Blaue Kartoffeln aus Rauschen
Die Landwirte im Ostseebad Rauschen
bevorzugten neben dem Getreidebau
das Setzen von verschiedenen
Kartoffelsorten; für die Frühernte
wurden rosa Kartoffeln gesetzt, darüberhinaus
rote und blaue Sorten, die
besonders gut wuchsen und durchweg
faustgroß waren.
Ein Besuch des Heimatortes im
Frühjahr 1998 führte zum Gehöft des
Onkels, unweit vom Rauschener Mühlenteich,
wo einst mannigfache familiäre
Festlichkeiten aus der Jugendzeit in
Erinnerung geblieben sind.
Die heute russische Bewohnerin
grüßte in leidlich verständlichem
Deutsch bereits vom Hof aus. Wir stellten
uns vor und baten, die Wohnung
des Onkels ansehen zu dürfen. Die
Wohnungseinrichtung der „guten Stube“
sah beinahe aus wie einst; Braune
Kommode, Singer-Nähmaschine, Stühle
mit Rohrgeflecht, dazu weiße Gardinen,
ein anheimelndes Bild.
Nach kurzem Umschauen im
Nebenzimmer erschien die freundliche
Russin mit vier blauen Kartoffeln und
überreichte sie uns als Gastgeschenk.
Da kam Freude auf, in Erinnerung an
unsere Jugendzeit. Beim Kartoffellesen
in den aufgepflügten Furchen waren wir
stolz, wenn wir besonders große Kartoffeln
gesammelt hatten, und die fanden
wir bei der roten oder blauen Sorte.
Sofort kam der Gedanke auf, diese
vier Kartoffeln im eigenen Kleingarten
in schwäbische Erde zu setzen. Gesagt,
getan, die Spannung wuchs bis zur
Ernte. Würde man mit einer Vielzahl
blauer Kartoffeln rechnen können? Die
Stauden wuchsen auf jeden Fall gut
und zum großen Erstaunen erbrachte
die Ernte 28 blaue Kartoffeln, darunter
fünf faustgroße. Eine Freude - ein
besonderes Mittagsgericht wurde zubereitet,
Raclette mit Käse und geröstetem
Schinken. Dazu wurden nur die
vier großen und ein paar kleine Kartoffeln
zubereitet, um den Rest wieder
aussetzen zu können.
Eine Frage bleibt offen: Haben die
blauen Kartoffeln durch den jährlichen
Anbau der russischen Familie 50 Jahre
im Hause des Onkels überdauert oder
wurde diese Sorte auch in anderen
Gärten in Rauschen angebaut?
Herbert Muschlien,
Reuchlinstraße 18, 70178 Stuttgart,
Telefon: 0711 - 611810
Suchanzeige
Ich suche meine vier Brüder: Hans Luick, geh.
am 23.12.1934; Martin Luick, geh. am
8.3.1936; Rudi Luick, geh. am 5.3.1939;
Manfred Luick, geh. am 2.8.1940.
Meine vier Brüder und ich, Hanna Stößel, geb.
Luick, geb. am 25.7.1937, sind in Groß Kuhren
geboren und haben dort auch bis zur Flucht
gewohnt. Im Januar/Februar 1945 sind wir
nach Königsberg geflüchtet und wohnten dort
in der Tiergartenstraße 25 a. Mit im Haus
wohnte eine Familie Neumann (?) oder Naumann
(?). Zu dieser Familie gehörten Großmutter.
Mutter und zwei kleine Mädchen. Im
Sommer 1945 wurde ich ins Krankenhaus eingeliefert.
Seitdem habe ich nichts mehr von
meinen Brüdern gehört. Können Sie, liebe
Leser, oder evtl. Familienmitglieder der Familie
Neumann/Naumann (?) helfen?
Hanna Stößel,
A.-Winckler-Straße 15,99310 Arnstadt
46
ummm
Grote Köpp on dicke Liewer
Neulich habe ich Fische gekauft.
Nein, nicht wie wir es gewöhnt waren,
nein, nicht vom Boot. Aber ich weiß,
so etwas soll es noch geben... Aber ich
wohne doch so weit weg vom Schuß,
da bleibt mir nur noch der Supermarkt.
Eigentlich wollte ich dort nur einen
Karton Milch kaufen, und dann vielleicht
noch mitnehmen was mir so
über den Weg läuft. Aber so etwas
kann teuer werden.
Die Fischabteilung war hier gut
gepflegt, aber für mich roch es bereits
immer durch die „zuene“ Tür. Nun
kommt da so eine junge Frau mit
Mutter entlang und ruft dem Verkäufer
beiläufig zu, daß die grünen Heringe ja
so besonders delikat gewesen wären.
Na, wem läuft da nicht das Wasser im
Mund zusammen. Ich dachte sogleich
an silberglänzende Strömlinge und sah
volle Pfannen davon auf dem Herd
brutzeln. Ich hatte Visionen. „Na joa“,
denk öck, „warom wöllst nich ok wedder
moal probeere, so scheen rösch
gebroade, ös dat doch Lawsoal fär
Liew on Seel.“
Der Verkäufer und ich verstanden
uns auf Anhieb, beide ausgerüstet mit
Sachverstand. Er kam allerdings von
der Adria und ich aus Sorgenau. Was
aber Wasser und Fische anbelangte, da
waren wir uns völlig einig.
Eingedenk des Lobes über die grünen
Heringe, sehe ich sie mir an. Aber
Erbarmung, die hatten ja alle keine
Augen, nicht mal mehr Koppe. „Igitt“
dachte ich, „aber ist amend auch gut,
wohin willst auch nachher mit dem
stinkenden Abfall?“ Denn für eine heimische
Bouillebaisse, die bei uns mit
ausgebratenem Spirkel und eventuell
noch mit Schmand angemacht wurde,
reichten die Fischköppe ja nicht aus,
die Schwänze waren allerdings noch
dran.
Nach einigem Hin und Her entschließe
ich mich vier dieser Fischleiber
zu nehmen. Eigentlich waren es
aber mehr Drontheimer und nicht mit
den Ostseeströmlingen zu vergleichen.
Aber nachdem ich den Verkäufer
schon überredet hatte, mir die Fische
aus dem alleruntersten Eis zu geben,
wollte ich nicht noch mehr meckern.
Denn alles kannst ja heute auch nicht
mehr verlangen. Und dann denke man
dabei nur an die Königsberger
Fischbrücke, da wären einem ja gleich
die Koddern und Fischköppe um die
Ohren geflogen, ganz abgesehen von
dem auf einen niederprasselnden
Vokabular: „Wat, miene Fösch de stinke,
du ole Rachachel, hätt kaum dre
Dittke önne Fupp, oawer mien
Föschkes begnabble, du ole
Klammersacksche vonne Loms, hau
aw, sonst krechst e Handvoll Stint önne
Frät.“ Das war noch milde ausgedrückt.
Nun, wie sie mir geschmeckt
haben? Ehrlich gesagt, enttäuschend,
nicht so wie zu Hause, viel zu fett. Den
viel zu großen Rest legte ich dann in
Essig mit Zwiebel, Pfefferkörner und
Gewürz ein. „Delikat“ kann ich aber
dazu nur sagen. Lohnt sich wieder mal
zu probieren. Aber was den Fischgeruch
angeht, zwei Tage lang packte
mich da das nackte Grausen. Ja, in
Sorgenau, da war alles ganz anders, da
standen vom Frühjahr bis zum Herbst