Kontakte pflegt, und die einen Besuch
in Deutschland für uns zu einem wunderbaren
Erlebnis machen.
Unter den unzähligen Fotos, die sich
im Laufe der vergangenen zehn Jahre
angesammelt haben, findet sich auch
eines von der gesamten ersten Reisegruppe,
von denen inzwischen schon
einige nicht mehr leben. Welche Begeisterung
und Freude strahlten alle
Gesichter aus.
Unsere Ängste wegen möglicher
Schwierigkeiten bei unserer Arbeit
waren im Nu verschwunden. Es war
leicht und angenehm, sich mit den deutschen
Touristen zu unterhalten. Die Erfüllung
ihrer Wünsche wurde für uns zur
Ehrensache. Natürlich wurden unsere
Mühen auch reichlich belohnt. Schlechte
Erfahrungen waren eher die Ausnahme.
Unter uns allen, Touristen, Busfahrern
und Reiseleitern herrschte eine
Atmosphäre der Hoffnung, daß die
traurige Vergangenheit bald durch eine
rasche positive Entwicklung ausgeglichen
würde.
Zu dieser guten Atmosphäre haben
sicher auch die Stadtführungen und
Vorträge von Wladimir Gilmanow beigetragen,
einem Germanistikdozenten
der Kaliningrader Universität. Jn hervorragendem
Deutsch konnte er interessant
seine umfangreichen Kenntnisse
über die Geschichte und gegenwärtige
Lage Königsbergs demonstrieren. Philosophishe
Betrachtungen und schöne
Zitate berühmter Königsberger Persönlichkeiten
würzten den Vortrag - kurz
gesagt: alle Anwesenden, sowohl
Touristen als auch wir, die Reiseleiter
und Dolmetscher, empfanden seine
Vorträge als ein besonderes Erlebnis.
Die Zeit lief unaufhaltsam weiter,
eine Reisegruppe löste die andere ab
und unser Reiseleiterteam war voll ausgelastet.
Oft haben wir als Dolmetscher
alte Ostpreußen zu ihren ehemaligen
Häusern oder zu den Plätzen, wo sie
einst gestanden haben, begleitet.
Oft haben wir Tränen in den Augen
dieser Menschen gesehen. Nicht selten
wurde der Schmerz durch taktvolles und
gastfreundliches Benehmen der heutigen
russischen Bewohner ihrer ehemaligen
Heimstätten gemildert.
Wie ich in vielen Fällen eine solche
Wiederbegegnung mit dem früheren
Zuhause erlebt habe, das möchte ich
einmal schildern.
Nach langem Suchen und Herumfragen
stehen die Touristen und ich vor
einem alten Haus. „Ja, das ist es! Hier
haben wir gewohnt!“ - Nachdem die
ersten schweren Augenblicke des Wiedersehens
nach so vielen Jahren überwunden
sind, möchte man gerne auch
das Innere des Hauses sehen. Ich gehe
zur Eingangstür und bete, daß die heutigen
Bewohner da sind und daß sie
Verständnis für uns haben. Auf mein
Klopfen oder Klingeln öffnet sich die
Tür, meine Erklärungen und Entschuldigungen
werden freundlich aufgenommen
und schon werden wir ins Haus
geführt. Und nun fängt es an: „Hier war
die Küche und hier stand der Herd!“ -
„Diese Wand hat es damals noch nicht
gegeben und hier schliefen die Eltern!“
- „Die Treppe nach oben ist noch so
wie früher und hier oben haben wir als
Kinder geschlafen!“ - „Zwischen diesen
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beiden Zimmern gab es damals noch
eine Tür!“ - und so weiter und so fort....
Oft endete solch ein Wiedersehen
der alten Wohnstätte mit einem gemütlichen
Beisammensein mit den heutigen
Bewohnern.
Ich glaube, daß viele Leser meine
Worte bestätigen und auch über schöne
Stunden berichten können, die man
zusammen im Garten oder im Haus verbrachte
mit Wodka (na klar!) und üppigem
Essen, über dieses und jenes
„plachanderte“ und auf Gesundheit,
Freundschaft und Frieden u. dgl. anstieß.
Im vergangenen Jahr nahm ich an
solch einem schönen Beisammensein in
Staneitschen-Zweilinden (heute mit
noch einem dritten Namen „Furmanowo“
versehen) bei Gumbinnen teil.
Nach einigen ganz beträchtlichen
„Tropfen“ des russischen Feuerwassers
wurde das Ehepaar Kublun mindestens
dreißigmal gefragt, ob es ihnen hier gut
gefiele, worauf immer die gleiche Antwort
erfolgte: „Hätte es uns nicht gefallen,
wären wir nicht wiedergekommen.“
Von ganzem Herzen bin ich dankbar
für die bescheidene Rolle, mit meinem
Wissen und Können zur Annäherung
menschlicher Herzen beizutragen.
Leider gab es auch manchmal, wenn
auch eher selten, einen häßlichen Verlauf
der Begegnung. Ich habe erlebt, wie
Deutsche von Russen angefeindet wurden,
wie man sie nicht ins Haus lassen
wollte und sie beschimpfte. So etwas tat
mir sehr weh.
Aber noch ganz etwas anderes konnte
passieren. Dazu gibt es eine Geschichte:
In Rosenau, einem Vorort von
Königsberg, half ich deutschen Besuchern
bei der Suche nach einem
Haus, das auch bald gefunden war. Bei
der Familie, die im Erdgeschoß dieses
kleinen Siedlungshauses aus den dreißiger
Jahren lebte, sah es wirklich elend
aus. Die Besucher gaben, wie es oft der
Fall ist, etwas Geld, damit das Notwendigste
gekauft werden konnte. Das
wurde auch prompt gemacht, allerdings
in etwas anderer Weise als die Geber
sich das vorgestellt hatten. Am Nachmittag
kamen wir wieder nach Rosenau
zurück und sahen die bereits schwer
betrunkenen Mitglieder der besagten
Familie durch die Siedlung taumeln.
Einer der Touristen sagte mit Unbehagen
in der Stimme: „O Gott, hier
haben wir wohl manches durch unsere
Spende ausgelöst!“
Ja, Trauriges und Heiteres hat es
reichlich gegeben. Manchmal war es
zum Heulen, was Dummheit und Arroganz
von Menschen ohne Herz und
Verstand anrichten konnten. In der
Regel hatte jedoch ein trauriger oder
unangenehmer Zwischenfall ein gutes
oder erheiterndes Ende, so wie im
Märchen.
Und oft gab es Situationen, die mich
an die Worte eines meiner Lieblingsautoren
erinnerten, des russischen
Schriftstellers Michail Bulgakow aus seinem
Roman „Der Meister und Margarita“:
„Das vergossene Blut ist schon
längst von der Erde aufgenommen -
und dort wo es war, blühen die Rosen“.
Jewgenij W. Snegowskij,
ul. Lesnaja 20, Jantarnyj (Palmnicken) 67