei Hochsilos, der Pferdestall
mit der Stellmacherei und Scheunen.
Das „Herrenhaus“ hatte ein ähnliches
Aussehen wie die Insthäuser, war jedoch
größer, hatte eine große Küche
und bot auch Platz für Gäste. Zwei
Dienstmädchen unterstützten die Hausfrau.
Petroleumlampen erleuchteten die
Räume, da noch die Elektrizität fehlte.
Das Leben war ähnlich bescheiden wie
das der Instleute. Ein Unterschied
wurde sichtbar, wenn Geburten bevorstanden.
Während in den Insthäusern
die Hebamme erschien, wurde die
Ehefrau des Besitzers nach Königsberg
in die Privatfrauenklinik Dr. Abernethy
gebracht.
Die Jahreszeiten bestimmten den
Rhythmus des Landlebens.
Mit dem Frühling wurden die Tage
länger, die Nächte kürzer. Das Forkener
Fließ verwandelte sich zu einem
gewaltigen Strom. Die nicht gepflasterte
Dorfstraße wurde kaum passierbar.
Schreie der nordwärts ziehenden Wildgänse
waren hörbar. Die Weißstörche
kehrten von ihrem Winterquartier zurück.
Die Menschen, die lange in Abgeschiedenheit
gelebt hatten, sowie die
Natur erwachten.
Der Sommer machte das Forkener
Fließ zu einem beliebten Badegelände.
Die Dorfjugend hatte viel Freude beim
Angeln von Fischen und Flußkrebsen.
Häufige starke Gewitter waren an der
Tagesordnung. Besonderes Erlebnis
waren die Ausflüge der gesamten Belegschaft
mit dem buntgeschmückten
Leiterwagen; man wagte sich sogar bis
nach Rauschen zu fahren.
Dann der Herbst, der den Einsatz
aller verlangte. Der Arbeitstag war zwölf
Stunden lang. Nur der Sonntag war
Ruhetag. Schulgänger durften, auf dem
Sattelpferd sitzend, den Erntewagen von
Hocke zu Hocke weiterfahren. Später
dann die gemeinsame Treibjagd im
Dorf, ein Erlebnis sowohl für Jäger als
auch für die Treiber. Das „Schüsseltreiben“
fand im Gasthof Mattem statt.
Der Winter brachte eine dicke
Schneedecke, der Dorffluß bescherte
nach langen Frostnächten der Jugend
eine große Eisfläche. Selbsterstellte
Schlittschuhe und aus Tonnenbrettern
gefertigte Ski ließen teuere Sportgeräte
vergessen. Längere Fahrten konnten
nur mit Pferd und Schlitten zurückgelegt
werden.
Harte Arbeit brachte das Dreschen,
die Lokomobile, vom Treckerfahrer betrieben
und teilweise mit Steinkohle
befeuert, trieb die Dreschmaschine an.
Tagelang wurde die sonst winterliche
Ruhe durch das Surren und den Geräuschen
der Dreschmaschine unterbrochen.
Ein besonderer Tag war dann,
wenn sich der Schlachter einstellte, aus
dem gemästeten Schwein wurde selbst
Wurst - meist in Gläsern eingeweckt -
und Schinken hergestellt, das ein Jahr zu
reichen hatte. Gemütliche Wärme verbreitete
der Kachelofen, wenn draußen
die Winterstürme tobten.
So verging Jahr für Jahr im Rhythmus
der Natur.
Die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten
brachte einen Einschnitt
in dem beschaulichen Leben. Die Wehrpflicht
bedeutete für viele Bedienstete
Abschied nehmen. Natürlich konnten
die Familien in ihren Insthäusern weiterleben.
Die ältesten Söhne mußten die
Arbeit des Vaters übernehmen; spielen
war kaum mehr möglich. Die Erziehung
der Kinder lag nun allein bei der Mutter,
aus ihnen korrekte, fleißige und selbstlose
Menschen mit einem ausgeprägten
Gerechtigkeitssinn zu machen - Tugenden,
die man allgemein den Bewohnern
Ostpreußens nachsagte.
Eine Hitlerjugend wurde gegründet,
man trug Uniform. Für den Krieg wurden
immer mehr Männer benötigt.
Gummireifen mußten für militärische
Zwecke abgeliefert werden. Nach dem
Polenfeldzug wurden als Ersatz für die
eingezogenen Hofarbeiter 11 polnische
Gefangene beschäftigt, die bis zum
Kriegsende zur Zufriedenheit arbeiteten.Dann
näherte sich ständig der
Kriegsgegner. Vorbereitungen für die
Flucht wurden getroffen. Der Besitzer,
der zugleich Bürgermeister war, stellte
den Deputantenfamilien, wenn das Familienoberhaupt
anwesend war, frei,
Zeitpunkt der Flucht selbst festzulegen.
Zwei Familien mußten sich ein 2er-Gespann
teilen. Noch bevor am 21.
Januar 1945 die Abtrennung Ostpreußens
vom übrigen Deutschland durch
eine russische Panzerspitze erfolgte,
konnten einige Instleute mit Fuhrwerk
in den Westen Deutschlands flüchten.
Die noch nicht Geflohenen wurden
immer unruhiger, aber man vertraute
dem Hofbesitzer, er würde schon den
richtigen Zeitpunkt und Fluchtweg festlegen.
Am 30. Januar 1945 verließen
dann noch rechtzeitig alle Hofbewohner
mit drei Pferdeschlitten den Ort Pojerstieten
in Richtung Pillau, einen Tag
bevor der Ort durch die Russen eingenommen
wurde. Hier trennten sich die
Wege. Eine Familie gelangte auf dem
Wasserwege über Gotenhafen nach Saßnitz
und danach mit der Bahn nach
Bremen, wo man bereits am 18. Februar
1945 ankam. Diese Region sollte auch
gleichzeitig die neue zweite Heimat werden.
Die Familie des Besitzers konnte
erst 1948 westdeutschen Boden betreten.
Nach der Flucht von Pillau über
Gotenhafen gelangte man nach Kopenhagen.
In Dänemark schloß sich ein
dreijähriger Lageraufenthalt an.
Karl Willamowius,
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